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| 07:30 Uhr

Lübben
Beinahe wäre sie Kamerafrau geworden

Die Lübbener Notarin Rita Knieschke scheidet aus dem aktiven Berufsleben aus. Ihre Stelle übernimmt bis auf weiteres Lucas Löbich als Notariatsverwalter.
Die Lübbener Notarin Rita Knieschke scheidet aus dem aktiven Berufsleben aus. Ihre Stelle übernimmt bis auf weiteres Lucas Löbich als Notariatsverwalter. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben. Die Lübbener Notarin Rita Knieschke geht in den Ruhestand. In ihrem langen Berufsleben hat sich viel verändert – bis hin zu rechtlichen Quantensprüngen. Von Ingvil Schirling

In gewisser Weise geht an diesem Freitag mit einer offiziellen Verabschiedung in Lübben eine Ära zuende. Es fällt schwer, andere als diese großen Worte zu finden, wenn es um Rita Knieschkes Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand geht. Wer immer sich bis zum Monatsende bei ihr im Notariat an der Breiten Straße einfindet aus der Stadt, aus der Umgebung, von offiziellen Vertretern, Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern, wird diese Redewendung mindestens im Kopf haben, wenn nicht gar auf den Lippen. Denn die 65-Jährige hat seit dem 1. September 1980 in der Spreewaldstadt und weit darüber hinaus gewirkt, einen Systemwechsel erlebt, vieles in Ordnung gebracht und so manchen vor schwerwiegenden Fehlern bewahrt. Das dürfte für viele Menschen, Einrichtungen und Institutionen ein Segen gewesen sein – dabei wäre es beinahe ganz anders gekommen.

Die junge Rita, geboren in Klettwitz, aufgewachsen in Kalkwitz bei Calau, bewarb sich zunächst im Filmstudio Babelsberg. Sie wollte Kamerafrau werden. Doch sie verpasste knapp die Frist und bekam die Auskunft, sie möge sich doch ein Jahr später wieder melden. „Da habe ich mich entschieden, Notarin zu werden“, sagt sie. Die Idee ist in gewisser Weise ähnlich, denn auch in dieser Funktion werden ihre Gegenüber zuweilen komplett durchleuchtet. In ihrem eigenen Interesse.

Denn Rita Knieschke zeichnet sich vor allem durch eines aus: Sie geht den Dingen auf den Grund. „Wenn ich in den Gesprächen bestimmte Dinge erfahre, werde ich hellhörig.“ Und dann prüft sie sehr, sehr gründlich, welche Folgen dies rechtlich haben könnte. „Ich versuche, perfektionistisch zu sein“, sagt sie mit einem Lächeln. Es verrät, dass sie weiß, dass Perfektionismus unerreichbar ist und einen hohen Preis hat.

Dieser Preis in Form der vielen – wenn auch oft schönen – Arbeit der vergangenen Jahrzehnte, hat zur Entscheidung beigetragen, jetzt in den Ruhestand zu gehen. Sie erinnert sich an ihre Geburtstagsfeier, auf der dies reichlich beklatscht wurde – nur aus der Ecke, in der ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen saßen, gab es vernehmliche Buh-Rufe.

„Das Leben, der Alltag, prägt einen und formt einen“, bilanziert sie. „Kein Tag ist wie der andere.“ Sie bedauert, dass damals, in ihrer Ausbildung, der Umgang mit Menschen kein Thema war. Das meiste musste sie sich selbst aneignen, und das unter herausfordernden Bedingungen. Nicht selten wird die Lübbenerin zu Sterbenden gerufen, um deren letzten Willen zu beurkunden. Ob Samstagabends, nach einem langen Tag oder zu schier unmöglichen Uhrzeiten – sie macht es. Und sie tut es auf eine ganz bestimmte Weise: „Wenn ich zu einem Sterbenden muss, führe ich die Verhandlung so, dass er mindestens einmal von sich aus lächelt.“

Das Menschliche spielt eine Hauptrolle im Leben einer Notarin, inklusive des nötigen Quäntchens Diplomatie. Doch das Fachliche ist mindestens ebenso entscheidend – besonders, wenn man mit 27 Jahren zu DDR-Zeiten als staatliche Notarin begann, einen Systemwechsel erlebte und danach jeden Feiertag auf der Schulbank verbrachte. Allein schon, dass Wohnrechte nach dem damals gültigen Zivilgesetzbuch nicht gesichert werden konnten, war ein „enormer Mangel“, den es nach der Wende zum Schutz der Betroffenen zu beheben galt.

Basierend auf den LPG-Zusammenschlüssen wurden beispielsweise ebenso Flurstücke nicht beurkundet, nennt sie ein weiteres Beispiel. Erbfolgen und Erbengemeinschaften setzten sich später auch, aber längst nicht nur damit auseinander. „Die Vertragsgestaltung nach dem BGB (Bürgerlichen Gesetzbuch) ist heute wesentlich umfangreicher und räumt den Veräußerern größeren Spielraum ein“, sagt sie und spricht von einem „richtigen Quantensprung“.

Nachdem vieles davon in den 28 Jahren seit der politischen Wende geordnet werden konnte, liegt ein großer Schwerpunkt seit einiger Zeit auf Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten. Auch  die Erbrecht-Kurzvorträge bei den Tagen der offenen Tür jedes Jahr im Notariat sind gut nachgefragt. Ebenso gut angenommen werden die RUNDSCHAU-Telefonforen zu diesen Themen, für die sich Rita Knieschke immer wieder zur Verfügung gestellt hat. Allein dieses Jahr hat die Lübbener Notarin 500 bis 600 Vollmachten beurkundet, und die Menschen, die über solche Regelungen nachdenken, sind längst nicht nur älter an Jahren, sondern kommen schon ab der Volljährigkeit. „Man hört auf mich“, stellt sie zufrieden fest. Nicht ohne Grund: Bestimmt man keine Vertrauensperson für den Fall des Falles und kommt kein Familienangehöriger in Frage, bestimmt der Staat einen Betreuer.

Darauf immer wieder hinzuweisen, gehört für Rita Knieschke ab 1. November zur Vergangenheit. Dann steht die Familie mit den beiden eigenen Enkeln und den dreien ihres Mannes Josef Metzges im Vordergrund, allesamt zwischen sechs und elf Jahren alt und in guter Verbindung miteinander. Das Grundstück genießen, steht ebenfalls auf der Wunschliste für die neugewonnene freie Zeit, der Sport. „Aber erstmal möchte ich Zuhause angekommen“, sagt sie, wenn sie das Notariat an den bestellten Verwalter Lucas Löbich, der die Mitarbeiter bis auf weiteres behält, übergeben hat.

Und dann wird es vielleicht auch wieder Zeit für die Kamera. Rita Knieschke fotografiert nach wie vor gerne, „und das soll dann mein Hobby werden“.