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Nur Ziffernblatt und Zeiger übrig

Dieter Klaue zeigt Ziffernblatt und Zeiger der Turmuhr, die aus dem Schutt geborgen wurden.
Dieter Klaue zeigt Ziffernblatt und Zeiger der Turmuhr, die aus dem Schutt geborgen wurden. FOTO: Kühl
Lieberose. Am 17. August 1975 ist der Uhrenturm des Lieberoser Schlosses eingestürzt. Die aktuelle Ausstellung in der Darre erinnert daran. Jörg Kühl

Morgens 7 Uhr rumpelt es dumpf, eine Staubwolke steigt auf. Als die sich lichtet, wird klar: Eines von Lieberoses herausragenden Bauwerken, ist soeben in sich zusammengesunken. Nur sehr wenige Lieberoser erleben an jenem denkwürdigen 17. August des Jahres 1975 mit, was zu einem der schmerzlichsten Ereignisse der Schulenburgstadt zählen dürfte: Den Einsturz eines historischen Wahrzeichens. "Mein Vater sagte, es hat gepoltert, als wenn ein Händler Kohlenstücke in größerer Menge abkippt", erinnert sich Günther Bramburger (88), der seit Kindesbeinen direkt neben dem Schloss wohnt. Er selbst sah die Misere noch am selben Tag, aber erst ein paar Stunden nach dem Einsturz. Einer der wenigen, wenn nicht der einzige Augenzeuge lebt nicht mehr: Von Briefträger Arno Löwe wird ist das Zitat überliefert: "Ich sah den Turm schwanken, dabei hatte ich doch gar nichts getrunken!"

Nur durch glückliche Umstände waren damals keine Toten zu beklagen. Denn zeitgleich genossen 130 Schüler ihr Ferienlager im Schloss. Die Sanitäranlagen waren unter dem Uhrenturm untergebracht. Glücklicherweise hielt sich zum Zeitpunkt des Einsturzes kein Mensch im Turm selbst auf.

"Meine Eltern, mein Bruder und ich waren vier Wochen zuvor auf dem Turm", erinnert sich Bürgermeisterin Kerstin Michelchen. Sie kann sich noch an die hervorragende Aussicht aus dem Bauwerk, das zeitweilig als Feuerwachturm genutzt wurde, erinnern. "Ein großer Verlust für die Stadt, bis heute", kommentiert sie das traurige Ereignis des Einsturzes.

Über die Ursachen gibt es mehrere Versionen, wahrscheinlich ist ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Zum einen war die Statik des Gebäudeteils, auf das Georg Anton Graf von der Schulenburg (1702 bis 1778) den Turm errichtete, für die Traglast vermutlich nicht ausgelegt, zum anderen fehlte durch die Abtragung des linken Gebäudeflügels nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das statische Gegenlager und zum Dritten wurde durch Melioration das Grundwasser so weit abgesenkt, dass die tragenden Eichenpfähle im Untergrund zu faulen begannen.

"Ich hatte immer die Hoffnung, dass jemand kommt und den Turm wieder aufbaut", sagt die Bürgermeisterin. Mit der aktuellen Ausstellung in der Darre wird der Turm zumindest ideell wieder aufgerichtet. Gestaltet hat sie der Förderverein um ihren Kurator Dieter Klaue, der als junger Mann seltene Farbaufnahmen von der noch staubenden Trümmerstelle geschossen und zur Ausstellung beigesteuert hat. Übrigens hat ist erst in diesen Tagen das genaue Datum des Turmeinsturzes bekannt geworden. "Wir dachten immer, es sei der 12. August vor 42 Jahren gewesen", sagt Dieter Klaue mit Bezug auf die Chronik. "Nun hat uns Herr Hähnel glaubwürdig versichert, dass es sich um den 17. August 1975 handeln muss, einen Montag", erklärt er. Dieser habe seine Aussage auch auf die Erinnerung von Otto Halbasch gestützt, der damals als Busfahrer die im Schloss untergebrachten Ferienkinder zurück in ihre tschechische Heimat fahren musste. "Schön, wenn man noch was dazulernen kann und wenn die Berichterstattung zu weiteren Diskussionen und neuen Erkenntnissen führt", sagt Dieter Klaue.