Der Bahnhof Jamlitz liegt in der Abendsonne, die Hitze dieses Sommertags ist noch überall zu spüren. Ungewöhnlich viele Fahrzeuge stehen auf dem Parkplatz. Besucher kommen ins Justus-Delbrück-Haus - in Erinnerung an die Zeit vor sieben Jahrzehnten, mit heutigem Interesse. Am 5. Juni 1944 war der erste Transport mit jüdischen Häftlingen von Auschwitz im KZ-Außenlager Lieberose angekommen - Haltepunkt Bahnhof Jamlitz.

Was wussten die Jamlitzer, die Lieberoser damals vom Außenlager des KZ Auschwitz? Was konnten sie wissen, was wollten sie wissen? Das sind Fragen, die immer noch bewegen und die deshalb auch an diesem Abend Jakob Richter gestellt werden. Der 87-Jährige war mit seinem Sohn aus Chicago gekommen. Er hat den Holocaust überlebt - eine Station war das KZ-Außenlager Lieberose in Jamlitz.

"Ich hatte die Hoffnung aufgegeben, einen Überlebenden kennenzulernen", sagt Andreas Weigelt. Der Historiker arbeitet seit Jahren zu dem Thema, hat Publikationen wie "Judenmord im Reichsgebiet. Lieberose: Außenlager des KZ Sachsenhausen" veröffentlicht und ist Leiter der Dokumentationsstelle Lager Jamlitz. "Ich habe das Buch im Internet gefunden, als ich nach der Lieberoser Geschichte gesucht habe", sagt Jakob Richter. Viele der Namen in dem Buch habe er gekannt. Und so schickte er eine E-Mail nach Deutschland, der Kontakt zu Lieberose war hergestellt.

Was hat ihn bewogen, die lange Reise anzutreten? In Sachsenhausen sei er bereits gewesen, doch der Anknüpfungspunkt zu Lieberose sei schwieriger, weil er niemand kannte. Er wollte die Gedenkstätte in Jamlitz besuchen. "Es ist befriedigend zu sehen, was hier passiert. Nicht viele andere Gemeinden tun das", sagt Jakob Richter. Was er erlebt hat, seine Erinnerungen an die Zeit im Liebeoser Lager sollen nun auch mit einem Interview dokumentiert werden, das er Andreas Weigelt gibt. Bemerkenswert ist die weitere Lebensgeschichte von Jakob Richter. Er ging nach Israel. "Im Kibbuz wurde ich zum Marxisten ausgebildet", sagt er. Dann diente er in der israelischen Armee. "Ich wurde vom Häftling zum Hauptmann - das ist ein anderes Leben", erzählt er. Später ging er in die USA, studierte, wurde Steuer- und Wirtschaftsberater, gründete eine Familie. Jakob Richter überzeugt durch seine emphatische Haltung.

Beeindruckend ist die Erinnerungs- und Informationsveranstaltung, die von der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Land und dem Justus-Delbrück-Haus gemeinsam vorbereitet wurde. Namen von jüdischen Häftlingen, die im KZ-Außenlager Lieberose dem Massenmord zum Opfer gefallen waren, tragen gemeinsam Florian Balser und Anett Quint vom Justus-Delbrück-Haus, die Konfirmanden Jonas Sprenger und Sören Liedtke, Schauspielerin Momo Kohlschmidt, Komponist und Autor Kai-Uwe Kohlschmidt sowie Andreas Weigelt vor. Friederike Müller aus Ressen begleitet auf der Harfe die Veranstaltung.

Es sind viele, die gemeinsam etwas tun - mit den Vorbereitungen, mit ihrer Präsenz an diesem Tag. Gerade nach den beiden Anschlägen im Mai auf die Freiluftausstellung zur Geschichte des KZ-Außenlagers Lieberose in Jamlitz gehe es weiter, betont Pfarrerin Susanne Brusch.

Der Bahnhof Jamlitz ist heute ein Haltepunkt für Straßenkinder, Träger ist die Akademie für Mitbestimmung des Karuna-Vereins. Das Haus trägt den Namen von Justus Delbrück, der 1945 im sowjetischen Speziallager Nr. 6 ums Leben kam und knüpft an einen weiteren Teil der Jamlitzer Geschichte an. Mit "Im Wald und auf der Heide" haben Kai-Uwe Kohlschmidt und An dreas Weigelt mit zahlreichen Akteuren ein Jahrhunderthörspiel geschaffen. Die Evangelische Kirchengemeinde Lieberose und Land ist Träger der 2003 errichteten Dokumentationsstätte KZ-Außenlager Lieberose.