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| 01:04 Uhr

„Ökologischer Verwüstung folgt die soziale“

Lieberose / Cottbus.. Mit dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lieberose sollen 24 000 Hektar Konversionsfläche von der militärischen in die zivile Nutzung überführt werden. Doch das Areal liegt dem Land Brandenburg auf der Tasche.

Die Munitionsbelastung macht das einstige Geschenk von Altkanzler Kohl zum Sorgenkind. 13 Jahre nach der Wende gibt es noch immer kein griffiges Konzept für die Zukunft. Im Rahmen des Konversionssommers fand dazu an der BTU Cottbus ein Expertengespräch statt, dessen Ergebnisse allerdings im Brandenburger Etatloch verschwinden könnten.
Dass etwas geschehen muss, dessen sind sich alle Beteiligten bewusst: „Die Geduld der Bevölkerung ist zu Ende“ , sagte Lothar Lankow von der Bran denburgischen Bodengesellschaft. „Nach der ökologischen Devastierung durch die Truppen folgt nun mit Schulschließungen und schwachen Kommunen die soziale“ , ergänzte Dr. Kenneth Anders von der Uni Potsdam. Auch Romeo Buder, Revierförster auf der Fläche und Bürgermeister von Byhlen, bekennt, dass wegen des 60-jährigen Betretungsverbotes die Forst zurzeit das einzige Bindeglied zwischen Bevölkerung, Kommunen und altem Übungsplatz sei. Wissenschaftlich belegt sei, dass im Umfeld keines anderen Truppenübungsplatzes des Landes Arbeitslosigkeit, Überalterung, aber auch der Mangel an Bürgern größer ist.
„Alle Akteure sind sich über die Wichtigkeit im Klaren“ , betonte Daniela Simoneit, Regionale Planungsgesellschaft Lausitz-Spreewald. Noch ein weißer Fleck auf der touristischen Landkarte zwischen Schwielochsee, Reicherskreuzer Heide, Peitzer Teichen und Spreewald, könnte die Lieberoser Heide eines Tages Brücken schlagen - durch die Aktivierung alter Ortsverbindungswege zumindest für Radler und Wanderer, Infopunkte einmalige Natur. Vor dem allen steht jedoch die Munitionsräumung, lässt Privateigentümer nach Landesfördermitteln und das Land nach privater Initiative rufen - ein Kreis ohne Ende.
Petra Riemann hat als Chefin der Stiftung Naturlandschaften auch in Lieberose Flächen zu betreuen. „Einen Kilometer Weg zu entmunitionieren kostet 20 000 Euro.“ Hinzu komme die Pflege und Offenhaltung der Naturschutzgebiete. Richard Harnisch vom Institut für Agrartechnik Bornim hatte errechnet, dass eine Beweidung von Flächen einen Zuschuss von 260 Euro pro Hektar und Jahr erfordert. Selbst das kontrollierte Abbrennen schlage mit 70 Euro zu Buche. Hinzu kämen Beiträge zum Wasser- und Bodenverband sowie Verkehrssicherung.
Brandenburg sei kaum in der Lage, die Fördermittel aus Brüssel zu finanzieren, bekannte der Konversionsbeauftragte des Wirtschaftsministeriums, Roland Vogt. Daniela Simoneit räumte ein, dass nicht einmal eine Machbarkeitsstudie für ein späteres Tourismuskonzept vorhanden sei.
„Der Ruf nach Fördermitteln wird ungehört verhallen“ , befürchtet Jürgen Raatz, Amtsdirektor Lieberose und eröffnete eine andere Rechnung: Noch immer sei die Windkraftbranche am Standort der „Wüste“ zum Bau eines Windparks interessiert. Lieberose sei es angesichts der in Aussicht gestellten Windkraftgelder auch. „Aus den kommunalen Erträgen wäre die komplette Bewirtschaftung des Truppenübungsplatzes möglich.“ Dass gerade die „Wüste“ seit 1930 mehrfach unter Schutz gestellt wurde, dessen ist sich Raatz bewusst. Dennoch hat Lieberose einen Aufstellungsbeschluss gefasst, „denn in Nordrhein-Westfalen wurden auch Windanlagen in Naturschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebieten genehmigt. Das ist ein Präzedenzfall.“
Kenneth Anders sieht in der Aufteilung des Übungsplatzes in verschiedene Nutzgebiete eine Aufgabe der naturräumlichen Gesamtheit. „Erfasst man Landschaft als Reichtum?“ Wenn ja, dann hätte Lieberose durch Einwirken von Naturkräften auf einer weiträumigen Fläche im Gegensatz zu den gepflegten Kulturlandschaften des Spreewaldes und des Schwielochsees eine touristisch einmalige Chance. (ch)