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| 16:33 Uhr

Eine Eiche, zwei Meinungen
„Uschis Eiche“: Ein Baum sorgt für Diskussionen in Staakow

Diese Eulen-Plakette fehlte der Eiche auf dem Nachbargrundstück von Uwe Paulitz. Bevor sie unter Naturschutz gestellt werden konnte, wurde sie gefällt.
Diese Eulen-Plakette fehlte der Eiche auf dem Nachbargrundstück von Uwe Paulitz. Bevor sie unter Naturschutz gestellt werden konnte, wurde sie gefällt. FOTO: LR / Steven Wiesner
Staakow. 30 Jahre lang hat sich Uwe Paulitz um eine Eiche auf seinem Nachbargrundstück gekümmert. Nun ist sie gefällt worden – laut Paulitz zu Unrecht. Von Steven Wiesner

Wer Uwe Paulitz in letzter Zeit ein schönes Wochenende wünschen wollte, der kann schon mal des Öfteren ein „Nein, das habe ich nicht“ zu hören bekommen haben. Denn dem 57-Jährigen ist die gute Laune zuletzt ein wenig abhandengekommen. Die Ursache dafür ist ein Baum – oder besser gesagt die Tatsache, dass es eben jenen nicht mehr gibt.

30 Jahre lang hatte sich der Frührentner aus Staakow zusammen mit seiner Frau um eine große Eiche gekümmert, die auf seinem verwaisten Nachbargrundstück stand. Der Eigentümerin des Areals war es schon lange nicht mehr möglich, hier nach dem Rechten zu sehen. Also fühlte sich Uwe Paulitz fürs Straßenfegen, Rasenmähen, Laubharken und nicht zuletzt auch für den Baum verantwortlich. Mehr denn je, nachdem die ältere Dame vor sechs Jahren verstorben war. „Ich habe Uschi versprochen, dass ich mich um die Eiche kümmere“, sagt Uwe Paulitz und schiebt ernüchtert hinterher: „Jetzt muss ich zum Grab gehen und mich entschuldigen.“ Denn das Grundstück hat zwar einen neuen Besitzer, aber keine Eiche mehr. Der Baum ist vor einigen Wochen gefällt worden.

Dass es einen triftigen Grund dafür gegeben haben soll, die stolze 170 Jahre alte Pflanze mit dem Umfang von 4,40 Metern dem Erdboden gleichzumachen, zweifelt Uwe Paulitz stark an. Ein Rechtsanwalt habe ihm versichert, dass der Baum gar nicht hätte gefällt werden dürfen, da der Antrag, den Baum zu schützen, noch geprüft wurde vom Umweltamt und es sich somit um ein schwebendes Verfahren gehandelt habe. Die nun erfolgte Zuwiderhandlung könnte laut Rechtsanwalt sogar eine Ordnungswidrigkeit nach sich ziehen, erläutert Paulitz. „Ich will aber niemanden bestrafen und anzeigen“, sagt er. „Ich wollte doch nur den Baum schützen.“

Im Jahr 2002 habe ein Gutachten ergeben, dass die Eiche bis auf 20 Jahre schützenswert sei, erklärt Paulitz. „Und die sind noch nicht vorbei.“ Doch seinerzeit fehlte das Geld, um den Baum unter Naturschutz zu stellen und mit der symbolischen Eulen-Plakette abzusichern, die Bäume als Naturdenkmal deklariert und selbigen einen unantastbaren Status verleiht. Also stellte Uwe Paulitz im Sommer 2018 erneut einen Antrag auf Unterschutzstellung. „Und das war wohl das Todesurteil der Eiche“, sagt er heute. „Von da an ging alles ganz schnell.“ Eines Morgens war es dann soweit. Paulitz war nicht mal zuhause, als der Baum gefällt wurde, sondern ausgerechnet beim Umweltamt, um sich nach dem neuesten Stand zu erkundigen. „Sonst hätte ich mich davorgestellt.“ Die einzige logische Erklärung für Paulitz ist, dass der neue Eigentümer Bauraum schaffen wollte. Dass bereits ein Vorbauantrag für das Grundstück existiert, der von der Gemeinde beschlossen worden sein soll, bestätigt Paulitz in seiner Meinung. „Ich habe auch nichts dagegen, dass gebaut wird. Das will ich nochmal betonen. Aber man hätte die Eiche stehen lassen können.“

Das Umweltamt fühlte sich auf RUNDSCHAU-Nachfrage nicht zuständig. Dafür verteidigt Burkhard Nass, Leiter der Oberförsterei Luckau, die Fällung. Er sagt: „Der Baum war teilweise durchgefault. Es bestand die Gefahr, dass er bei einem Sturm auf die Straße kracht. Aber das will dann im Ernstfall immer keiner verantworten. Vielleicht hätte die Eiche auch noch fünf Jahre gestanden, das kann alles sein. Aber das Risiko bestand. Und Menschenleben sind das höhere Gut.“

Unabhängig davon, irgendwelche Baupläne zu kennen und zu wissen, ob der neue Eigentümer die Eiche tatsächlich nur aus dem Weg hat räumen lassen, um bauen zu können, ordnet Nass ein: „Ein neuer Besitzer könnte ohne Begründung nicht einfach einen Baum fällen und bauen. Wald muss Wald bleiben und Grundstücksbesitzer sind dringend in der Verantwortung, Wald auch als solchen zu erhalten.“

Uwe Paulitz aber überzeugt das alles nicht. Er glaubt nach wie vor nicht, dass der Baum in einem kritischen Zustand und gefährdeter als andere Exemplare in der Umgebung war. Bedeutungsschwanger schließt er: „Die Eiche hat Weltkriege, Stürme und einen Blitzeinschlag überlebt – nur das Bauvorhaben eines Menschen nicht.“