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| 18:24 Uhr

Lebendige Kunst
Auf den Spuren des schönen „Lau’chen“

 Im Jamlitzer „Gartenatelier Pisspott“ laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Friederike Seiffert, Enkelin der Künstler Erich Seiffert und Urenkelin von Walter Kühne, wählt Arbeiten zum Oberthema Italien aus, rahmt und hängt sie.
Im Jamlitzer „Gartenatelier Pisspott“ laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Friederike Seiffert, Enkelin der Künstler Erich Seiffert und Urenkelin von Walter Kühne, wählt Arbeiten zum Oberthema Italien aus, rahmt und hängt sie. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Jamlitz. Am Samstag wird zum vierten Jamlitzer Ateliertag eingeladen. Faszinierende Geschichten über den weit verzweigten Künstlerkreis, Arbeiten unter dem Oberthema Italien und launige Erinnerungen erwarten die Gäste – und ein brandneues Großprojekt zum Mitmachen. Von Ingvil Schirling

Was ist es eigentlich, das aus dem kleinen Dorf Jamlitz, weithin von trauriger Berühmtheit als Standort eines Konzentrations- und Internierungslagers mit tausendfachem Mord, auch einen Ort für Künstler mit mannigfaltiger Außenwirkung gemacht hat? Dieser Frage darf man an diesem Wochenende nachhängen. War – und ist – es die plötzlich so hügelige Landschaft? Die faszinierende Mischung aus Trockenstandorten, Mooren und Seen? Ein besonderes Licht?

Wie auch immer: Mit Walter Kühne, Erich Seiffert, Franz Lippisch, Bianca Commichau-Lippisch und vielen anderen kamen und gingen im 19./20. Jahrhundert um die 25 Künstler in Jamlitz ein aus, manche ließen sich fest nieder. Heute entsteht in dem abgelegenen Ort Moderne Kunst aus den Händen von Bernd Beck und Udo Keck.

Am Samstag darf mit ihnen und einigen Nachfahren der Künstlerfamilien Kühne, Seiffert und Co. über das besondere Flair von Jamlitz in positiv-kreativer Hinsicht diskutiert werden. Ab 11 Uhr wird zum vierten Jamlitzer Ateliertag eingeladen. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der ausstellenden Künstler und Ateliers.

 Kleines Stillleben mit Keramik Im Jamlitzer "Gartenatelier Pisspott". In dem kleinen Dorf bei Lieberose lebten und arbeiteten zeitweise viele Künstler. Auch heute entsteht aus den Händen von Udo Keck und Bernd Beck moderne Kunst. Der vierte Jamlitzer Ateliertag am Samstagabend ist ein Gemeinschaftsprojekt der ausstellenden Künstler und Ateliers.
Kleines Stillleben mit Keramik Im Jamlitzer "Gartenatelier Pisspott". In dem kleinen Dorf bei Lieberose lebten und arbeiteten zeitweise viele Künstler. Auch heute entsteht aus den Händen von Udo Keck und Bernd Beck moderne Kunst. Der vierte Jamlitzer Ateliertag am Samstagabend ist ein Gemeinschaftsprojekt der ausstellenden Künstler und Ateliers. FOTO: LR / Ingvil Schirling

Das geheime Wissen der Einwohner

Der Tag ist mit einem brandneuen Großvorhaben in Dahme-Spreewald und der Region verbunden. Mit Hilfe einer Landkreis-Förderung ist es jetzt möglich, die Geschichte der Jamlitzer Künstler für die Öffentlichkeit zu präsentieren.

Die Nachfahren der seit der Zeit um 1900 in Jamlitz arbeitenden Künstler beschäftigen sich intensiv mit der Historie ihrer Vorfahren, teilt Friederike Seiffert stellvertretend für sie mit. Die Enkel und Urenkel „recherchieren zu den Lebensgeschichten, dem Miteinander der Künstler untereinander, mit den Bürgern vor Ort und mit den damaligen Auftraggebern. Ihre Werke werden gesichtet und bisher Unbekanntes aufgestöbert“, sagt sie.

Der vierte Jamlitzer Ateliertag soll auch Anlass sein, sich vor Ort zu treffen und Geschichten auszutauschen, lebendige Erinnerungen, humorvolle Anekdoten. Viele Aspekte, auch aus dem Alltag, sollen zusammengetragen und am Ende auf einer Internetseite präsentiert werden. So bleibt das Andenken an den kreativen Kreis lebendig – und ein wichtiger Teil der Jamlitzer Geschichte, der von positiver Inspiration und Schaffenskraft zeugt, wird noch deutlicher und für alle sichtbar.

Das verkehrte Hakenkreuz und andere Geschichten

Friederike Seiffert hat schon jetzt viele Geschichten auf Lager. Zum Beispiel die, warum eine Radierung von Italien – dem diesjährigen Oberthema im Atelier von Walter Kühne – als geographischer Umriss irgendwie aussieht wie der berühmte Stiefel – und dann auch wieder nicht... denn Sizilien liegt doch nicht östlich der Stiefelspitze? Wer sich wundert, hat eine lachende Urenkelin des Künstlers an der Seite, die erklärt: Beim künstlerischen Druck auf der Platte muss natürlich spiegelverkehrt gedacht werden. „Da hat er’s versemmelt“, sagt sie mit viel Humor, Nachsicht und Liebe. So etwas passiert also auch den Besten – und pikanterweise ein weiteres Mal zur Zeit der Nationalsozialisten. Da bekam ihr Großvater Erich Seiffert den Auftrag, ein Hakenkreuz zu drucken. Widerstrebend tat er es – und vertat sich. Das Ergebnis zeigte sich spiegelverkehrt. Was aus heutiger Perspektive fast zum Schmunzeln reizt, dürfte ihn schlaflose Nächte gekostet haben.

Die Folgen des Krieges trafen schlimmer. Die einzige Bombe, die in Jamlitz einschlug, zerstörte das Haus an der Hauptstraße oberhalb des liebevoll „Pisspott“ genannten Ateliers und tötete die Ehefrau Walter Kühnes. Viele Druckplatten, Arbeiten, Bücher und Schriftstücke waren verloren. Auch deshalb suchen die Nachfahren nach Erinnerungen und Informationen – nicht, um Dinge zurückzuerlangen, sondern um Wissenslücken zu schließen.

Die schöne Lau und die Liebe zu Jamlitz

Bei Urenkelin Friederike Seiffert laufen die Fäden zusammen. Über ihre Großmutter Marie, benannt nach „der schönen Lau“ von Eduard Mörike und bekannt als „das Lau’chen“, pflegte sie eine enge Verbindung zu Jamlitz, wiewohl nach dem Weggang des Vaters und später auch der Großmutter aus der DDR in Oberbayern aufgewachsen.

Als junge Frau kehrte sie zurück, um ihre Diplomarbeit in Geographie in Jamlitz zu vollenden. Nun ist es ihr eine Herzensangelegenheit, ein inneres Bedürfnis, über die Erinnerung an den vor Kreativität vibrierenden Künstlerkreis wieder mehr Leben in den Ort zu bringen. „Daraus speist sich auch das Gemeinschaftsprojekt, in dem sich die hier angesiedelten Künstler mit präsentieren“, sagt sie – neben der kunstgeschichtlichen Aufarbeitung.

Diese hat viele Aspekte. Walter Kühne hat seine hochkreativen Gene großzügig weitergegeben: Beispielsweise über seine Tochter Maria, das Lau’chen, die zwischenzeitlich Lebeck hieß, ehe sie Erich Seiffert heiratete. Aus jener Verbindung entstand Robert Lebeck, Fotograf  und Sammler von Weltruhm, unter anderem verehrt wegen seiner berührenden Porträts von Romy Schneider. Oder über den Urenkeln William Cohn, der als Schauspieler, Sänger und aus der Zusammenarbeit mit Jan Böhmermann für das NeoMagazin Royal bekannt ist.

Sehr viele, wenn nicht alle Nachfahren Walter Kühnes sind künstlerisch-kreativ tätig. Ein Höhepunkt des Tages wird neben den Geschichten und Begegnungen die Lesung um 19.30 Uhr sein, wenn Sprachgestalter Urs Klebe aus den Memoiren seines Großvaters liest: Walter Kühne in Italien. Vielleicht ist es ja tatsächlich ein wenig italienisches Flair, das Jamlitz noch heute für Kreative so unwiderstehlich macht.