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| 01:08 Uhr

Und nach dem Sonntagsbraten in die Gruft

Illmersdorf.. Die warmen Strahlen der Frühlingssonne haben seit einigen Tagen die Winterruhe der Illmersdorfer Mumien beendet. An Sonn- und Feiertagen wird von 11 bis 16 Uhr wieder die kleine blaue Tür im Inneren der Kirche geöffnet. Hinter ihr befinden sich die sterblichen Überreste von vier Adligen in Prunkgewändern. Von Mai bis Oktober können sie samstags, sonntags und feiertags von 10 bis 15 Uhr in Augenschein genommen werden. Von Ronald Ufer

„An den Sonntagen geht der Betrieb eigentlich erst nach der Mittagszeit los. Gerade Familien kommen oft erst um die Kaffeezeit“ , sagten Anja und Christin Schöllner von der Leuthener Kirchengemeinde. Sie gestalten meist gemeinsam die Führungen, dann vergeht die Zeit schneller, wenn doch weniger Besucher kommen.
Die beiden Schülerinnen, die zur Jungen Gemeinde gehören, kamen 2003 über das Angebot, in der Ferienzeit in der Kirche auszuhelfen, nach Illmersdorf. Ein bis zwei Mal im Monat erläutern sie Gästen die Geschichte der Kirche und der Adelsfamilie Norman. Die Mädchen erzählen Interessantes zur Ausstattung des Gotteshauses und natürlich zu den Mumien und den Ursachen dieses Phänomens.
Hinter der schützenden Glasscheibe ruhen Caspar Ernst von Norman, der Bauherr der Kirche, sein Sohn, seine Mutter und seine Schwiegertochter, die noch ihr totes Baby im Arm hält. Sechs weitere Särge in der Gruft sind geschlossen, für die Reinigung der Mumien und ihrer farbenprächtigen Festgewänder fehlen der Kirchgemeinde und dem kleinen Ort das Geld.
Ihr Wissen über die Normans und die Kirche haben die Jugendlichen unter anderem in Gesprächen mit dem früheren Pfarrer Peter Krüger erworben. Dabei sehen sie sich nicht vorrangig als „Mumienwächter“ . Ihre Führung stellt die Verstorbenen in den Kontext ihrer Zeit und weiterer Spuren im Ort und der Kirche.
„Früher war diese Kirche den Adligen vorbehalten, die Dorfbewohner mussten nach Greifenhain zum Gottesdienst laufen“ , weiß Anja Schöllner zu berichten. Auch für den wertvollen Altar schwärmen die jungen Mädchen und für die vielen erhaltenen und restaurierten Stücke aus der Gründungszeit des Gotteshauses.
Bei der vor wenigen Jahren abgeschlossenen Sanierung der Kirche wurden nur die alten Bemalungen freigelegt und konserviert. Dass auf Versuche verzichtet wurde, sie zu ergänzen, finden die beiden angemessen. „So wirken die schönen alten Elemente besser.“ Auch auf die schöne Fachwerkrückseite der Kirche und in die Außenmauern eingelassene Wappen weisen die Mädchen hin.
Ein alter Hut ist für die jungen Führerinnen, dass die Mumien Schaulustige anziehen. „Das war früher auch nicht anders. Da sind die Kinder nach dem Unterricht sogar aus Leuthen hergekommen, haben sich den Kirchenschlüssel geholt oder sind durch ein Fenster in das Gotteshaus und dann in die Gruft gelangt und haben in die Särge geschaut“ , wissen sie aus Erzählungen in der Familie.
Rund 1500 Besucher kamen im Vorjahr zur Illmersdorfer Gruft, 30 waren es am ersten diesjährigen Öffnungstag. Manche Gäste waren 2003 erst im zweiten Anlauf erfolgreich, nachdem sie zuerst nach Illmersdorf bei Dahme gefahren waren.
Während im April den Führern noch viel Zeit blieb, mit Gästen zu plaudern, gibt es zu Pfingsten, am Himmelfahrtstag und dann ab Juni dafür kaum noch Zeit. Reisegruppen, viele Familien und Radfahrertrupps, die beispielsweise unterwegs zur Koselmühle oder entlang des Koselmühlenfließes sind, füllen dann die Kirche. Viele Illmersdorfer kommen gern mit Bekannten zur Gruft. Auch über das Internet, Mundpropaganda und Presseberichte hat sich die Geschichte der Mumien verbreitet und zieht Gäste an.