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| 17:53 Uhr

Umfrage
Spreewälder blicken skeptisch auf Kohleausstieg 2038

Luckau/Lübben/Lübbenau. Spreewälder sind skeptisch, wie es nach dem Jahr 2038 in der Region weitergehen soll. „Wir brauchen ausreichend Ersatzarbeitsplätze“, sagt beispielsweise, Matthias Nerenz, Vorsitzender des Heimatvereins Calau.

Die Kohlekommission, in der neben Politikern auch Klimaschützer, Unternehmer und Forscher saßen, hat sich am Wochenende auf einen Kohleausstieg bis spätestens 2038 verständigt. Im Abschlussbericht werden 40 Milliarden Euro Hilfen für die Kohleregionen vorgeschlagen. Die Spreewälder sehen den Kompromiss mit gemischten Gefühlen.

Heidi Dreiucker (66) aus Lübben sagt: Lübben ist zwar nicht unmittelbar vom Kohleausstieg betroffen, trotzdem habe ich die Diskussionen interessiert verfolgt. Dass es überhaupt zu Ergebnissen kam, finde ich gut, allerdings schätze ich sie nicht als optimal ein. Auch wenn ganz viel Geld in die Region gesteckt wird, ist nicht klar, ob die Menschen bleiben, sich hier wohlfühlen und Arbeit finden können. Es muss von vornherein gut überlegt sein, wohin das Geld fließen soll. Ich finde es gut, wenn die Lausitz ein Forschungsstandort werden würde. Allerdings ist das so weit in die Zukunft geplant, dass ich nicht weiß, ob wir Älteren das noch erleben werden. Wir können hier im Spreewald auch nicht nur auf den Tourismus setzen. Bei den Planungen sollte auch die Gesundheitsinfrastruktur berücksichtigt werden. Nicht, dass Fachkräfte weiter abwandern und wir hier am Ende nur noch den Tourismus haben.

Matthias Nerenz, Vorsitzender des Heimatvereins Calau, kommt der Bericht der Kohlekommission wie ein Schnellschuss vor. „Wir haben hier in der Lausitz gewachsene Strukturen, die man nicht so schnell ändern kann. Wir brauchen ausreichend Ersatzarbeitsplätze, damit die Region nicht ausstirbt. Und solange nicht sicher auf Speicherkapazitäten gesetzt werden kann, machen die erneuerbaren Energien kaum einen Sinn. Sie erzeugen zwar eine Grundlast, aber wenn mal kein Wind weht oder die Sonne mal nicht scheint, stoßen wir an unsere Grenzen. Deutschland will zwar in vielen Dingen – wie beim Kohleausstieg – die Vorreiterrolle übernehmen, aber wenn andere Länder nicht mitziehen, ist das mehr als fragwürdig. Insofern wird man den Bericht sicher noch präzisieren müssen.“

Detlef Grätz, sachkundiger Einwohner aus Lübbenau, sagt: „Der vorgelegte Bericht erscheint mir noch unausgegoren. Das Braunkohle-Ausstiegsdatum im Jahre 2038 ist zu verfrüht. Man kann keine funktionierende Industrie abwickeln, solange keine neuen Industriezweige nachwachsen. Und die sehe ich derzeit nicht. Da helfen auch die angekündigten finanziellen Zusagen der Bundesregierung nicht. „Wenn im Osten viele Industriearbeitsplätze verloren gehen, wird die Politikverdrossenheit zusätzlich geschürt.“

Hans-Joachim Pawlitzki, ehemaliger Direktor des Tagebaus Greifenhain: „Ich nehme die Umweltprobleme sehr ernst“, sagt der ehemalige Altdöberner, der heute in Hoyerswerda wohnt. „Trotzdem kann ich nicht verstehen, warum nun ein Kohleausstiegdatum 2038 vorgegeben wird. Bis 2038 könnten nicht annähernd so viele Arbeitsplätze entstehen wie verloren gehen werden. Ich befürchte, dass so eine Situation entsteht wie kurz nach der Wende, als in der Region über 100 000 Menschen ihre Arbeit verloren haben. Es werden doch in unserer Region nicht nur Arbeitsplätze für Hochqualifizierte gebraucht. Und es ist überhaupt noch nicht erkennbar, wie bis 2038 die Energie- und Wärmeversorgung auf anderem Weg sichergestellt werden soll. Ein Winter wie 1978/1979 hätte nach 2038 wohl schlimme Folgen.“