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| 13:09 Uhr

Konzertabend
Quaster auf Zeitreise in Lübben

Dieter „Quaster“ Hertrampf im Duett mit seiner Tochter Kimberly zu Gast im Lübbener Club Bellevue.
Dieter „Quaster“ Hertrampf im Duett mit seiner Tochter Kimberly zu Gast im Lübbener Club Bellevue. FOTO: Norbert Gisder
Lübben. Ex-Puhdys hat „Nichts bereut“ in der „Mampe-Stube“ und zieht die Fans letztlich in seinen Bann.

Früher, als noch alles besser und, ja, sogar die Zukunft noch erstrebenswert war: Wo immer Musik den Hörern in die Vene geht, stecken irgendwo die Puhdys dahinter. Alt wie ein Baum wollten sie werden und ihr Hardrock dröhnte Verantwortlichen in Ost und West jegliche Toleranz weg. Folge: Verbote. Fernsehverbote; Bühnenverbote. Und eine sich – auch dadurch – fast schon ins Penetrante steigernde Popularität bei der Fangemeinde. Also mussten jegliche Berufshindernisse aus der Verbote-Mottenkiste der Kulturbanausen unter den staatlich-dominierten Entscheidern mehrmals und wieder aufgehoben werden. Die Mauer wäre sonst wahrscheinlich schon zehn Jahre eher gesprengt worden. Fans sind eben Fans.

Panta rhei – alles fließt. Und so zeigten am Samstagabend im Club Bellevue die Getreuen, dass die Zeit egal ist, die vergeht: „Mia san mia“ würden‘s die Bayern gröhlen; „Quaster, Quaster, Quaster“, hallte das ostdeutsche Analogon durch den Clubsaal, als Dieter „Quaster“ Hertrampf sich zunächst zierte, bevor er dann mit minutenkurzer Verspätung und seinem dank 3500 Euro teurer, blitzneuer Zähne überlegenen Grinsen die Bühne füllte. Sich selbst genug, stellte er dennoch seinen Schatten vor – und ein Diskurs begann.

„Nichts bereut“, das Thema der Quaster‘schen Zeitreise, versprach den Geist einer Epoche. Im kulturbewussten Spreewald eine Verheißung, die allerdings zunächst enttäuschte. Zu viele der Zuhörer im Saal waren für die alten Bretterknaller aus den goldenen 70er-, den revolutionären 80er-Jahren und den schließlich in Freiheit verdampften zweieinhalb Jahrzehnten danach gekommen; sie wollten die alten Seelen- und Protestsongs, die die staatstreuen Garden seinerzeit haben erzittern lassen. Eine gelegentlich „wir-schaffen-das“-krähende Merkel als Hupfdohle ins Bühnenbild der „Mampe-Stube“ integriert, war den Lübbenern im vollen Bellevue zu dünne … ebenso wie Dagobert, der Kaufhaus-Erpresser oder die Mampe-Story aus dem Wintergarten, die Quaster und sein Schatten als Urgrund für ein unzureichend marketinguntermauertes Auftritts-Konzept so vor sich dahinfabulierend entwickelten.

Nun wäre Quaster nicht Quaster, der Sensible, der Sänger und Gitarrist, zugleich Swinger seiner Zeit und Dichter einer eigenen Denke, die das Leben als Buch täglich anders vorträgt, wenn er diese Stimmung nicht zu einer neuen und natürlich wieder erfolgreichen Wende geführt hätte. Das Leben ist ihm Buch genug. Und als Protestsänger brauche er den tätärä-staatlich intendierten Kritikern von einst heute kein eigens von ihm geschriebenes Druckwerk mehr entgegenzusetzen, sagte der Ausnahme-Barde im Backstage der RUNDSCHAU während eines kurzen Pausen-Talks. Diese Sicht erklärt tatsächlich vieles: Den Schnack von damals und die Coversongs der ersten Konzerthälfte, die von den Lübbenern eher verhalten-höflich mit Applaus bedacht wurden; aber auch das Ende. Furios und Puhdy-like … mit einer Flut von Titeln aus der Protestwerkstatt einer Band, die im Osten mehr Hits als jede andere und damit zugleich mehr Streit um Protest- und Jugendkultur als jede andere „Kapelle“ vom Zaun gebrochen hatte. Toll. Da war dem immer noch jugendlichen, dabei tatsächlich schon baumalten Puhdy plötzlich jede Plattitüde aus den Anfangs-Schnacks der Show mit Schatten (zur Frisur, die nicht hält oder der Ironie zum Plastik-Dress von einst: „Jeder Westmann dich beneidet, gehst du in Lederol gekleidet“) verziehen.

Im Echten lebt halt doch der Zeitgeist und überlebt sogar die Zeiten des Stigma einer ganzen Epoche der Wortbrüche und Betrügereien in Politik und Wirtschaft … „Geh zu ihr“ machte den Icebreaker nach der Pause. Die Filmmusik aus der „Legende von Paul und Paula“ hatte wochenlang Platz 1 diverser Charts blockiert. Nach 15 Jahren Coversongs und Gitarrengeschrammel brachten die Eigenkompositionen der Puhdys um Wolfgang Tilgner und Burkhard R. Lasch, aber auch anderer aus der Band selbst, den Erfolg, der die PUH, dies muss man erst mal verstehen, als Kult um eine Band meißelte, deren Musiker sich eigentlich mehr vor den Gerichten als auf den Bühnen der Welt begegnet waren, wie böse Spötter unken.

Egal? Egal. Als Kimberly, die Tochter von Quaster, ihren Papa mit kraftvoller Stimme in den Orbit der alten Zeiten zurückgeschossen hatte, war der Bann gebrochen und die Lübbener wurden frenetisch: Der Applaus galt dabei immer auch dem Special-Guest Stefan Schirrmacher, der Quaster und seinen Schatten nach der Pause an der Gitarre virtuos verstärkte. Da hielt es viele nicht mehr auf den Sitzen. Tanzend und Ovationen klatschend konzertierten die Clubbies im Bellevue die Begeisterung von einst ins aktuelle Jahrzehnt. „Wir sind zwei von einem Herzen“ – „gemeinsam stark“. Trotz Hustens war Kimberly präsent. Da kann man sicher sein, von ihr noch zu hören.

Und von Papa „Quaster“ und seinem Schatten sicher auch. Denn die Hits saßen – zwar etwas aus der Zeit gefallen, aber stimmig – als das Meadley am Schluss zum Show-down „Es war schön“ schmetterte. Weitere? „Fahren zwei durch alle Meere“, „Hiroshima“, „Ich sitz am Meer“. Solche Titel und die Zugaben machten den Gästen das Fest! Als alles zu Ende war, war auch alles gut. Und ein voller Clubsaal vereinte die Puhdy-Fans in glückseliger Erinnerung. Es bleiben kein Zweifel, sie werden alt wie ein Baum, irgendwann – vergessen werden sie nicht. Nicht von solchen Fans.