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Überrascht von der malenden Großmutter

Ganz dicht drängt sich das Haus an die Straße. Es ist gleich das zweite hinter dem Ortseingang, um das die Straße nach Jamlitz hinein eine scharfe Kurve zieht. Hinter dem Haus beschatten alte Bäume den Garten. Unumzäunt geht dieser in die hügelige Wald- und Wiesenlandschaft über. Im Haus, in einem Raum an der Straßenseite, hatte Bianca Commichau-Lippisch (1890 – 1968) ihr Atelier. Auch im Garten stand manchmal ihre Staffelei. Bilder von ihr sind im Stadt- und Regionalmuseum Lübben in einer Sonderausstellung zu sehen. Von Dörte Hellwig

Das Haus hatte Franz Lippisch, der Vater der Malerin und selbst Maler, in den Jahren 1914/15 erworben. Wie andere Künstler hatte er sich in die Gegend verliebt. Ein Landschaftsbild von ihm dominiert jetzt die Stube auf der Gartenseite des Hauses. Daneben hängt ein kleineres Porträt eines blonden Mädchens - Bianca, vom Vater gemalt.
Diese und andere Bilder, schwere Möbel aus Lippischs Zeiten, eine Bücherwand, Esstisch und Couch ecke geben dem Raum Gemütlichkeit. Ein von den jetzt in dem Haus Lebenden kaum genutztes „Heiligtum“ „ „Nein, ein normales Wohnzimmer“ , sagt Matthias Krebs (42), Enkel der Malerin. Er ist in diesem Haus groß geworden, lebt hier mit seiner Mutter Margot Krebs (82) und Familie. „In diesem Raum wird auch gefeiert wie nach der Eröffnung der Ausstellung.“ Diese sei der Grund, weshalb in dem Wohnzimmer zurzeit „fast nur Lippisch zu sehen ist, nichts von Bianca. Das ist ja alles in Lübben“ , sagt Matthias Krebs. Er freut sich über die Resonanz, die die Ausstellung erfährt, weil es sich um das Schaffen seiner Großmutter handelt und er viel Arbeit in die Schau gesteckt habe.

Zeitaufwändige Suche
Als Lübbens Museum vor einigen Jahren eine Schau Spreewaldmalern gewidmet hatte, waren auch Bilder der Jamlitzerin dabei. Museumsdirektorin Christina Orphal habe sich im vergangenen Herbst an die Familie der Künstlerin gewandt mit der Idee einer Personalausstellung. „Meine Mutter war natürlich sehr erfreut“ , so Matthias Krebs. „Mein Wunsch war immer, sie als Künstlerin und berufstätige Frau mit einer Ausstellung zu ehren“ , sagt Margot Krebs. „Ich wollte der Allgemeinheit zeigen, dass sie sehr gute Sachen gemacht hat. Aber ich habe nie die Zeit dafür gehabt.“ Denn diese ist reichlich notwendig gewesen, um eine repräsentative Schau des Schaffens der Jamlitzerin zusammenzustellen. Zwar hatte Bianca Commichau-Lippisch sehr viel gemalt. Aber von ihren Bildern waren eine ganze Reihe, die in Lübben gelagert gewesen waren, der Zerstörung der Stadt im Frühjahr 1945 zum Opfer gefallen. Und nach 1945 „hat sie uns mit ihrer Malerei ernähren müssen“ , erklärt ihre Tochter Margot. Denn der Vater Franz Lippisch war im Jahr 1941 gestorben, der Ehemann Alfred Commichau 1944 gefallen. Im Jahr des Kriegsendes zog Bianca Commichau-Lippisch mit ihren drei Töchtern in das vom Vater geerbte Haus in Jamlitz.
Die Zusage zu der Ausstellung in Lübben bedeutete also für die Nachfahren Bianca Commichau-Lippischs eine Menge Recherche. „Es existieren keine Aufzeichnungen darüber, an wen was verkauft wurde“ , sagt Margot Krebs. „Ich war immer im Interview mit meiner Mutter: Wo ist denn diese Landschaft“ Wo könnte das entstanden sein?“ , erzählt Matthias Krebs.
Neuland habe er mit dieser Arbeit betreten. Nicht nur, weil er, der als Planer im Bauwesen tätig ist, sich bislang kaum tiefgehend mit Kunst beschäftigt, geschweige eine Ausstellung erarbeitet hatte. „Natürlich bin ich hier mit den Bildern, Fotografien und Erzählungen über Bianca aufgewachsen. Und mir gefallen ihre Arbeiten sehr. Zu supermodernen, abstrakten Sachen fehlt mir noch der Zugang. Aber ich habe erst jetzt entdeckt, was meine Großmutter alles gemalt hat, bin mehr in die Tiefe gegangen, was ihr Leben und ihre Arbeit betrifft.“ „Wir haben uns an Biancas Gesamtwerk herangetastet.“ Um eine Auswahl für die Ausstellung treffen zu können, wurde versucht, ein Werksverzeichnis zusammenzustellen. Umfangreich ist es geworden. Es spiegelt die künstlerische Entwicklung von Skizzen während des Studiums bis hin zu den eindrucksvollen Porträts und schönen Landschaften der reifen Künstlerin wider. Es zeigt die Vielfalt ihres Ausdrucks.
„Ich war beeindruckt, wie fundiert ihre Ausbildung gewesen sein muss, an welch verschiedenen Stilen sie sich versucht hat und wie viel Arbeit darin stecken muss, seine Hand immer wieder zu schulen“ , sagt Matthias Krebs. Dass sich seine Großmutter während ihrer Ausbildung in Weimar beispielsweise auch mit Ornamentik, Holzschnitt und Bildhauerei befasst hatte, „wusste ich nicht“ . „Sie hat viel gezeichnet, um zu üben“ , erzählt seine Mutter, „und viel draußen gearbeitet.“ Dafür habe sie sich angeeignet, schnell in Pastell skizzieren zu können. „Denn wenn du in der Natur mit Öl arbeiten willst, musst du mit viel Gepäck losziehen“ , so Margot Krebs. „Also ist Mutter mit ihrem Klapphocker, Rucksack und einer Mappe aus Holz losgezogen, hat in der Landschaft Studien betrieben, skizziert und dann im Atelier gearbeitet“ , erinnert sie sich.

Von Kindern geliebt
Wenn Bianca Commichau-Lippisch jemanden porträtierte, „hat sie mit Erwachsenen immer eine Unterhaltung angefangen. Kindern hat sie Märchen erzählt. Es ist eine Leistung, von Kindern, die nie lange stillhalten, solche Porträts zu malen, wie es meine Mutter getan hat: Sie hat es geschafft, den Charakter widerzuspiegeln.“ Matthias Krebs vermutet, dass es in Jamlitz und Umgebung „sehr viele gibt, die ein Kinderporträt von sich besitzen, das meine Großmutter gemalt hat“ . Von ihm selbst existiert ein solches nicht, im Gegensatz zu seinen drei Geschwistern. Denn er war gerade mal ein Dreivierteljahr alt, als seine Großmutter im Jahr 1964 zu ihrer jüngsten Tochter Silvia nach Holstein zog.
Kinder hätte ihre Mutter geliebt, sagt Margot Krebs. „Denn sie hatte viel Phantasie und Herzenswärme. Von meinen Kindern ist sie immer nur ,Mutter‘ genannt worden. Sie war die Seele des Hauses, der Familie.“ Matthias Krebs spricht nicht von ,Mutter‘, sondern von Bianca. „Ich habe einen größeren Abstand zu ihr. Und als meine Cousine und ich jetzt an der Ausstellung arbeiteten, haben wir uns angewöhnt, von ,Bianca‘ zu reden.“ Diese Arbeit wolle er fortsetzen.

Junko schaut jeden an
„Wir sind immer noch dabei, das Werksverzeichnis zu ergänzen“ , erkärt er. Vielleicht werde er auch herausfinden, wie die mongolische junge Frau, die seine Großmutter porträtierte, eingedeutscht richtig geschrieben wird. „Wir haben sie jedenfalls immer Junko genannt“ , erzählt Margot Krebs. „Meine Mutter hat sie während ihrer Zeit in der thüringischen Reformschule ,Freie Schulgemeinde Wickersdorf‘ 1917 bis 1919 malen wollen. Junko wollte in ihrer mongolischen Tracht dargestellt werden und hat dann ihren Namen in ihrer Sprache auf das Bild geschrieben. Auf dieses fiel sofort der erste Blick, wenn man das Atelier betrat. Meine Mutter hat es geliebt.“ Es sei „ungewöhnlich“ , fügt Matthias Krebs an. „Verändern Sie in der Ausstellung mal ihren Standort vor diesem Bild: Junko wird sie immer anschauen.“
Wenn die Commichau-Lippisch-Schau im Lübbener Museum im Oktober abgebaut wird, bleiben einige wenige Bilder von Bianca Commichau-Lippisch in dem Schloss in der Spreewaldstadt - diejenigen, die als Dauerleihgabe seit Jahren den Raum bereichern, der der Volkskunst, den Trachten gewidmet ist. In dem zweiten Haus am Jamlitzer Ortseingang wird wieder mehr von seiner einstigen Bewohnerin zu sehen sein, auch in dem hohen, kühlen Atelier, in dem zurzeit lediglich die Büste einer jungen Frau und das Foto einer Großmutter die Künstlerin zeigen, die hier einmal gearbeitet hatte.

Info zum Thema Sonderausstellung
 Die Sonderausstellung über Bianca Commichau-Lippisch im Stadt- und Regionalmuseum Lübben ist noch bis zum 7. Mai und dann wieder ab Ende Juni zu sehen.