ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:21 Uhr

Forum zum Fachkräftemangel
„Prosa in Stellenausschreibungen“

Die Fachkräftesicherung im Hotel-und Gaststätten-Gewerbe war Thema kürzlich im Lübbener Wappensaal. Lübbens Bürgermeister Lars Kolan (SPD, li.) begrüßte die Gäste.
Die Fachkräftesicherung im Hotel-und Gaststätten-Gewerbe war Thema kürzlich im Lübbener Wappensaal. Lübbens Bürgermeister Lars Kolan (SPD, li.) begrüßte die Gäste. FOTO: Andreas Staindl
Lübben. Betriebe suchen Fachkräfte. Stimmen die Rahmenbedingungen, sind Chancen auf Bewerbungen groß.

Mitarbeiter rennen den Unternehmen längst nicht mehr die Bude ein, im Gegenteil. Firmen müssen um Fachkräfte ringen. Mit herkömmlichen Mitteln geht das nicht mehr. „Wir brauchen mehr Prosa in den Stellenausschreibungen der Unternehmen“, sagt Lars Kolan (SPD).

Lübbens Bürgermeister spielte damit darauf an, dass Firmen Mitarbeiter nur noch begeistern können, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen, ihnen quasi Lust auf die Stelle gemacht wird. Als positives Beispiel nannte er Markus Karl, den Inhaber des „Hotel Strandhaus“ in Lübben, der das erkannt und berücksichtigt habe. Und doch ist längst ein Kampf um Fachkräfte entbrannt. Das Landesbüro Brandenburg der Friedrich Ebert Stiftung hatte deshalb zum Forum „Fachkräftesicherung im Hotel- und Gaststättengewerbe“ eingeladen. Moderatorin Christina Eisenberg brachte es auf den Punkt: „Fachkräfte werden händeringend gesucht.“ Die Not ist schon so groß, dass erste Gastronomen ihre Einrichtungen geschlossen, ihr Angebot zumindest eingeschränkt haben, wie Sylvia Lehmann sagt.

Für die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion und Vorsitzende des für Fachkräfte zuständigen Ausschusses im Brandenburger Landtag ist das Thema Fachkräfte „bitter ernst geworden“. Wie ernst, das hat Marion Richter für den Bereich Südbrandenburg dargestellt. Der Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit in Cottbus zufolge gibt es „große Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt immer weiter“. 162 offene Stellen waren demnach im vergangenen Monat in der Gastronomie gemeldet – und das nur bei Fachkräften. Und die Aussicht ist nicht rosig. „Es wachsen weniger junge Leute nach, als ältere Mitarbeiter ausscheiden“, sagt Marion Richter. So genannte Rückkehrinitiativen werden ihrer Ansicht nach nicht reichen, um den wachsenden Fachkräftebedarf zu decken: „Wir müssen auch in anderen Ländern werben.“

In Polen etwa bestehe großes Interesse an einer Arbeit in Deutschland. „Wir führen bis zu 20 Bewerbungsgespräche pro Monat“, erzählt die Agentur-Chefin. Sie sieht zudem in Flüchtlingen „ein Potenzial, das wir nutzen wollen. Das Hotel- und Gaststättengewerbe profitiert durchaus davon. Die Beschäftigung geflüchteter Menschen ist ein Gewinn.“

Unter den von ihrer Agentur betreuten etwa 3800 Flüchtlingen seien mehr als 70 Prozent junge Männer unter 35 Jahre: „Das Gros von ihnen hat keine Ausbildung, ist maximal Helfer. Und die Ausbildung, die sie haben, ist nicht mit unserem System vergleichbar. Nur ganz wenige Flüchtlinge sind also Fachkräfte oder Spezialisten“, sagt Marion Richter.

Für die Geschäftsführerin sind Geflüchtete „dennoch ein Gewinn für die Branche“. Reserven gibt es offenbar auch noch in den Förderschulen. Der Besuch dort führe bisher zu keinem anerkannten Abschluss wie während des Forums deutlich wurde. Das erschwere den Zugang zum Arbeitsmarkt.

„Das können wir uns eigentlich nicht leisten“, sagte Sylvia Lehmann und versprach, das Problem mit nach Potsdam zu nehmen. Auch für Integrationsschüler wurde fehlende Unterstützung beklagt; Ausbildungsbetriebe würden allein gelassen.

Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands in Brandenburg, ist dafür, „Probleme klar zu benennen. Denn Fachkräfte entscheiden auch über die Zukunft des Tourismus´ im Spreewald. Wir müssen also Lösungen finden – und das für eine Wachstumsbranche.“ Während die Gesamtwirtschaft deutschlandweit während der vergangenen zehn Jahre um 2.1 Prozent gewachsen ist, beträgt das Wachstum für den Hotel- und Gaststättenbereich 12,1 Prozent im gleichen Zeitraum.

Ein Grund, warum sich nur wenige junge Leute für eine Ausbildung im Hotel- und Gaststättenbereich entscheiden, sei, dass derzeit etwa 50 Prozent der Schüler ein Gymnasium besuchen, um anschließend zu studieren. „Wir müssen den Wert der dualen Ausbildung stärker in den Vordergrund stellen“, sagt Olaf Lücke.

Mehr Schülerpraktika und ein praxisorientiertes Studium würden ebenso dazugehören wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dennoch: Wir werden künftig auf ausländische Arbeitnehmer angewiesen sein“, sagt Sylvia Lehmann. „Flüchtlinge sind eine Chance.“