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Schmetterlinge sterben stumm

Lieberose. Die chemische Bekämpfung von Kiefernspinner und Nonne in der Lausitz findet nicht nur Befürworter. Eine Erwiderung zu unserem Beitrag "Karate-Schlag gegen Spinner im Lausitzer Kieferwald" (LR vom 26. März). Mario Luck

Kiefernspinner und Nonne sind Bestandteil der Natur. Sie sind weder tückisch noch eklig. Diese Begriffe passen eher zu den Mitteln, die sie vernichten sollen. Bei den Spritzmitteln Dimilin, Karate und Dipel IS handelt es sich um hochwirksame Häutungshemmer, die den Chitinstoffwechsel von Insekten unterbrechen. Die Wirkstoffe blockieren Enzyme, die normalerweise für die Chitinbildung und Aushärtung der Chitinhaut sorgen. Dadurch wird die Häutung verhindert, es kommt zum Absterben der Raupen und der Puppen. Das Gift kann schon im Ei-Stadium tödlich wirken.

Das große Problem ist, dass es Breitbandmittel sind. Sie wirken nicht selektiv nur auf den Kiefernspinner, sondern auf sämtliche Insektenarten, die sich im Larvenstadium befinden. Das bedeutet, es werden auch unschädliche, seltene und geschützte Arten betroffen. Ganze Generationen vieler Klein- und Großschmetterlinge, Heuschrecken, Wanzen, Schlupfwespen, Bodenorganismen sind betroffen, weil deren Larven wegen des Gifteinsatzes absterben. Das Abbauprodukt des Dimilin ist Chloranilin, es gilt nach Angaben des bayerischen Umweltamtes als krebserregend.

Zyklisch wiederkehrende kiefernschädigende Fraßgesellschaften sind bisher immer durch natürliche Feinde (Prädatoren) zum Erliegen gekommen. Schädlingsbekämpfungsmittel haben dagegen die blattfressende Insektenfauna immer wieder irreversibel geschädigt. Es bleibt ein ökologisch nicht vertretbarer Eingriff ins Ökosystem Wald.

Durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wären im Gebiet um den Pastlingsee eine der letzten Schmetterlings-Populationen des Moor-Wiesenvögelchens (Coenonympha tullia), des Moorbläulings (Vaccinia optilete) und der Moor-Bunteule (Anarta cordigera) besonders betroffen. Damit würden seltene und gemäß Bundesartenschutzverordnung streng geschützte Arten durch das Gift ausgerottet. Das wäre eine Umweltstraftat, dessen sollten sich die beteiligten Behörden und die zuständige Forstverwaltung klar sein.

In der Reicherskreuzer Heide und rund um den Schwansee finden sich bedeutende Vorkommen der vom Aussterben bedrohten Schmetterlingsarten Kleiner Waldportier (Hipparchia alcyone), Heidekraut-Fleckenspanner (Dyscia fagaria), Eisenfarbiger Samtfalter (Hipparchia statilinus) sowie weiterer an trockenwarme Strukturen gebundene Insektenarten. Darunter sind vor allem Heuschrecken wie die Italienische Schönschrecke. Die Vernichtung dieser Vorkommen ist bei einem Gifteinsatz vorprogrammiert. Damit wird auch die Nahrungsgrundlage der extrem seltenen Smaragdeidechse vernichtet. Die Interessen des Artenschutzes sollten hier denen der Gewinnmaximierung überwiegen.

Bei Untersuchungen nach dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wurden auch Auswirkungen auf den Bruterfolg von Singvögeln festgestellt. So ist die Zweitbrut bei Kohlmeisen fast vollständig ausgefallen, weil diese nicht mehr ausreichend Raupen fanden. Chemische Eingriffe in das natürliche Gefüge des Waldes sind nur sehr schwer abschätzbar. Sie verhindern vielmehr die Selbstregulationsmechanismen der Natur. Sie sind ein weiterer Schritt zur Verarmung unserer besonders eingeschränkten naturnahen Landschaft.

Zum Thema:
Mario Luck aus Schenkendöbern hat Landwirtschaft studiert und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Insekten. Als Mitarbeiter eines Planungsbüros hat er unter anderem beruflich mit insektenkundlichen Fragen zu tun.