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| 11:31 Uhr

Spreewälder Erfahrungsaustausch
Von Dachmarke zu Dachmarke

Gisela Christl aus Lübben berichtet über ihr touristisches Unternehmen.
Gisela Christl aus Lübben berichtet über ihr touristisches Unternehmen. FOTO: Peter Becker
Lübbenau/Lübben. Touristiker und Landwirte werben für ihre Besonderheiten und tauschen sich über Probleme und Änderungswünsche aus. Von Peter Becker

Am frühen Morgen und leicht fröstelnd finden sich 60 Spreewälder Touristiker auf dem neuen Lübbener Parkplatz ein. Grit Bandemer (Tourismusverband Spreewald), Melanie Kossatz und Andreas Traube (Spreewaldverein) weisen in den Tagesablauf ein. Insgesamt sechs Ziele sollen im Laufe des Tages angesteuert werden – allesamt sind touristische Anbieter, die unter der Dachmarke Spreewald vereint sind. Ziel der Veranstaltung ist es, genau diese, die beispielhaft für alle 128, die unter der Dachmarke stehen, bekannt zu machen, Netzwerke zu bilden und sich auszutauschen.

Noch in Lübben gibt es nach wenigen Fahrminuten den ersten Stopp bei Gisela Christl. Die als „Spreewald-Christl“ bekannte Steinkirchnerin ist als Reiseleiterin, Traditionspflegerin und Gastgeberin besonders für das Gurken-Seminar tätig. In ihren Räumlichkeiten spiegelt sich das Spreewaldleben wider. Ihr riesiger Bauernhof mit zahlreichem Federvieh aller Art ist besonders für die Kinder ein Magnet.

Der nächste Stopp ist in Reichwalde. Der Landwirtschaftsbetrieb Lühmann unterhält eine Milchtankstelle die täglich von 5 bis 21 Uhr geöffnet ist. Auch Käse und Wurst kann der Nutzer aus dem Automaten ziehen – de facto ein automatischer Dorfkonsum mit sehr freundlichen Öffnungszeiten. „Schade nur, dass wir keine Werbung an der nahen B115 aufstellen dürfen. Wir brauchen noch mehr Absatz“, klagt Simone Jermis.

Der Bischdorfer Landwirt Helmut Richter erläutert den Touristikern sein Konzept vom lebendigen Bauernhof.
Der Bischdorfer Landwirt Helmut Richter erläutert den Touristikern sein Konzept vom lebendigen Bauernhof. FOTO: Peter Becker

In der Brennerei Sellendorf erfahren die Teilnehmer von Geschäftsführerin Annette Diebow noch mehr zu den aktuellen Problemen aller Landwirte, die wegen der Trockenheit schlechte Ernten eingefahren haben. Ihr Betrieb verarbeitet das selbstgeerntete Korn zu „Korn“ und anderen so genannten Stimmungsaufhellern. Sie verdeutlicht, wie sie besonders in diesem Jahr auf guten Absatz angewiesen sind, um die Folgen der Dürre einigermaßen kompensieren zu können. „Wir verfüttern jetzt schon Stroh – wir wissen nicht, wie es weitergehen soll!“, so die besorgte Geschäftsführerin.

Dieser Umstand wird in Göritz noch mehr verdeutlicht. Geschäftsführer Thomas Goebel (er hat für die Veranstaltung extra seinen Urlaub unterbrochen) berichtet von den enormen Schwierigkeiten des Pflanzenproduktionsbetriebes. Als eine der zusätzlichen Einnahmequellen, die touristisch vermarktet werden, nennt er den Gurkenflieger. Urlauber können auf dem Bauch liegend ihre Einlegergurken selbst pflücken. Im Internet kann man die „Abflugzeiten“ erfahren. Daneben erfreut sich die hauseigene Bauernküche regen Zuspruchs. „Wir könnten aber noch mehr vertragen“, sagt Thomas Goebel, „es gibt jede Menge Platz und vor allen Dingen Gerichte aus Selbstangebautem.“ Vorm Haus ist ein großer Spielplatz für die Kleinen und ein weiterer mit Alttechnik für die Großen.

Der Vetschauer Gemüsebauer Ricken führt einen Betrieb mit 70 Vollbeschäftigten und zahlreichen Saisonarbeitern. Ihn plagen noch ganz andere Sorgen: „Wir produzieren in einem wenig freundlichen Umfeld, unterliegen dem Preisdruck der Abnehmer und sind der Witterung ausgeliefert, die in diesem Jahr keine ist!“ Was Ricken meint, ist, dass mit wenig Sachkenntnis seine Produktionsmethoden kritisiert werden. Ein Teil seiner Folien sind biologisch abbaubar, es fehlt nur der Regen. Die Produkte, besonders die Erdbeeren, sind leicht verderblich und manche Handelsketten bitten „aus heiterem Himmel“ um einen Lieferstopp für eine Woche. Wohin mit den Früchten, möglichst ohne finanziellen Verlust? Seine mehr als  100 Erdbeerkioske im weiten Umfeld können auch nur aufnehmen, was abgekauft wird. „Die, die Lebensmittel angeblich lieben, lieben aber nicht die Erzeuger. Ich bin auch für die Einführung eines ‚fair trade‘ für deutsche Bauern“, bringt Ricken in seinem 45-minutigen Vortrag seine Sorgen zum Ausdruck. Ein herzlicher Applaus der 60 Touristiker zeigt, dass er verstanden wurde.

Der Bischdorfer Landwirt Helmut Richter setzt auf große Nähe zwischen Erzeuger und Verbraucher. Bei ihm kann man auf der Koppel wohnen, den Tieren auf der Wiese und im Stall zuschauen und es sich vor allen Dingen schmecken lassen. Große Räumlichkeiten laden zum Feiern ein, besonders beliebt sind seine Schlachttage. „Bei mir gibt es ’ne Nase voll würziger Landluft und jede Menge ehrlich erzeugter Produkte in Direktvermarktung.“

Am späten Nachmittag treffen die Busse wieder am Ausgangspunkt ein. Aus den Gesprächen der Teilnehmer ist zu entnehmen, dass die Sorgen der Anbieter angekommen sind, dass man nur in einem gut funktionierenden Netzwerk eine gewisse Kompensation schaffen kann, und dass es vor allen Dingen ein sehr gelungener Tag war.