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| 01:34 Uhr

Verliebt in ein ganz altes Instrument

Herren in Rot: Die polnischen „Zbaszyniacy“ spielten im Schlepziger Brauhaus auf, unter anderem mit Anna Kummerlöw und den „Dresden Pipes & Drums“.
Herren in Rot: Die polnischen „Zbaszyniacy“ spielten im Schlepziger Brauhaus auf, unter anderem mit Anna Kummerlöw und den „Dresden Pipes & Drums“. FOTO: Jens Golombek
Während der Sturm „Emma“ draußen um die Hausecken pfiff und Fensterläden zum Wackeln brachte, tauchte die Schlepziger Brauerei am Samstagabend während des ersten deutsch-polnischen Dudelsacktreffens in einen Orkan der hohen Töne ein. Dort war zu einem „Oidche Ghàidhlig“ – einem Gälischen Abend – im Rahmen der Konzertreihe „Jazz und Buffet“ der Privatbrauerei eingeladen worden. Die „Dresden Pipes&Drums“, die mecklenburgischen „Pipes&Drums of Clan MacLanborough“ und die polnischen „Zbaszyniacy“ schickten ihre Sammelrufe bis in die letzten Ecken des Gebäudes. Von Jens Golombek

Gespielt wurde auf der Brauhaus galerie. Zusätzlich wurde der Platz zwischen den Sudkesseln kurzerhand zur Bühne umfunktioniert, wobei dann der Rest zur Tribüne avancierte. Immerhin mussten drei Musikergruppen im Gebäude untergebracht werden. "Das ist der totale Wahnsinn", kommentierte Veranstalterin Anja Römer die drei ganz besonderen Kapellen im Schlepziger Brauhaus.

Gefunden durch Mundpropaganda
"Ich bin vor acht Jahren nach Dresden gekommen, hatte schon vorher Pipes gespielt", berichtete Pipe-Major Ulrich Frey von den Anfängen seiner "Pipes &Drums". "Und da es dort vorher keine Band gab, haben sich irgendwann durch Mundpropaganda und das Internet die ersten drei Dudelsackspieler gefunden. Mittlerweile sind wir 20, aber darunter auch Anfänger, die sich noch keine Auftritte zutrauen."
Er selbst sei durch Zufall in eine Dudelsack-Übungsstunde geraten und nach einer halben Stunde infiziert gewesen. "Die Hälfte der Leute lieben sie, die anderen hassen diese Musik", so Ulrich Freys Erfahrungen. "Ich denke, heute überwiegen hier eindeutig die Liebenden, denn das ganze Event ist einfach Superklasse. Auch wenn das Zusammenspielen mit den anderen Gruppen toll aussieht, so ist es doch für uns sehr schwer."
Schon an den Vortagen hatte in Schlepzig ein Workshop stattgefunden. "Denn bei den Pipes muss man jedes Stück mehrfach lernen. Einmal auf der Flöte, dann mit dem Dudelsack, und abschließend das Zusammenspiel in der Band."
Neben den sächselnden Hobbymusikern waren auch Spieler aus den nördlichen Gefilden vertreten. In der Band um den Schotten George Getty fand sich mit der Schwerinerin Anna Kummerlöw eine Frau, die wie ihre Kollegen keinen Rock, sondern einen Quilt trug, der bei dem von ihr aufgeführten keltischen Tanz erst richtig zur Geltung kam. "Ich wurde durch meine Eltern erheblich vorbelastet", erklärte die 18-jährige Tochter des mecklenburgischen Pipe-Majors ihr ungewöhnliches Hobby. "Aber ich habe erst mit elf Jahren begonnen, Dudelsack zu spielen, obwohl ich nach dem ersten bewussten Hören verliebt in das Instrument war."
Mittlerweile darf sie sich als erfolgreiche Spielerin bezeichnen. Ein Wettbewerb im Januar brachte ihr zwei Deutsche Meisterschaftstitel. "Es ist halt voll und ganz meine Musik, mein Leben."
Die Herren von "Zbaszyniacy" hatten keine Quilts, sondern ihre großpolnische Trachten angelegt. "Wir sind eine Folkloregruppe, die fast nur Volkslieder aus unserer westpolnischen Region ,Bock' spielt", erklärte Christoph Olszenski. "Es ist einfach super, hier mit den Anderen zu spielen. Deshalb freuen wir uns alle sehr, dass dieses Treffen geklappt hat. Bier, Brauhaus und Verpflegung sind auch einfach super."
Auffällig waren die weißen Dudelsäcke der Polen, die dort "Böcke" heißen. Der stilisierte Kopf eines Ziegenbocks verbirgt die Melodiepfeife und ist, je nach Anlass vorgegeben in Weiß oder Schwarz, nur eine von fünf Varianten. "Die Dudelsackkunst in Polen geht mehr als 700 Jahre weit zurück. Neben den Geigen sind das bis heute die populärsten Instrumente", so Christoph Olszenski.

Seltene Geigen waren dabei
Neben der ‚abgebundenen Geige', erst durch die um eine Quinte erhöhten Töne zusammen mit Dudelsäcken spielbar, hatten die "Zbaszyniacy" auch eine berühmte Dreisaitengeige im Gepäck, ein kleines, aus einem Stück Holz gefertigtes einfaches Instrument.
"Ich freue mich, dass so viele Leute aus der näheren Umgebung den Weg durch den Sturm zu uns gefunden haben", zeigte sich Dr. Torsten Römer von der Zuhörerresonanz begeistert. "Da spielen wir bestimmt bis in die Puppen, auch wenn die Fenster wackeln. Dabei hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass ich eines Tages mal einen deutsch-polnischen Dudelsackabend veranstalten würde."
"Spreewälder Whiskey und dunkles Bier im Ausschank, stürmisches Hochlandwetter vor der Tür, das Brauhaus durchflutet von Dudelsackmusik", schwärmte Marko Lehmann. "Käme die Rechnung in britischen Pfund, die Illusion wäre perfekt."
Auch für Beate Gessner hatten sich die Erwartungen erfüllt. "Ich finde es toll, dass nicht nur ein Haufen Dudel säcke spielen, sondern die Musik mit Trommeln und Pauken, Geigen und Klarinetten oder der Gitarre immer wundervolle klangliche Abwechslung bietet." Ihr Mann kritisierte augenzwinkernd die fellbesetzten Instrumente: "Ich finde es voll gemein, dass die Polen die ganze Zeit die kleinen, weißen, wolligen Knuts unter den Armen zerdrücken."
Am 5. April findet die Schlepziger Jazz-Saison im Brauhaus mit Jessica Galle ein vorläufiges Ende. "Aber Ende Oktober geht es dann wieder los mit Neuentdeckungen und Bewährtem", versprach Anja Römer.