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| 20:00 Uhr

Lübben
RE2-Idee sorgt für Kopfschütteln

Die Idee, dass der RE2 von Lübbenau aus durchfährt und nicht mehr in Lübben und Brand hält, stößt in der Region auf großen Protest. Auch das Infrastrukturministeirum sagt ganz klar: „Mit uns wird es das nicht geben.“
Die Idee, dass der RE2 von Lübbenau aus durchfährt und nicht mehr in Lübben und Brand hält, stößt in der Region auf großen Protest. Auch das Infrastrukturministeirum sagt ganz klar: „Mit uns wird es das nicht geben.“ FOTO: Ingvil Schirling / LR
Lübben. Das Verkehrsministerium in Brandenburg lehnt die Durchfahrt von RE-2-Zügen in Lübben und Brand ohne Halt kategorisch ab. Von Ingvil Schirling und Ingrid Hoberg

„Lübben und Brand nicht mehr anzufahren – das wird es mit uns nicht geben“ – diese Worte aus dem Potsdamer Infrastrukturministerium werden in der Region Lübben vermutlich für großes Aufatmen sorgen. Für Sorge und Empörung hatte vergangene Woche eine Idee gesorgt, derzufolge der RE2 die Pendler aus dem Süden des Landes von Lübbenau aus direkt nach Berlin bringen würde – ohne Halte in der Spreewaldstadt und weiter nördlich. Dazu sagte gestern ein Ministeriumssprecher auf  LR-Nachfrage: „Ein Aufgeben der Halte in Lübben und Brand kann es nicht geben.“

Angestoßen worden war die Debatte  bei einer Versammlung in Kolkwitz bei Cottbus. Die Einwohner in dieser Region leiden seit zwei Jahren darunter, dass die Haltepunkte Raddusch, Kolkwitz und Kunersdorf nicht mehr angefahren werden. Das enge Fahrplankorsett des RE2 mit ständigen Verspätungen hatte zu der Entscheidung geführt. Andere Vorschläge, wie etwa die Teilung der langen Strecke von Cottbus nach Wismar, waren zwischenzeitlich diskutiert und dann verworfen worden.

Die jüngste Entwicklung kam nun in Kolkwitz über eine Arbeitsgemeinschaft namens „ÖPNV intakt“ auf den Tisch. Zitiert wurde in einem LR-Artikel Nahverkehrsberater Detlef Doege, der bis 2006 beispielsweise für die Stadt Potsdam tätig und eine zeitlang Pro-Bahn-Sprecher war. Seine Idee: Pendler aus dem Süden Brandenburgs in Lübbenau zusammenzuführen, weil der Bahnhof dort gute Bedingungen für Zugwechsel und -kopplungen bietet. Von dort würde es für sie dann direkt nach Berlin gehen – ohne Halt in Lübben oder Brand.

Das würde nicht nur die Abkopplung der Spreewaldstadt und Tropical Islands bedeuten, sondern auch von Ober- und Unterspreewald sowie Märkischer Heide. Entsprechend laut war die Empörung. Die Worte aus dem Ministerium sorgen nun für Erleichterung.

Lübbens Bürgermeister Lars Kolan und Dahme-Spreewald-Landrat Stephan Loge (beide SPD) hatten zuvor bereits klare Worte gefunden. Dann zogen weitere Akteure aus der Region nach mit dem Tenor: Lübben und Brand brauchen als Mittelzentrum und Tourismusschwerpunkte weiterhin eine gute Bahnanbindung an Berlin. Unterspreewalds Amtsdirektor Jens-Hermann Kleine schließt sich an und setzt in Perspektive: „Was dort betrieben wurde, ist Politik“, sagt er. „Signalisiert werden sollte, dass etwas getan wird, um die Anbindung zu verbessern.“ So eine Idee umzusetzen, „wäre völlig sachfremd. Man kann nicht einen der wichtigsten Arbeitgeber in der Region - Tropical Islands - abschneiden und schon gar nicht Lübben.“

Allein schon die Autofahrer, die dann von Lübben nach Lübbenau fahren müssten, um dort den Zug zu erreichen: „Wo sollen die parken?“, fragt Kleine. In Lübben ist die Parksituation jetzt schon dramatisch.

Von „Realitätsverlust“ ist in einer Mitteilung der FDP Dahme-Spreewalds die Rede, „wenn man glaubt, man könne ein Loch stopfen indem man ein anderes aufreißt. Vermeintlich einfache Lösungen durch andere Taktungen oder ähnliche Ideen wird es für das Problem RE2 nicht geben. Einzig der Bau eines durchgängigen zweiten Gleises auf der Strecke Berlin – Cottbus wird hier Abhilfe schaffen“, ist Rico Kerstan als Kreisvorsitzender überzeugt. Er fordert die Landesregierung zum Handeln auf. „In jedem Fall brauchen wir aber nicht weniger Verbindungen, sondern mehr. In der immer weiter voranschreitenden Digitalisierung und neuen Technologien liegen enorme Potenziale für den öffentlichen Personenverkehr. Brandenburg sollte hier als Flächenland eine Vorreiterrolle einnehmen. Für neue Wege fehlt es bei der rot-roten Landesregierung leider sowohl an Mut als auch an Gestaltungswillen“, kritisiert er.

Stadtverordneter Thomas Kaiser (Wir für Lübben) ist selbst als Pendler täglich auf der Strecke unterwegs. Er warnt davor, die drei kleinen Haltepunkte Kolkwitz, Kunersdorf und Raddusch im ländlichen Raum gegen die großen in Lübben und Brand  auszuspielen. Über den Bahnhof Brand sollen Übernachtungsgäste für 2000 Betten in die Region kommen. Bei allem Verständnis für die Wünsche und das Recht der Leute in den kleineren Orten auf die Bahnanbindung hält er die jetzt vorgelegte Variante für Populismus. „Es gibt schon jetzt über 10 000 Pendlerbewegungen, die dann der Lübbenauer Bahnhof aufnehmen müsste“, sagt er. „Seit dem Sturm Xavier ist kein Zug mehr pünktlich“, so seine Erfahrung. „Das Nadelöhr ist Berlin. Mit den Regionalzügen wird der Stadtverkehr mit bedient“, sagt Thomas Kaiser. Er hofft, dass von den rund 200 Millionen Euro, die als Überschuss im Brandenburger Landeshaushalt zu Buche stehen, ein großer Teil in die Infrastruktur der ländlichen Region fließen wird - beispielsweise in den Bau eines zweiten Bahngleises ab Lübbenau.