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| 01:20 Uhr

Von angesehenen Kaufleuten und der „Jüdin Astrich“

Zwei Mitarbeiter des Rathauses sehen sich die Stolperstein-Ausstellung vor dem großen Ratssaal an. Auf den Stellwänden haben Schüler der Spreewald-Schule in Zusammenarbeit mit dem Lübbener Forum die Schicksale der verfolgten und getöteten jüdischen Einwohner festgehalten, für die am morgigen Mittwoch Stolpersteine verlegt werden sollen.
Zwei Mitarbeiter des Rathauses sehen sich die Stolperstein-Ausstellung vor dem großen Ratssaal an. Auf den Stellwänden haben Schüler der Spreewald-Schule in Zusammenarbeit mit dem Lübbener Forum die Schicksale der verfolgten und getöteten jüdischen Einwohner festgehalten, für die am morgigen Mittwoch Stolpersteine verlegt werden sollen. FOTO: Ingvil Schirling
Warum ging Sophie-Charlotte Astrich in den Freitod? Was wurde aus den Geschäften von Minna und Julius Burchardi und Albert Bock? Diesen Fragen ist ein Team aus Schülern der Spreewald-Schule und dem Lübbener Forum in einem Projekt nachgegangen. Von Ingvil Schirling

«Lübben – Jüdisches Leben gestern und heute» ist dessen Titel. Für die Menschen, deren Schicksale sie erforschen konnten, werden Stolpersteine verlegt. Ihre Lebenswege haben die Schüler in einer Ausstellung im Lübbener Rathaus dokumentiert.

Am morgigen Mittwoch ab 11 Uhr ist es soweit. Vor den Häusern der Burchardis, der Wolffs, der Bocks und von Sophie-Charlotte Astrich wird ein etwas erhöhter Pflasterstein verlegt. Dieser „Stolperstein“ soll die Menschen in ihrem Alltagslauf aufhalten und darüber nachdenken lassen, wie viele Leben ein furchtbarer Teil deutscher Geschichte gefordert hat, der bis heute nachwirkt.
Möglich gemacht hat das eine Gruppe aus Spreewald-Schülern und Mitarbeitern des Lübbener Forums, die sich gemeinsam auf die Spuren jüdischer Lübbener begeben haben, die im Zuge des Nationalsozialismus in der Spreewaldstadt entrechtet wurden, verarmten, deportiert und getötet wurden – oder Suizid begingen.
Sophie-Charlotte Astrich beispielsweise. Als 33-Jährige trat sie ihren Dienst als Mathe- und Naturwissenschaftslehrerin an der Mädchenmittelschule in Lübben an. 1925 interessierte es noch wenige, dass sie Jüdin war. Sie wollte in Lübben bleiben und ihre Mutter nachholen, die in Breslau wohnte, und kaufte acht Jahre später ein Grundstück an der Brunnenstraße 8. Doch nur wenig später wendete sich das Blatt. Im Alter von 40 Jahren wurde sie vorzeitig pensioniert, bekam die Judengesetze mit voller Wucht zu spüren, wurde als „Jüdin Astrich“ bezeichnet, gedemütigt, entrechtet. Am 23. September 1941 war sie am Ende und tötete sich selbst. Gegen 12.30 Uhr am Mittwoch wird vor ihrem ehemaligen Haus ein Stolperstein verlegt.
Am Schutzgraben 11 geschieht Gleiches für Minna und Julius Burchardi. Sie hielten es bis 1942 im weitgehend antisemitisch gewordenen Lübben aus und waren somit nach den Erkenntnissen der Schülergruppe die letzten. Alle anderen Juden waren bereits emigriert, in der Illegalität oder tot.
Julius Burchardi, Glasermeister mit eigener Glaserei und Lehrlingsausbildung, beliebter Moderator bei Aufmärschen der Schützengilde und wahlberechtigtes Mitglied der Synagogengemeinde, musste sein Geschäft aufgeben und an den Stadtrand ziehen. Um zu überleben, ließ er sich bei Glasermeister Fiedler in der Judengasse anstellen. Ab dem 17. September 1941 mussten er und Minna Judensterne tragen. Ein halbes Jahr später wurden sie vor den Augen ihrer Tochter abgeholt, mussten im Polizeigefängnis eine Vermögenserklärung unterschreiben und wurden ins Warschauer Ghetto deportiert. Ihre letzte Nachricht von dort erreichte ihre Tochter am 22. Juli 1942.
Johanna und Wilhelm Wolff waren in Lübben sehr angesehene Kaufleute. Zum 50. Geburtstag ihres Geschäfts gab es jedenfalls sehr viele Gratulationen, vermerkt die Schülergruppe. Die Boykottaufrufe der Nationalsozialisten ruinierten ihr Geschäft. Wilhelm Wolff starb 1937, kurz nachdem beide nach Berlin in ein Altersheim der jüdischen Loge gezogen waren. Während ihre Tochter nach Israel emigrierte, weigerte sich Johanna Wolff, Berlin zu verlassen. Im August 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und starb dort kurz darauf. Ähnlich erging es dem Luckauer Albert Bock, der in Lübben ein Geschäft hatte.
Start der Stolperstein-Aktion ist um 11 Uhr vor dem Haus von Johanna Wolff in der Hauptstraße 16. 20 bis 30 Minuten später geht es zum ehemaligen Wohnort der Burchardis am Schutzgraben 11, anschließend zur Logenstraße 12, wo Kaufmann Bock wohnte, und schließlich zur Brunnenstraße 8, dem alten Heim von Sophie-Charlotte Astrich.

Zum Thema Unterstützung aus LAP
 Das Projekt „Lübben – Jüdisches Leben gestern und heute“ , das Spreewald-Schüler in Zusammenarbeit mit dem Lübbener Forum gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit betreiben, wird aus dem Fördertopf des Lokalen Aktionsplans (LAP) des Landkreises Dahme-Spreewald unterstützt. Er steht für Vorhaben zur Verfügung, die Fremdenfreundlichkeit und Toleranz zum Inhalt haben.