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Afrikanische Schweinepest
Der Mensch ist das größte Risiko für die Übertragung

An den Autobahnen warnen mehrsprachige Schilder vor dem Ausbreiten der Seuche.
An den Autobahnen warnen mehrsprachige Schilder vor dem Ausbreiten der Seuche. FOTO: Bernd Wüstneck / dpa
Lübben/Luckau. Die Schweinepest steht faktisch vor der Haustür. Für den Menschen ist die Seuche ungefährlich. Dennoch ist er der mächtigste Faktor. Von Ingvil Schirling

Die afrikanische Schweinepest kommt. Das gilt als sicher. Die Frage ist nur: Wann?

Auslöser der afrikanischen Schweinepest ist ein Virus mit hoher Resistenz und Überlebensfähigkeit. Für den Menschen ist es nicht gefährlich. Die meisten Wild- und Hausschweine aber überleben eine Infektion nicht. Bei 20 000 Schweinen im Landkreis Dahme-Spreewald wäre der wirtschaftliche Schaden für die 250 Schweinehalter und ihre Betriebe enorm.

Das Virus bleibt jahrelang in gefrorenen Tierkörpern überlebensfähig, ist auch nach sechs Monaten in Schinken und Rohwurst noch aktiv und kann praktisch nur durch Abkochen getötet werden. Umgekehrt aber reicht ein Zipfel Wurst, aus dem Fenster geworfen von einem achtlosen Autofahrer und infiziert in einem der nur noch 500 Kilometer entfernten Gebiete Polens oder Tschechiens, gefressen von einem Wildschwein, um einen „punktuellen Eintrag“ der Seuche in Dahme-Spreewald auszulösen, die zahllose Schweine das Leben und Schweinehalter ihre Existenz kosten könnte. Deshalb setzen Landkreis-Mitarbeiter um Amtstierärztin Dr. Jana Guth alles daran, so etwas so lange wie möglich zu verhindern. Ohne den Menschen als Überträger würde das Virus, pflanzte es sich allein unter den Wildschweinen durch Ansteckung fort, nur rund 50 Kilometer pro Jahr vorankommen, weiß Amtstierarzt Dr. Michael Winzig. Der Mensch, sagt er, sei das größte Risiko bei der Übertragung, aber auch der mächtigste Faktor, um den Prozess aufzuhalten. Öffentlichkeitsarbeit unter Jägern und in der Bevölkerung ist daher ein Schwerpunkt der aktuellen Präventionsarbeit. Eine Übung mit sechs Landkreisen und einem fiktiven Fundort in Spree-Neiße sollte Ende vergangenen Jahres aufzeigen, was im Falle des Falles schon gut funktioniert und wo noch Lücken sind. Die Auswertung steht noch aus.

Simuliert wurde der Fund eines infizierten, toten Tieres. Passiert so etwas, dann werden – angepasst an die jeweiligen Geländebedingungen und viele weitere Faktoren – drei kreisförmige Zonen mit unterschiedlich strengen Bestimmungen rund um diesen Fundort aufgebaut. Die Kernzone hat einen Radius von drei bis vier Kilometern um das tote Tier und sollte wenn möglich eingezäunt werden – eine kostspielige Angelegenheit bei rund drei Euro pro Meter Zaun. Die Kernzone lag im Spree-Neiße-Kreis, doch vom nächst größeren Bannkreis, dem „gefährdeten Gebiet“, war Dahme-Spreewald betroffen. Es gilt in einem Ring, ebenfalls angepasst an die örtlichen Bedingungen, mit einem Radius von rund 15 Kilometern rund um die Kernzone. Weitere 15 Kilometer entfernt liegt dann die Pufferzone. Während die Kernzone zunächst nicht betreten werden darf, ehe die Vorbereitungen für eine Drückjagd getroffen sind, bei der möglichst alle Wildschweine in diesem Gebiet getötet werden, dürfen die anderen Restriktionszonen betreten werden. Auch im gefährdeten Gebiet wird so viel wie möglich gejagt. Im Freiland gehaltene Schweine müssen in Ställe gebracht werden - ist das nicht möglich, werden sie getötet, sagt Jana Guth. Hunde müssen an der Leine geführt werden.

Doch: Wie so viele Wildschweine zur Strecke bringen, wenn die Jagd in Deutschland nur zu einem sehr geringen Teil staatlich organisiert ist und zumeist in privater Hand liegt? „Das macht es schwieriger, Maßnahmen konsequent und schnell umzusetzen“, sagt Norbert Hill von der Unteren Jagd- und Fischereibehörde des Landkreises. „Man kann da wenig erzwingen.“ Zumal, ergänzt Jana Guth, die Jägerschaft vom Gedanken der Hege geprägt ist und sich mit dem „Abschuss für die Tonne“ nur sehr schwer anfreunden kann. Denn die Tiere müssen im akuten Seuchenfall als Risikomaterial entsorgt werden, von einer Spezialfirma.

Deshalb plant der Landkreis, in der Tierseuchenverfügung eine Prämie von 150 Euro je geschossenem Wildschein auszusetzen. Als Schadensbegrenzung und Aufwandsentschädigung im Ernstfall wird der Betrag gesehen. Allerdings handelt es sich bisher um einen „fiktiven Betrag, den der LDS während des Übungsfalls Ende letzten Jahres angedacht hatte“, schränkt die zuständige Landkreis-Dezernentin Marion Degenhardt ein. Konkret wird er erst bei einem „Ausbruch der Seuche oder, sobald hierzu eine landesweite Vorgabe oder zumindest eine Empfehlung des betreffenden Ministeriums gegeben wird, an die sich die Landkreise dann anlehnen können“, sagt sie.

Da der Markt für Wildschweinfleisch und -wurst ohnehin bei einem Ausbruch sehr schnell zum Erliegen kommen würde, schätzt Jana Guth ein, wäre es „viel klüger, möglichst viel Wild zu reduzieren und die Jägerschaft zu entschädigen.“ Die Sensibilität unter den Jägern für das Thema sei ohnehin gewachsen, schätzt der Landkreis ein.

Bisher seien alle genommenen Blutproben negativ gewesen, sagt Tierarzt Winzig. Getestet worden seien 2017 rund 250 Tiere. Der Landkreis hat präventiv ein Maßnahmenpaket zusammengestellt, um einerseits im Ausbruchsfall schnell reagieren zu können und diesen andererseits so lange wie möglich herauszuzögern. Öffentlichkeitsarbeit ist ein Punkt, die Biosicherheit in den Schweineställen ein anderer. Inzwischen hängen mehrsprachige Schilder an Raststätten-Toiletten, die darauf hinweisen, Speisereste nur in wildschweinsicheren Mülleimern zu entsorgen.

„Wir haben Tierseuchensets an die Jäger verschickt“, zählt Jana Guth einen weiteren Punkt auf, bestehend unter anderem aus Kunststoffwanne und Kadaversäcken, Schutzbekleidung und Desinfektionsmittel. Eine Kühlzelle in Lübben ist für Polizei, Ordnungsamt und Feuerwehr ständig zugänglich, damit verdächtige Kadaver dort abgelegt werden können. Am 25. April soll es eine Tierärztefortbildung geben, um speziell darüber zu informieren, welche Sicherheitsmaßnahmen in Schweineställen eingehalten werden müssen. Zum 31. Januar will sich eine Expertengruppe konstituieren aus Behördenvertretern, Jägern und einigen mehr, um ständig vernetzt zu sein.

Trotz aller Bemühungen aber bleibt Jana Guth nicht viel Optimismus. „Dass das Virus uns erreicht, ist nicht die Frage. Die Frage ist nur, wann.“