Von Daniel Preikschat

Das Lob ist Bernd Mimietz sichtlich unangenehm. Es kommt von der Koordinatorin der derzeit 39 Hospizhelfer, die im Raum Luckau-Lübben-Lübbenau sterbenden Menschen beistehen. Katrin Brauer findet die passenden Worte für ihre hohe Wertschätzung des 53-jährigen Helfers in der Pflege beim ASB in Lübbenau. Er habe so eine seltene Gabe, den Menschen Ruhe und Zuversicht zu vermitteln angesichts des nahenden Todes. Durch seine stille Präsenz, seinen Blick für die einfachen Dinge, die für den Moment notwendig sind.

Der stille Mann aus Lübben schmunzelt leicht verschämt bei diesen Worten und senkt das Haupt. Lässt es sich auch gefallen, von Katrin Brauer kurz auf die Schulter getätschelt zu werden. Alle ihre Helfer seien „Goldstaub“, sagt sie anerkennend. Mit Worten und Gesten ist Bernd Mimietz selbst sehr viel sparsamer als die energievolle Ansprechpartnerin der Malteser für Hilfesuchende beim ambulanten Hospiz- und Palliativdienst im Spreewald. Wer stirbt, sagt Mimietz, der wolle ja auch nicht „zugetextet“ werden, der wolle, dass man ihm zuhört und mit ihm Zeit verbringt.

Der Lübbener hat in den elf Jahren, in denen er nun schon Hospizhelfer ist, außerdem festgestellt: Am Ende ihrer Lebenszeit wollen die Menschen zurückschauen. Manch einer holt dafür ein Fotoalbum hervor, manch einer erzählt einfach. Dabei ergeben sich oftmals letzte Wünsche. Mimietz kann sich an einen Mann erinnern, der seine Tochter in Rostock nochmal besuchen wollte. Mit dem „Wünschewagen“ des ASB wäre eine solche Fahrt möglich gewesen. Dazu kam es dann zwar nicht mehr. Doch allein die Aussicht darauf hat dem Sterbenden Trost geschenkt, ihn wahrscheinlich eine Fantasiereise unternehmen lassen. Dieser Rückblick auf das Leben, sagt Katrin Brauer, führe zu einer „Aussöhnung“.

Andere letzte Gefälligkeiten sind ganz banal. Der eine wolle noch ein Bier trinken, der andere eine Lieblingsmusik hören, erzählt Mimietz. Er kümmere sich dann darum. Manchmal gehe es aber auch darum, etwas besser nicht zu tun. Einer Frau, die gerade stirbt, noch etwas anzuziehen oder sie zu waschen, das braucht es einfach nicht mehr, das stört nur. Bernd Mimietz hat keine Scheu, Angehörigen das dann auch zu sagen. Oder auch andere Dinge, die sie nicht bemerken, er aber schon. Mimietz habe in solchen Momenten große Autorität, sagt Katrin Brauer. Man hört auf ihn. Es liege auch in der Natur der Sache, dass ein aufmerksamer Außenstehender oft mehr sieht als der nahestehende Verwandte, und sei es das eigene Kind.

Bernd Mimietz hat bei der Pflege seiner Mutter gemerkt, dass er das gut kann, Sterbehilfe leisten. Vielleicht waren auch die Berufe, die er ausgeübt hat, eine gute Vorbereitung. Mimietz selbst sagt: „Weiß ich nicht, kann sein.“ Er scheint etwas immer nur dann mit Bestimmtheit zu sagen, wenn er es auch sicher weiß. Jedenfalls war der junge Lübbener nach seinem 10. Klasse-Abschluss an der POS zunächst Matrose. Für die VEB Binnenschifferei fuhr er auf Frachtschiffen die Elbe rauf und runter, so weit man zu DDR-Zeiten eben kam auf einer Wasserstraße. In die Tschechoslowakei ging es meist mit Kohle hin und Salz wieder zurück.

Mimietz war nach der Wende auch einige Jahre Kraftfahrer, dann wieder Matrose bei einer Reederei in Berlin. „Da konnte ich dann bis nach Hamburg runter fahren.“ Was er schon zu DDR-Zeiten gern mal getan hätte. Immer wieder verlor Mimietz seinen Job ohne eigenes Verschulden. Der Lübbener fand aber auch immer schnell wieder neue Arbeit, erledigte Fahrdienste bei den Johannitern, war bei einem Abfallentsorger, bei einem Krankenfahrdienst, er wurde Hausmeister und zuletzt Helfer in der Pflege. Er musste sich nie groß bewerben, ihm wurde immer etwas angeboten. Hier müsste sich Bernd Mimietz wieder selbst loben, was ihm widerstrebt. Also erklärt Katrin Brauer: „Er ist zuverlässig und gewissenhaft.“

Wer den Lübbener kennenlernt, der glaubt, was Katrin Brauer über ihn sagt. Sein Hospizdienst sei ein „Geschenk.“ Bernd Mimietz selbst sagt, er verschenke seine Ruhe und Gelassenheit. Aber bekommt er selbst auch etwas geschenkt dafür? Mimietz schweigt, denkt nach, und kann auch dazu ehrlicherweise erst mal nur sagen: „Weiß ich nicht.“ Er weiß nur, dass er es gut kann. Vielleicht reicht das schon, dieses Wissen, als Vergütung. Es mit Menschen zu tun haben zu dürfen, so reich an Lebenserfahrung, sagt er dann aber noch, das gebe ihm viel.

Belastet und verfolgt ihn das aber nicht auch, so viele Menschen im Laufe der Jahre Abschied nehmen zu sehen? Macht es womöglich unglücklich? Etwa ein Vierteljahr immerhin dauere im Durchschnitt eine Sterbebegleitung, sagt Katrin Brauer. Wobei einige Hospizhelfer in Lübbenau auch mehrere Sterbende begleiten. Und Bernd Mimietz ist schon elf Jahre dabei. Er aber schüttelt nur den Kopf und sagt: „Ich kann immer noch gut schlafen."

In einer neuen Serie stellt die Menschen Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de