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Qualifiziert, arbeitslos aber nicht mutlos

Lübben.. Dass ein Praktikant, wenn er für zwei Tage im Betrieb vorbeischaut, trotzdem von großem Nutzen ist, gehört zu den Ausnahmen. Nils Marsille, ein 42-jähriger in Holland geborener und in Frankreich lebender Mann, war so ein Glücksfall für die Firma Willco in Freiwalde. Es passte, dass das Unternehmen gerade in Frankreich ein Einfamilienhaus baute und Rechnungen zu prüfen waren. Von Krino Müller

Eigentlich ist Nils Marsille Industriedesigner und war zuletzt in einem Unternehmen in der Nähe von Lyon in der Produktentwicklung beschäftigt. Seine fachliche Kompetenz, sagte er gegenüber der RUNDSCHAU, habe er in der Zusammenarbeit mit vielen ausländischen Betrieben erworben. Zu seinen bedeutendsten Aufträgen habe die Entwicklung von Zugsesseln für einen Betrieb in England gehört. Doch wirtschaftliche Probleme des Unternehmens brachten den Holländer, den es wegen seiner Frau vor 19 Jahren nach Frankreich gezogen hatte, in die Arbeitslosigkeit.
Zwar hat Nils Marsille noch keine neue Arbeit über sein französisches Arbeitsamt vermittelt bekommen, wohl aber den Kontakt nach Lübben, den Arbeitsamtschef Ulrich Noack, als er selbst für ein halbes Jahr in einem französischen Arbeitsamt verbrachte, geknüpft hatte. Auch wenn das nun schon einige Jahre her ist, im dortigen Arbeitsamt erinnerte man sich gut.
Der Kontakt sei aufgenommen worden, berichtete Marsille. Und weil er die Gelegenheit nutzen konnte, seine deutschen Sprachkenntnisse auch für den beruflichen Einsatz zu verbessern (neben seiner Muttersprache spricht er Französisch, Englisch und Deutsch), hatte das Arbeitsamt sogar ein wenig finanzielle Unterstützung in der Kasse, um dem 42-Jährigen ein Praktikum in Deutschland zu ermöglichen.
Für Nils Marsille ist der Besuch in Deutschland eine willkommene Abwechslung, verschaffe sie ihm doch Einblicke in die deutsche Arbeitswelt und Vergleiche zur französischen. Organisiert habe Ulrich Noack, sagte der „holländische Franzose“ , mehrere kurze Praktika in hiesigen Betrieben. Einer dieser Betriebe war die Firma Transportgeräte Lübben in Freiwalde, wo er an einem Tag die Papiere für eine Exportsendung nach Tschechien vorbereitete.

Rechnungen überprüft
Ganz großen Nutzen hatte das zweitägige Praktikum bei Willco-Haus, bestätigte Axel Lindner aus der Betriebsleitung. Für den Praktikanten gab es „einige fachlich ausgerichtete Übersetzungsarbeiten und die Kontaktpflege mit Frankreich“ , freute sich Linder. So baue das Unternehmen gerade in Frankreich ein Einfamilienhaus und setze dabei französische Subunternehmer ein. Das sei bisher eine schwierige Koordinierung von Lübben aus über einen Deutsch sprechenden Franzosen in Frankreich gewesen, sagte Lindner. Mit Nils Marsille habe das Unternehmen das viel besser regeln können. Darüber hinaus habe er sowohl die Angebotsausführung als auch die Rechnungen auf Richtigkeit überprüfen können. „Herrn Marsille hätten wir gern über drei Wochen jeden Tag für zwei Stunden gehabt“ , zog er eine Bilanz des zweitägigen Praktikums.
Doch das klappt nicht, denn gegen Ende der Woche werde sein Aufenthalt in Lübben beendet werden, sagte Marsille. Danach trete er ein Praktikum in Freiburg an, das er sich über persönliche Kontakte beschafft habe. Auch dieses Praktikum werde ihm helfen, Kontakte in Europa zu knüpfen, denn er sei weiterhin auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Er ist zuversichtlich, dass er in einem vereinten Europa und mit seinen Fach- und Sprachkenntnissen einen Arbeitsplatz bekommen müsse. In seiner Heimat in der Nähe von Lyon und St. Etienne werde das aber nicht so leicht werden, befürchtet Nils Marsille. Dort liege die Arbeitslosigkeit bei etwa neun Prozent.
Seine Erfahrungen an den deutschen Arbeitsplätzen hätten ihm „einige neue Erkenntnisse“ gebracht, so der 42-Jährige. Hier werde beispielsweise früher am Tag mit der Arbeit begonnen, auch kämen ihm die Menschen weniger gestresst vor, weniger unter Leistungsdruck stehend als in seiner Heimat.

Angenehme Erfahrungen
Alles in allem habe er im Spreewald angenehme Erfahrungen gemacht, die er letztlich seinem „Praktikumsvater“ , dem Lübbener Arbeitsamtschef Ulrich Noack, zu verdanken habe. „Der hat viel für mich getan“ , sagte Marsille. Gut gefallen habe ihm, dass er viele Menschen kennen gelernt habe. Er räumte aber auch ein, dass er bisher so ganz viel vom Spreewald nicht gesehen habe. Der Höhepunkt des Spreewaldbesuches stehe noch bevor. Zum Abschluss sei eine Kahnfahrt geplant.