Von Katrin Kunipatz

Als Nachtwächter ist Frank Selbitz in Lübben bekannt. Seit 25 Jahren führt er die Gäste – natürlich nur in den dunklen Stunden – durch die Stadt. Anlässlich des Tages der Städtebauförderung machte er in der vergangenen Woche eine Ausnahme. So hatten die knapp 40 Interessierten die Chance, den neuen Flyer zum Nachtwächterpfad bei Tageslicht zu betrachten.

Entworfen hat das Papier die Masterstudentin Nicola Schmitz, die bei der Stadtverwaltung zurzeit praktische Erfahrung sammelt. Finanziert wurde es mit Städtebaufördermitteln, die Lübben seit 26 Jahren erhält. „Insgesamt 21 Millionen Euro sind in den vergangenen Jahren in den Aufbau der Innenstadt geflossen“, erläutert Stadtplanerin Kerstin Jacobsen. Warum es nötig war, macht der Nachtwächter deutlich: „Bei einem Stadtrundgang 1950 hätten wir uns nur einmal im Kreis drehen brauchen und hätten alles gesehen.“ Denn wenige Tage vor Kriegsende war Lübben fast vollständig zerstört worden. Viel wurde aufgebaut, vor allem Wohnblöcke. Selbitz vergleicht die Lübbener Stadtansicht im Jahr 1990 deshalb mit einem stark sanierungsbedürftigen Gebiss.

Es folgten intensive Jahre. „Dabei ist Stadtplanung kein Selbstzweck“, betont Karin Jacobsen. „Vielmehr versuchen wir den Stadtraum für den Bürger gewinnbringend zu gestalten“, sagt sie. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert ist nun das meiste geschafft. Grundlage war die intensive Zusammenarbeit mit Bettina Brandt. Sie ist beim Sanierungsträger DSK als Gebietsbeauftragte für Lübben verantwortlich. Dank ihr habe Lübben den Schatz der Städtebauförderung gehoben, so Jacobsen. Geschenkt gab es aber nicht alles, denn bei jedem Projekt übernimmt die Stadt Lübben ein Drittel der Kosten. Den Rest legen Bund und Land dazu.

Seit 2016 ist Lübben auch im Programm „Aktive Stadtzentren“ und hat Fördermittel in Höhe von zehn Millionen Euro beantragt, von denen bereits 6,1 Millionen investiert wurden, so Jacobsen. Beispiele sind die Gestaltung des Schlossumfeldes oder die gerade fertiggestellte Sternstraße. Und auch Lübben Nord soll attraktiver und vor allem barrierefrei umgestaltet werden. Fördermittel dafür erhält Lübben aus dem Förderprogramm Stadtumbau III, erläutert die Stadtplanerin.

Der fast zweistündige Rundgang des Nachtwächters beginnt am Houwalddamm. Hier rettete die Wende beispielsweise das Alte Gärtnerhaus, wie Jacobsen erläutert. Denn Ende der 1980er-Jahre gab es Pläne für einen vierspurigen Ausbau der B 87. Ähnliches Glück hatte Lübben bei der Bewerbung um die Landesgartenschau. Während Luckau den Zuschlag bekam, erhielt Lübben Fördermittel. Für rund elf Millionen Euro verwandelte die Stadt die Schlossinsel – auf der die Trümmerreste der im Krieg zerstörten Stadt landeten –  in eine vielfältige Grünanlage.

Beim Weg durch den Napoleonbogen weist der Nachtwächter auf das Kopfsteinpflaster hin, mit dem wirklich alle Straßen der Innenstadt belegt sind. Es ist ein Puzzlestein, mit dem die Stadtplaner Lübben trotz aller Neubauten, die seit 2000 rund um den Markt entstanden, den früheren Charme einer Hunderte Jahre alten Stadt zurückgeben wollen. Bei der Gestaltung habe vor allem Professor Heinz Nagler vom Städtebau-Lehrstuhl der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus-Senftenberg seine Handschrift hinterlassen, so Selbitz. Wohl überlegt war auch die Entscheidung der Stadtverordneten, das Areal mit altersgerechten Wohnungen nah an die Innenstadt zu rücken. „Denn es sind die älteren Menschen, die tagsüber die Stadt beleben“, sagt Selbitz.

An der alten Stadtmauer im Trutzer endet der Rundgang. Hier hat der Nachtwächter noch eine besondere Überraschung parat: eine Postkarte. Sie zeigt Lübben vor etwa 30 Jahren. Im Vordergrund die alte Stadtmauer, die in den 1980er-Jahren historisch korrekt mit Ziegelsteinen im sogenannten Klosterformat restauriert wurde. Im Hintergrund an der Einfahrt zur Innenstadt das eckige Kaufhaus, an dessen Stelle heute eine neue Häuserfront elegant der alten Straßenflucht folgt.