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| 16:45 Uhr

Wechselvolle Geschichte
Richard-Raabe-Haus wird saniert

Diplom-Restauratorin Anke Höchel-Pradel untersucht die Fassade des Richard-Raabe-Hauses in Lübben nach Farb- und Materialbefunden aus der Bauzeit. Eine Gedenktafel erinnert an die Menschen, die in diesem Haus Gewalt erlitten.
Diplom-Restauratorin Anke Höchel-Pradel untersucht die Fassade des Richard-Raabe-Hauses in Lübben nach Farb- und Materialbefunden aus der Bauzeit. Eine Gedenktafel erinnert an die Menschen, die in diesem Haus Gewalt erlitten. FOTO: Franziska Dorn
Lübben. Gebäude in Lübben erlebte dunkle Zeiten, aber auch Lebensfreude und Herzlichkeit.

Es gibt wohl nur wenige Häuser in Lübben, die eine so wechselvolle Geschichte besitzen. Das Richard-Raabe-Haus in der Paul-Gerhardt-Straße erlebte dunkle Zeiten, könnte aber auch von Herzlichkeit und Lebensfreude erzählen. Das Gebäude ist Ende des vergangenen Jahres dem Kirchenkreis Niederlausitz übertragen worden. Nun steht es kurz vor der Sanierung.

Vorsichtig kratzt Anke Höchel-Pradel am Putz des Richard-Raabe-Hauses in der Lübbener Paul-Gerhardt-Straße. Unter der bordeauxroten Schicht sucht die Diplom-Restauratorin nach weiteren Zeugnissen der Vergangenheit, damit bei der anstehenden Sanierung die originale Ansicht des etwa 100 Jahre alten Hauses wiederhergestellt werden kann.

Während die Historie der Außen-
ansichten gegenwärtig also noch erforscht wird, ist die von großen Gegensätzen geprägte Nutzungsgeschichte der Immobilie sehr wohl bekannt. 1908 wurde das Haus von den Ständen der Niederlausitz als Sitz der Vizegeneralsuperintendentur errichtet. 1941 beschlagnahmte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) das Gebäude für den Reichsarbeitsdienst. Nach Kriegsende folgte der NKWD, das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der UdSSR. Aus dieser Zeit stammen die noch heute vorhandenen Zellen im Keller. Nach einer kurzen Nutzung durch die Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) als Büro der Kreisleitung bezog bis zur politischen Wende 1989 die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) das Objekt.

Was sich hinter den Mauern in diesen Jahren abgespielt haben mag, kann man sich schwer vorstellen. Nach der Auflösung des MfS gelangte das Objekt 1993 in den Besitz der heutigen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Es befinden sich seitdem die Dienstwohnung des Pfarrers, die Büros des Kirchenkreises, zuerst Lübben, später Niederlausitz sowie Veranstaltungsräume in dem Haus. Letztere werden gegenwärtig von der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde genutzt. Für Superintendent Thomas Köhler und den Kreiskirchenrat ist nun die Zeit gekommen, das Haus einer Frischekur zu unterziehen. Für etwa eine halbe Million Euro sollen in den kommenden Monaten das Dach gedeckt, Fenster und Fassade erneuert sowie die Pfarrwohnung, die Büros und die Gemeinderäume grundsaniert werden.

„Die Fünfzimmerwohnung unter dem Dach wird nach den Plänen des Projektierungsbüro Reinke zu einer zeitgemäßen und komfortablen Wohnung umgebaut. Wir verbinden damit auch die Hoffnung auf eine erfolgreiche Neubesetzung der Pfarrstelle in der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde“, sagt Köhler. Kirchengemeinden müssen laut Verordnung, Ausnahmen sind möglich, der Pfarrerin oder dem Pfarrer und Familien eine Wohnung bereitstellen. „Auch der Keller wird saniert, wobei wir eine der Zellen zur Erinnerung in ihrem Originalzustand belassen werden“, informierte der Superintendent weiter.

Wer aufmerksam durch die Paul-Gerhardt-Straße läuft, sieht, dass im Vorgarten schon Baufreiheit geschaffen wurde. Nun ist der Blick frei auf die im Jahr 1995 angebrachte Gedenktafel, die daran erinnert, dass Menschen in diesem Haus unter stalinistisch-kommunistischer Gewaltherrschaft gefoltert und gedemütigt wurden. Am 31. Oktober 1995 hat das Haus den Namen Richard-Raabe-Haus erhalten. Richard Raabe war zwischen 1927 und 1955 Pfarrer in der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde. Er hat die Vereinnahmung dieses einst in friedlicher Absicht errichtete Objekt miterleben müssen. Vielen Lübbener war er guter Seelsorger und hat Menschen in schweren Zeiten Hoffnung gegeben. Das Richard-Raabe-Haus gehört zu den öffentlichen Orten in der Stadt. In den Gemeinderäumen finden nicht nur die Treffen der kirchlichen Kreise und Gruppen statt. Das Haus öffnet seine Türen zum Beispiel auch für die Diakonie oder die Menschen aus der Gemeinde der Adventisten.