Von Steven Wiesner

Horst Fiedler ist eher ein Mensch der alten Prägung, was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, dass er Wert auf Pünktlichkeit legt. Insofern ist er heute schon etwas irritiert. Schließlich ist es kurz nach halb Zwölf, und er steht mit seiner Badehose im Schwimmbecken des Reha-Zentrums Lübben. So wie jeden Samstag. Normalerweise plantscht hier ein Dutzend Kinder mit den Eltern im Schlepptau um Fiedler herum durch das Bassin. Diesmal aber ist erst ein Papa mit seiner kleinen Tochter gekommen. „Wahrscheinlich waren die Brötchen heute hart beim Frühstück“, scherzt Horst Fiedler. Nach und nach trudeln die Familien dann aber doch ein – und der Unterricht kann beginnen.

Denn Horst Fiedler, den man in Lübben nur „Hotte“ nennt, zieht hier nicht zum eigenen Vergnügen  seine Bahnen, und er ist auch nicht der Bademeister. Horst Fiedler ist der Schwimmlehrer. Ehrenamtlich. Im Alter von 80 Jahren. Seit nunmehr neun Jahren bringt er Kindern aus Lübben und Umgebung das Schwimmen bei und verhilft ihnen zum Seepferdchen oder auch zum Bronzeabzeichen, weil es in Lübben keine andere Übungsstätte gibt für Kleinkinder, die nicht mehr auf Schwimmflügel angewiesen sein wollen. Mehr als 400 Knirpse sind mittlerweile durch seine Schule gegangen. Es ist die Flotte von „Hotte“.

Egal ob Tauchen, Kopfsprung oder Brustschwimmen – bei Horst Fiedler bekommt der Nachwuchs alles beigebracht, was er können muss, wenn er irgendwann mal ohne fremde Hilfe dem Badevergnügen frönen will. Bei „Hotte“ ist es zudem nicht nur erlaubt, vom Beckenrand zu springen – es ist sogar erwünscht. Denn es ist der Anfang einer jeden Übungsstunde. „Die Kinder sollen dabei in meine Arme springen. Ich beginne immer mit dieser Mutprobe, um Vertrauen aufzubauen.“

Er selbst sei auch schon von Kind an eine Wasserratte gewesen, sagt er. Als junger Mensch hat er einst eine Klassifizierung als Rettungsschwimmer erhalten und auch als Taucher bringt er Erfahrung mit. Die Prüfungen nimmt er zwar nicht mehr selbst ab, weil er sich nicht mehr dem Stress aussetzen will, die Lizenz alle zwei Jahre erneuern zu müssen. Doch über einen Ausbildungsvertrag des Landessportbundes kann er immer noch unterrichten. Lange hatte „Hotte“ als Gründungsmitglied des Lübbener Boxrings auch Kinder und Migranten im Boxen trainiert, doch den Boxhandschuh hat er nun endgültig gegen die Schwimmnudel eingetauscht. Trotzdem ist er wie schon im Boxring auch im Becken wieder interkulturell unterwegs. „Ich habe bis jetzt fünf Nationen im Wasser.“

Drei Stunden steht er am Wochenende im Wasser, in denen er maximal 16 Kinder zwischen vier und zwölf Jahren anleitet. „Mehr kann man alleine nicht leisten“, sagt Fiedler. „Ich will ja jedes Kind einzeln ausbilden und keine Massenabfertigung.“ Und diese individuelle Betreuung macht sich bezahlt. „Er kann sich intensiv mit jedem Kind beschäftigen und eine enge Bindung zum Kind aufbauen“, sagt Silvio Buschick aus Lübben, der seine Tochter Klara (4) hier angemeldet hat. „Er vermittelt die Grundlagen und unglaublich viel Sicherheit im Wasser.“

Auch Noor Heemskerk fährt ihren Sohn Bent (6) von Schlepzig aus nach Lübben, um ihn Horst Fiedler anzuvertrauen. So, wie es die dreifache Mutter auch schon mit Bents älteren Geschwistern gemacht hat. „Es ist ganz toll, dass es das gibt“, sagt sie. „Und ich finde es praktisch, dass ich mit ins Wasser darf.“ Denn hier schwimmen die Eltern mit und können nach Fiedlers Privatunterricht eigenhändig mit ihren Zöglingen weiterüben. Und das alles für einen kleinen Beitrag von 3 Euro pro Tag, der wohl eher symbolisch zu verstehen ist. „Das ist nichts“, weiß auch Silvio Buschick zu schätzen. „Das ist überhaupt nichts.“

Doch Horst Fiedler, der unglaublich dankbar dafür ist, dass er die Schwimmhalle im Reha-Zentrum benutzen darf, will mit seiner kleinen Schwimmschule auch kein Geld verdienen. Im Gegenteil. „Ich versuche schon darauf zu achten, Familien aufzunehmen, die finanziell nicht so viel haben und es sich nicht leisten können, in die großen Bäder zu fahren“, erklärt er. Ganz klar: So einen wie „Hotte“ findet man nicht mehr oft, sagt eine Dame. Und Silvio Buschick ergänzt: „Eigentlich ist es schade, dass es in einer Kreis!stadt wie Lübben erst einen 80-jährigen Ehrenamtler geben muss. Es gibt keine Alternative zu ihm.“

Auch Horst Fiedler wollte eigentlich schon aufhören. „Jetzt versuche ich aber, noch ein Jahr dranzuhängen.“ Er kann einfach nicht ohne, sagen Leute, die ihn kennen. In einem Alter, „in dem er sich eigentlich entspannt auf der Gartenbank zurücklehnen könnte“, wie eine Großmutter in einem Dankesbrief an Horst Fiedler schrieb, stellt sich das Lübbener Unikat selbst zwischen Weihnachten und Neujahr noch in den Pool. „Ich bin einfach richtig glücklich, wenn ich die dankbaren Kinder sehe“, beschreibt „Hotte“ Fiedler seine ungebrochene Motivation. „Es würde mir wehtun, wenn ich höre, dass ein Kind ertrunken ist, das eigentlich schwimmen hätte lernen können.“ Damit will er sich nicht abfinden. „Ich weiß, dass ich nicht die ganze Welt retten und beherrschen kann.“ Aber vielleicht einen kleinen Teil von Lübben.