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| 10:40 Uhr

Ein Gespräch mit einer Lübbener Trageberaterin
Tragetasche oder Kinderwagen? Gute Trage

Laura Schäfer berät Eltern markenunabhängig und hilft ihnen, das richtige Trageutensil zu finden. Kontakt: www.trageberatung-herzgefluester.de oder Tel.: 0174 450 5091.
Laura Schäfer berät Eltern markenunabhängig und hilft ihnen, das richtige Trageutensil zu finden. Kontakt: www.trageberatung-herzgefluester.de oder Tel.: 0174 450 5091. FOTO: Laura Schäfer
Lübben. Sein Neugeborenes zu tragen, galt lange als verpönt und polarisiert auch heute noch. Die Lübbener Trageberaterin Laura Schäfer erklärt, warum der Trend wieder auf dem Vormarsch ist – und erhält sogar moralischen Beistand von „James Bond“. Von Steven Wiesner

Hätte es noch einen größeren Beweis gebraucht, als dass sogar „er“ schon sein Kind um den Körper schnallt? Daniel Craig, der britische Schauspieler, der im zurückliegenden Jahrzehnt niemand Geringeren verkörperte als „James Bond“, den berühmtesten Geheimagenten der Welt, den Revolverhelden im Designeranzug, das Flaggschiff der Männlichkeit. Es löste ein mittelschweres Beben aus, als dieser Daniel Craig vor einer Woche dabei gesichtet wurde, wie er seinen Nachwuchs in einer Tragetasche vor der Brust verstaute und durch die Fußgängerzone spazieren trug.

Rasch machte sich ein Fernsehmoderator lustig über den 007-Mimen und stand damit stellvertretend für all jene, die um die klassische Männlichkeit und die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau fürchten. Und ganz sicher auch für die, die generell nicht verstehen wollen, woher der neue Quatsch mit den Babys und den Tragetüchern auf einmal wieder herkommt. „Dabei kommt der Impuls zum Tragen oft von den Männern“, sagt auch Laura Schäfer, die seit September als Trageberaterin arbeitet. Die 26-jährige Lübbenerin vertraut darauf, dass es viele Vorteile mit sich bringt, wenn junge Eltern ihr Neugeborenes am Körper kutschieren, anstatt es in einem Kinderwagen abzulegen, in dem es die Umwelt gar nicht wahrnehmen kann.

Ein Plädoyer für die Tragetasche aber kann schon mal in einen kleinen Kreuzzug ausarten. Da, wo mütterliche Instinke auf gesellschaftliche Ideale prallen. Gerade ältere Semester reagieren mitunter irritiert auf Eltern, die ihre Kinder tragen. Warum eigentlich? Eine gute Frage – oder Trage. „Ich bin auch schon mal beschimpft und gefragt worden, ob ich mir keinen Kinderwagen leisten könne“, berichtet Laura Schäfer, die selbst seit einem Jahr Mutter eines kleinen Jungen ist. „Seine Kinder zu tragen, war lange verpönt. Das wurde früher immer nur den Ökos und Hippies angedichtet.“

Doch seit etwa zehn Jahren ist der Trend wieder auf dem Vormarsch. Und im Grunde ist es ja auch nur die Rückkehr zum Altbewährten und Natürlichen. Schäfer: „Vor 10 000 Jahren haben die Menschen ihre Kinder auch getragen, bis im 18. und 19. Jahrhundert der Kinderwagen erfunden wurde oder reiche Familien ihre Kinder den Ammen überlassen haben. Das war auf einmal ein Statussymbol – und das Tragen ein Symbol der Armut.“

Dabei bestätigen wissenschaftliche Erhebungen, dass sich das Tragen durchaus positiv auf die Entwicklung und Menschwerdung eines Babys auswirken kann. „Studien belegen, dass Kinder, die getragen werden, bis zu 40 Prozent weniger schreien“, sagt Laura Schäfer. Außerdem würden Wirbelsäule und Hüftgelenke besser reifen können, wenn sich Neugeborene in der sogenannten Anhock-Spreiz-Haltung in der Tragetasche befinden. Und noch dazu entstünde eine viel stärkere Bindung zwischen Mama, Papa und Kind, wenn das Baby die Wärme und den Herzschlag des Körpers spürt. Für Laura Schäfer der wichtigste Punkt, was auch der Name ihrer Trageberatung zum Ausdruck bringen soll: „Herzgeflüster“.

Die junge Lübbenerin, die als staatlich geprüfte Tanzpädagogin auch Schwangerschafts- und Babytanz anbietet und ihren Lebenslauf im kommenden Jahr um eine Ausbildung zur Hebamme erweitern will, nennt das alles „Erziehung auf Augenhöhe“. Sie glaubt an das Gute im Menschen und daran, dass man es mit Kommunikation, Geborgenheit und Empathie herauskitzeln kann. „Früher mussten Kinder funktionieren, und so lieblos wurden sie manchmal auch erzogen.“

Zeitgemäß aber geht anders, meint Laura Schäfer. „Die meisten Eltern haben das richtige Bauchgefühl, lassen sich aber reinreden oder von Klischees und gesellschaftlichen Normen ablenken. Ich werde niemanden dazu überreden, sein Kind aus dem Kinderwagen zu nehmen und es zu tragen. Jeder muss seinen Weg finden und sich damit identifizieren können“, sagt die Trageberaterin. „Ich bin aber überzeugt davon, dass das Tragen nicht nur eine Verbesserung der motorischen Entwicklung zur Folge hat, sondern auch der sozialen Kompetenz.“

Laura Schäfer leugnet nicht, dass auch sie einen Kinderwagen besitzt. „Allerdings habe ich den nur zweimal benutzt – und einmal davon als Einkaufswagen.“ Letztlich sei es so wie mit dem Smartphone, das irgendwann in die Steckdose müsse, um den Akku aufzuladen. „Genauso muss das Kind seine Mama tanken. Und bei meinem Emil mache ich immer wieder die Erfahrung, dass er nicht mehr so quengelig ist, wenn er wieder auf dem Mama-Level ist“, sagt Laura Schäfer. „Man kann beim Tragen auch nicht viel falsch machen.“ Nicht umsonst gelte unter Trageberatern das Motto: Lieber schlecht getragen als gut geschoben. Oder wie Wodka-Martini-Liebhaber „James Bond“ sagen würde: Getragen, nicht geschoben.