ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:41 Uhr

Seltener Steinbeißer geht Fischereibiologen ins Netz

Schlepzig. Rund 50 Gäste sind zum Quappentag am Samstag ins Schlepziger Gasthaus zum Unterspreewald gekommen. Drei Vorträge beschäftigten sich mit der Wirksamkeit von Fischaufstiegen, dem Innenleben von Hechten und der Renaturierung des Vetschauer Mühlenfließes. Ingvil Schirling

Der Quappentag gehört eigentlich zum Gewässerrandstreifenprojekt wie die Spreewaldsoße zum Hecht. Nachdem das millionenschwere Naturschutzpaket nun Geschichte ist, offene Vorhaben seit vergangenem Jahr in deutlich kleinerem Umfang von den Landkreisen weitergeführt werden, schien es zunächst fraglich, ob es die Veranstaltung auch weiterhin geben würde. Anne Röwer, ehemals Mitarbeiterin des Gewässerrandstreifenprojekts, nun beim Landkreis Dahme-Spreewald in der Unteren Wasserbehörde tätig, freute sich vor diesem Hintergrund sehr, dass die Zusammenkunft mit Fachreferaten einmal mehr stattfinden konnte. "Es ist ein bisschen wie ein Klassentreffen", sagte sie angesichts der 50 Gäste aus Naturschutz und Fischerei, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft. Längst sind die Diskussionen nicht mehr so hart wie in den ersten Jahren des durchaus umstrittenen Projekts. Doch kritisch nachgefragt wird nach wie vor.

Im Fokus steht dabei in der Regel, wie sinnvoll einzelne Vorhaben in der Praxis tatsächlich sind. Erleichtern es teure Fischaufstiege beispielsweise den Fischen tatsächlich, Hindernisse wie Wehre zu passieren? Diese Frage zu beantworten, war Frank Fredrich angetreten. Der Fischereibiologe hatte 2014 und 2015 jeweils im Frühjahr und im Herbst die Wehre mit Fischaufstieg am Zerniasfließ und am Schiwanstrom unter die Lupe genommen, westlich von Schlepzig gelegen. Dafür wird jeweils 50 Tage lang (30 im Frühjahr, 20 im Herbst) eine Kastenreuse (zwei Meter lang, je ein Meter breit und hoch) oberhalb des letzten Beckens der Fischtreppe eingehängt - also dort, wo die Fische das Bauwerk bereits passiert haben. Fischaufstiege befinden sich neben dem eigentlichen Wehr. Der Wasserdurchfluss wird durch quer angebrachte Holzteile unterbrochen, sodass die Fische ruhiges Wasser zum Ausruhen vorfinden, ehe sie sich gegen die starke Strömung weiter flussaufwärts kämpfen. Die wasserfallartig stürzenden Fluten des eigentlichen Wehrs sind für sie kaum zu überwinden.

Doch wie gut können sie die teuren Fischaufstiege für sich nutzen? Frank Fredrich findet nach seinen Untersuchungen: insgesamt gut. Ein- bis zweimal täglich entleerte er die Kastenreuse und fand am Zerniasfließ neben Aalen, drei seltenen Bachforellen und zwei Barben ("ein schönes Ergebnis", wie er sagt) auch zwei Quappen, vor allem aber Ukelei, die fast 92 Prozent der Fänge ausmachten. 10 700 Fische fand er am Zerniasfließ vor. Die Ergebnisse am Schiwanstrom waren ähnlich, nur dass er dort - direkt im Aufstieg - einen Steinbeißer identifizieren konnte, eine seltene und geschützte Art, der Fredrich zufolge "erstmals oberhalb Leibsch" nachgewiesen werden konnte.

Er stellte in seinem Vortrag auch die Frage, ob die "Leitströmung" an den Fischaufstiegen womöglich zur "Leidströmung" wird. Die Fische passieren den Aufstieg gegen die Strömung, die das Bauwerk mit dem Wasserdurchfluss erzeugt. Je klarer diese ist - was durch die Art des Baus beeinflusst wird - desto leichter können sich die Fische orientieren. Je mehr Verwirbelungen es gibt, desto leidvoller und schwieriger wird für sie der Aufstieg. Fredrich machte deutlich, dass dies durchaus ein Thema ist, auch wenn er mit den beiden untersuchten Bauwerken am Schiwanstrom und am Zerniasfließ unterm Strich zufrieden war. 2014 hatte er auch das Wehr 114 in Alt Zauche unter die Lupe genommen und gibt auch dazu ein positives Urteil ab. Nicht wegzudiskutieren ist, das ging aus seinem Vortrag hervor, allerdings eine Ansammlung von aufstiegswilligen Tieren im Unterwasser. Ob für sie ein möglicher Sackgasseneffekt problematisch ist, sei "methodisch nicht auszuschließen", sagte er. Bei den Hechten beispielsweise könnte auch eine Rolle spielen, dass sie vom ganzen Körperbau her eher etwas steif sind und sich nicht - wie etwa das andere Extrem, der Aal - geschickt durch die Strömung winden können. Am Schiwanstrom fand Fredrich einen Hecht im Aufstieg, einen im Ober- und sechs im Unterwasser. "Hechte", sagt Fredrich, "haben aber auch ihren Einstand und damit keinen Grund, aufzusteigen". Unter den gefundenen Quappen am Zerniasfließ waren zwei im Ober- und 15 im Unterwasser.

Der Hecht stand auch in einem zweiten Vortrag als Fisch des Jahres im Zentrum des Quappentags. Doktorand Sören Möller aus Rostock hatte wissenschaftliche Erkenntnisse mit kurzweiligen Einspielern verbunden. Isabell Hiekel vom Cottbuser Landesumweltamt sagte, ihr sei dabei besonders die Bedeutung von großen, vitalen Weibchen für die Population deutlich geworden. Je gesünder und kräftiger sie sind, desto größer der Laich und desto stärker der Schub für die Population. Dass Hechte als Raubfische keine Vegetarier sind, dürfte den Spreewälder Zuhörern klar gewesen sein. Die Pause zwischen den Bildern von jungen Enten, aber auch Ratten in Hechtmägen und dem Mittagessen im Gasthof zum Unterspreewald dürfte allerdings recht willkommen gewesen sein. Es gab übrigens Zander.