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| 01:08 Uhr

„Stolpern“ über vergessene Lübbener

Lübben.. Was als Aufgabe innerhalb eines Schülerprojekts am Paul-Gerhardt-Gymnasium begann, fand gestern seinen vorläufigen Höhepunkt in folgender Szene: Vor der Lübbener Landesklinik kniete ein Mann mit rotem Halstuch und Hut, das Knie abgepolstert gegen die Kanten der Pflastersteine,

und legte vorsichtig drei andere Steine in den Boden. Um ihn herum standen rund 60 Menschen in Mänteln und Jacken in der Kälte des ausgehenden Winters und sahen zu, wie die Steine verlegt wurden. Sie symbolisieren das Gedenken an drei junge Lübbener, die von den Nationalsozialisten wegen ihrer geistigen Behinderung getötet wurden.

Geschichten von Getöteten
Wer waren eigentlich diese jungen Lübbener? Während der Kölner Künstler Gunter Demnig die „Stolpersteine“ verlegte, dazu gedacht, den Schritt stocken zu lassen und an das Unrecht zu erinnern, erzählten Katja Schröder, Nancy Schreiber und Maria Pehla die Geschichten von Erwin F., Werner Dielmann und Bruno Klingbein. Sie wurden 12, 19 und 20 Jahre alt. Ihre Geschichten enden mit dem Aktenvermerk „in eine andere Anstalt verlegt“ . Nach dem, was die Historiker heute wissen, zu deren Forschungen nicht zuletzt die Lübbener Schülerinnen mit ihrem Projekt beigetragen haben, bedeutete das: Zur Tötung abtransportiert. Als historisch gesichert gilt auch, dass für die Nationalsozialisten die Tötung von geschätzten 70 000 Menschen mit Behinderungen als Testlauf für die Massenvernichtung der Juden galt.
Jeder dieser Menschen hatte ein eigenes Schicksal. Erwin F. war es von Anfang an nicht hold. Geboren 1928 als uneheliches Kind in Berlin, litt er an einer Lähmung der Beine. Er war still, sprach nicht, beteiligte sich auch nicht an den Spielen anderer Kinder. Während er die Anstalten wechselte, entdeckte jeder Arzt neue Unzulänglichkeiten an ihm. Die Jahre von 1931 bis 1936, als Drei- bis Achtjähriger, verbrachte er in Lübben, bevor er nach Potsdam und schließlich weiter nach Brandenburg-Görden verlegt wurde. Seine Mutter unterschrieb 1938 ein Schreiben, das den Ärzten die Entnahme von Nervenflüssigkeit und Röntgenuntersuchungen am Schädel erlaubte. Seine Akte endet 1940 mit dem Vermerk: In eine andere Anstalt verlegt.
Werner D., genauer: Dielmann, wurde 1921 geboren und kam 1937 in die Korrigendenanstalt nach Lübben. Er wurde als erbkrank und schwachsinnig eingestuft. Eine Sterilisations-Genehmigung wurde erteilt, aber nicht umgesetzt, weil er in der Anstalt blieb. Auch er wurde 1940 „verlegt“ .

Erkrankt und abtransportiert
Im gleichen Jahr endete das Leben von Bruno Klingbein. Seine Eltern versuchten, ihr 1920 geborenes, rechtsseitig gelähmtes und nach damaliger Auffassung „geistig schwaches“ Kind zu begleiten, so lange es ging. Er kam 1934 nach Lübben, wurde als freundlich und gutmütig bezeichnet und bekam die Attribute „angeborener Schwachsinn“ und „Idiotie“ . 1940 erkrankte er schwer an einem „fieberhaften Lungenleiden“ , deren Heilungchancen als gering eingeschätzt wurden - was den Eltern gleich schriftlich mitgeteilt wurde. 1940 wurde er abtransportiert. (is)