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Von der Gabe, die Möglichkeiten zu nutzen

Ingeborg Freigang, Kämmerin und stellvertretende Chefin des Amtes Unterspreewald, wird am Mittwoch in den Ruhestand verabschiedet.
Ingeborg Freigang, Kämmerin und stellvertretende Chefin des Amtes Unterspreewald, wird am Mittwoch in den Ruhestand verabschiedet. FOTO: Harald Friedrich
Nicht nur die Bürgermeister des Amtes Unterspreewald kennen das: Haushaltslesung in der Sitzung mit Ingeborg Freigang. In rasender Geschwindigkeit wird ein perfekt vorbereitetes Papier vorgelesen, das die Visionen der Gewählten in unendliche Zahlenreihen und Abkürzungen gießt. Sinnlos, dabei mitzuschreiben. Wer es aber genauer wissen wollte, bekam die Haushalte von Amt und Gemeinden im persönlichen Gespräch genau erklärt. Wenn‘s sein musste, ging Ingeborg Freigang dabei zurück bis zum Einmaleins des Rechnungswesens. So trocken die Lesung, verdankt unter anderem ihr das Amt Unterspeewald doch, dass es von außergewöhnlich vielen Fördermitteln profitiert hat. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Harald Friedrich


Wie sahen die Visionen und Strategien aus, nach denen das Amt Unterspreewald ab dem Jahr 1993 entwickelt wurde„
Ich würde sagen, die Visionen hatten und haben die Bürgermeister mit ihren Gemeindevertretungen entwickelt, und ihre Vorstellungen waren meiner Meinung nach gut. Visionen muss man haben, ansonsten bleibt man stehen. Viele Sachen sind nicht sofort, sondern später umgesetzt worden. Grundsätzlich sind wir ja auch als Amtsverwaltung das ausführende Organ der Beschlüsse der Gemeindevertretungen, der gewählten Vertreter der Einwohner. Wir können und wollen nichts vorgeben. Wichtig war uns allen gemeinsam, zwei Standbeine des Amts zu entwickeln, den Tourismus und die Wirtschaft.

Da gab es ja in den Anfangsjahren des Amtes eine gewisse Teilung . . .
Heute wollen wir das gar nicht mehr so nennen, weil es nicht mehr so ist, aber damals gab es schon richtigen Unmut. Die Verwaltungsgemeinschaft Unterspreewald Neu Lübbenau mit Sitz in Schlepzig und die Verwaltungsgemeinschaft Vorspreewald Schönwalde mit Sitz in Schönwalde wurden nämlich einander zugeordnet vom Innenministerium, um gemeinsam das Amt Unterspreewald zu bilden. Wirksam wurde das am 30. November 1992. Jenseits der Bahnlinie, von Schönwalde aus gesehen, war das Amt mehr touristisch geprägt. Die andere Seite hatte mehr Wirtschaftskraft mit dem Hauptstandort Gewerbegebiet Freiwalde auf brutto 30 Hektar. Das hatte ich noch als Bürgermeisterin entwickelt. Von der Landesplanung her gab es die klare Vorgabe, keine Gewerbestandorte in der Biosphäre einzurichten. Wir haben beide Seiten gesehen und nach ihren Stärken gefördert: den Tourismus einerseits, die Wirtschaft andererseits.

Es gab also keine Vorgaben, welche Maßnahmen in welchen Gemeinden als nächstes durchgeführt werden sollten“
Das hing von vielen Dingen ab. Dazu brauchte es immer Fördermittel, und darauf gibt es keinen Anspruch. Wir konnten nicht streng planen, sondern mussten die Möglichkeiten nutzen. Ich hatte immer eine Angst: Fördermittel zu verpassen. Doch es hat sehr viel Freude gemacht, vor allem gemeinsam mit dem Bauamt, Mittel zu suchen, neue Töpfe aufzutun. Einige Aufgaben wollten wir übertragen bekommen, und da haben die Bürgermeister zugestimmt, zum Beispiel die der Kinderbetreuung. Der Brandschutz wurde den Ämtern per Gesetz übertragen. So konnten wir die Feuerwehren entwickeln, in Stützpunkte und nachrangigere aufteilen und entsprechend ausstatten. Bei den Kitas haben wir zwei regionale Schwerpunkte geschaffen mit den Häusern in Schönwalde und in Neu Lübbenau. Dort natürlich auch, um den ehemaligen Schulstandort wenigstens als Bildungsstandort aufrecht zu erhalten. Andere Kitas wie die in Schlepzig und Rietzneuendorf blieben in Trägerschaft der Gemeinde, solange sie dafür aufkommen können.

Es scheint, als hätte ihnen die Zeit recht gegeben, denn das Amt Unterspreewald hat seine Einwohnerzahl stabil gehalten, zeitweise sogar leicht vergrößert.
Das lag sicher unter anderem am Gewerbegebiet Freiwalde und dem Wohn-Misch-Gebiet „Lindenstieg“ und „Neue Wiesen“ . Da gab es Zuzug, von nach der Wende 280 Einwohnern bis auf mehr als 360. Sicher ist da auch die Kita im Nachbarort Schönwalde eine tragende Säule, ebenso, dass es dort Fleischer, Bäcker und Sparkasse gibt.

Wenn es also keine detaillierte Planung gab, wie das Amt entwickelt werden sollte, müssen die Bürgermeister schon Vertrauen in die Verwaltung haben.
Ja, es war immer ein gutes Miteinander. So ein Vertrauen muss man sich aber auch verdienen und erarbeiten, das bekommt man nicht geschenkt. Erleichtert hat das Vertrauen, dass alle drei Amtsdirektoren seit Ende 1993, Dr. Markus Grünewald, Carsten Saß und jetzt auch Jens-Hermann Kleine, die Gemeinden so akzeptiert haben und akzeptieren, wie sie sind. Das war ihr Grundsatz, und das ist auch mein Grundsatz und der der Verwaltung. Deshalb gab es bei aller Kritik, die ja auch sein muss, dieses gewisse Grundvertrauen und gute Miteinander.

In der turbulenten Nachwendezeit war es sicher schwer, eine Entwicklung abzusehen. Damals sind ja auch Fehler gemacht worden.
Der Bedarf ist Anfang der 1990er-Jahre in vieler Hinsicht als viel zu hoch eingeschätzt worden. Zwar haben sich die Investoren die Klinken in die Hand gegeben, aber was realisiert worden ist, ist viel weniger. Die Bürgermeister und andere konnten es nicht besser wissen, als von diesem hohen Bedarf auszugehen. Doch das Land hätte es besser wissen müssen. Mit diesen Größen ist ja auch der Abwasserverband Wavas gegründet worden, der bis zum Jahr 1999 praktisch arbeitsunfähig geworden war. Auch das Gewerbegebiet Freiwalde hätten wir nach diesen Vorgaben doppelt so groß bauen können, und es gibt auch eine Planung dafür. Am Ende wurden 85 Prozent der 30 Hektar Flächen verkauft, und der Gemeinde sind keine Schulden geblieben.

Wie kamen Sie mit den unausgeglichenen Haushalten zurecht„
Wegen der Umlage für den Wavas betrifft das die Gemeinde Unterspreewald und Krausnick/Groß Wasserburg. Wir haben versucht, unter anderem über den Schuldenmanagementfonds zu erreichen, dass es weiter geht, haben uns damit nicht abgefunden, sondern nach Lösungen gesucht. Wichtig war auch, dass die Amtsumlage so sein musste, dass sie die Gemeinden nicht umbringt. Denn diese haben die Kreis- und die Amtsumlage zu zahlen. Da mussten wir als Verwaltung sparsam wirtschaften. Das hieß auch, als im Jahr 2004 ein paar Aufgaben wegfielen, dass dann Arbeitsstunden gekürzt wurden. Das war bitter, aber ein notwendiger Schritt.
Persönlich belastet hat mich, dass die Gemeinde Bersteland durch die Insolvenz einiger Betriebe einen Fehlbetrag hat. Sie hatte viel Geld, hat von den Steuern der Betriebe gelebt. Dann brachen erst die Steuern und gleichzeitig die damit verbundenen Schlüsselzuweisungen weg. Im Moment sehe ich keinen Ausweg, wann das auszugleichen ist. Die Betriebe arbeiten zwar wieder, aber der Fehlbetrag muss erstmal ausgeglichen werden. Das ist schon bitter, wenn man auf die Steuern angewiesen ist und die dann, wofür die Gemeinde selbst nichts kann, wegbrechen.

War das Gewerbegebiet Freiwalde, das Sie als Bürgermeisterin entwickelt haben, Ihr besonderes „Kind“ “
Am Anfang, gleich nach der Wende, bestimmt. Aber wie das mit den Kindern so ist - irgendwann nehmen sie ihren eigenen Weg. Ich habe meine Gemeinden alle gerne, habe jede so akzeptiert wie sie ist. Ich denke, das war auch zu spüren.

Wie haben die Amtsdirektoren das Amt geprägt„
Jeder auf seine Weise. Dr. Grünewald hat uns das Verwaltungshandeln beigebracht, Carsten Saß den Abwasserverband Wavas auf tragfähige Beine gestellt, so dass er ein Satzungsrecht hatte und arbeitsfähig wurde. Er musste ja aufgrund des Gesetzes den Verbandsvorsteher machen und Dinge ausbaden, für die er gar nicht verantwortlich war. Er hat sehr viel geleistet, was kaum jemand gewusst hat. Das konnte er auch deshalb, weil er schon eine funktionsfähige Verwaltung hatte. Außerdem hat er die Gemeindegebietsreform durchgeführt. Die Gemeinden, die damals durch Zuordnungserlass zum Amt kamen, wollten jetzt freiwillig bleiben. Das hat er sicher durch seine gute und ruhige Art mit gefördert. Ähnlich setzt das Jens-Hermann Kleine jetzt fort.
Wenn wir im Unterspreewald nicht Amt geblieben wären, hätten wir nicht mehr so viel investieren können. Denn so hatten wir einen Amtshaushalt, drei ausgeglichene und drei unausgeglichene Gemeindehaushalte. Da die ersten drei noch gut entwickelt waren, konnten wir entsprechende Eigenanteile zu Fördermitteln leisten. Als Gemeinde mit einem Haushalt hätten wir keine Eigenmittel mehr gehabt und uns nicht mehr um Fördermittel bewerben können. Viel an Reserve war zwar nicht in den Gemeinden, aber wir haben es immer geschafft, trotzdem noch was zu machen, indem wir sparsam und wirtschaftlich gearbeitet haben.
Alle drei Amtsdirektoren sind Juristen, haben einen hohen Ausbildungsstand und sind sich der Folgen ihres Handelns bewusst. Alle drei sind jung und haben von mir bestimmte Erfahrungen angenommen. Umgekehrt habe auch ich von ihnen viel gelernt.

Als stellvertretende Amtsdirektorin haben sie zwischenzeitlich das Amt geleitet, auch in den Monaten vor dem Beginn von Dr. Grünewalds Zeit. Hatten Sie Lust, sich selbst für den Posten zu bewerben“
Das stand für mich nie zur Debatte. Ich war mit Leib und Seele Kämmerin.

Fällt es Ihnen schwer, diese Berufung jetzt an den Nagel zu hängen?
Freude gemacht hat mir alles. Ich bin jeden Tag gern ins Amt gekommen, bei allen Problemen hat es mir immer Spaß gemacht. Aber ich habe mein Leben lang gearbeitet, und die letzten 16 Jahre haben schon viel Kraft gekostet. Ein Mensch ist nicht unbegrenzt ein Jungbrunnen. Ich habe immer meine ganze Kraft eingesetzt, viel Verantwortung getragen, das nie als Last empfunden. Aber das zehrt auch. Ich hatte viel Unterstützung von meiner Familie, sonst wäre das gar nicht möglich gewesen. Man muss sich auch vom Arbeitsleben erholen können, wenn man noch ein paar Jahre leben will. Deswegen gehe ich ohne Wehmut, mit vielen guten Erinnerungen und wenigen schlechten.

Mit INGEBORG FREIGANG sprach Ingvil Schirling

Zur Person Ingeborg Freigang
 Geboren am 4. Mai 1944 in Freiwalde, war sie beruflich 15 Jahre in der LPG Rietzneuendorf tätig. Im Jahr 1967 heiratete sie, 1968 kam ihr Sohn zur Welt. Sie arbeitete in den LPG Freiwalde und Rietzneuendorf in der Finanzbuchhaltung beziehungsweise als Ökonom, studierte nebenher und bereitete die Haushaltsplanungen vor. Von 1990 bis Ende 1992 war sie hauptamtliche Bürgermeisterin von Freiwalde, danach ging sie in die Amtsverwaltung Unterspreewald, wurde Kämmerin und stellvertretende Amtsdirektorin.