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Tschernobyl-Kinder fahren heim

Gruppenbild mit Hund. Die Tschernobyl-Kinder sind gestern zurück nach Weißrussland gefahren. Dreieinhalb Wochen Erholungsaufenthalt im Spreewald liegen hinter ihnen.
Gruppenbild mit Hund. Die Tschernobyl-Kinder sind gestern zurück nach Weißrussland gefahren. Dreieinhalb Wochen Erholungsaufenthalt im Spreewald liegen hinter ihnen. FOTO: Andreas Staindl
Lübben. Die Tschernobyl-Kinder sind auf dem Weg in ihre Heimat. Etwa 18 Stunden Busfahrt liegen vor ihnen. Wann genau sie in Weißrussland ankommen, stand bei der Abfahrt noch nicht fest. Andreas Staindl / asd

Der Abschied gestern zog sich ungeplant in die Länge. Drei Kinder aus Tschernobyl waren zur Abfahrtzeit nicht da. Sie standen mit ihren Gasteltern im Stau auf der Autobahn. Die anderen Kinder und Gasteltern sowie die Helfer des Lübbener Kinderhilfserein für Tschernobyl mussten geduldig auf dem Parkplatz in der Lindenstraße in Lübben warten.

37 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Weißrussland waren diesmal mit in den Spreewald gekommen. So viele waren es noch nie. "Ohne neue Gasteltern wäre das nicht möglich gewesen", sagt Brigida Melzer. "Wir haben ganz tolle Mütter und Väter auf Zeit. Ich bin sehr dankbar, dass sie sich für die Tschernobyl-Kinder engagieren."

Die Vereinschefin selbst zieht unermüdlich die Fäden - auch mit inzwischen mehr als 80 Jahren. Sie überlässt nichts dem Zufall. Brigida Melzer ist mit in den Bus eingestiegen, der die Gäste zurück nach Weißrussland bringt. "Ich möchte dabei sein, wenn die Kinder und Jugendlichen von ihren jeweiligen Erziehungsberechtigten in Empfang genommen werden", begründet sie. "Das ist für mich eine gute Gelegenheit, mit ihnen in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen." Viele der Tschernobyl-Kinder leben ihr zufolge in Kinderheimen oder Gastfamilien. Ihre Mütter, oft auch beide Eltern, seien tot. Der Nachwuchs selbst ist gesundheitlich angeschlagen, ist häufig krank, wie Galina Pronko sagt. Die weißrussische Betreuerin ist deshalb froh, dass den Kindern der Aufenthalt in Deutschland ermöglicht wird. "Die dreieinhalb Wochen reichen, um ihre Gesundheit für die nächsten sechs Monate zu stabilisieren."

Die Gasteltern und Mitglieder des Vereins haben auch diesmal dafür gesorgt, dass sich die jungen Gäste erholen konnten. Sponsoren hatten erneut ein attraktives Programm ermöglicht. Viel Bewegung an frischer Luft, viel Obst und Gemüse, liebevolle Aufnahme in den Gastfamilien. Die Tschernobyl-Kinder wären gern noch länger geblieben.

Ihre Gasteltern atmen erst einmal durch. "Es war eine schöne, aber sehr intensive Zeit", sagt Eveline Schüler. Die Gastmutter hatte gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Reinhard Urban zwei Gastkinder bei sich in Gröditsch (Märkische Heide) aufgenommen. "Im nächsten Jahr", sagt sie, "nehme ich wieder ein Kind, dann allerdings nur eines."

Renate Salffner aus Müllrose (Oder-Spree) hatte erstmals Gastkinder aus Weißrussland. Die Zwillinge Nikolai und Michail (9) haben sie offenbar ziemlich gefordert. "Ich werde wohl weiterhin Kindern helfen, die es nötig haben", sagt sie, "aber wohl nicht als Gastmutter." Detlef Mau aus Dahlewitz (Teltow-Fläming) hatte keine Probleme mit seinem Gastkind: "Ich verstehe und spreche aber auch die russische Sprache."

Ute Koch aus Berlin hat ihre Gasttochter Violetta gestern liebevoll an sich gedrückt - so wie alle andern Familien auf Zeit es auch getan haben. Das Mädchen nimmt nicht nur eine neue Brille mit nach Hause, sondern auch noch eine Sonnenbrille. Beide Brillen hatte ihr Ute Koch in Lübben besorgt. Alle Gasteltern haben den Nachwuchs aus Weißrussland rührend umsorgt, ihn in ihre Familien aufgenommen. Der Kinderhilfserein lädt sie deshalb demnächst zu einem Dankeschön-Abend ein.

Unterstützung gibt es auch von Firmen und Privatleuten. "Die Spendenbereitschaft zieht wieder an", sagt Christel Schneider, Kassenchefin des Vereins. "Wir sind sehr froh darüber, denn das war nicht immer so."