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Nicht auf den Segen von oben gewartet

Zum Programm des Lieberose-Tags gehörte auch eine Schlossführung: Die meisten Besucher nahmen dieses Angebot gern wahr.
Zum Programm des Lieberose-Tags gehörte auch eine Schlossführung: Die meisten Besucher nahmen dieses Angebot gern wahr. FOTO: Ingrid Hoberg
Lieberose. Der Förderverein Lieberose hat zum achten Mal zu einem Tag eingeladen, an dem ehemalige Einwohner der Stadt mit früheren Nachbarn, Freunden, Bekannten zusammentreffen. Und der Lieberose-Tag ist Gelegenheit, das Ehrenamt zu würdigen. Mit Kerstin Michelchen, Dieter Klaue und Peter Kotzan sind drei Lieberoser geehrt worden, die seit Jahren das Leben in der Stadt mitgestalten. Ingrid Hoberg

Dass es in einem Ort wie Lieberose mit nicht einmal 1500 Einwohnern ein Stadtjournal gibt, ist eine erstaunliche Tatsache. Dass im September/Oktober 2016 im 20. Jahrgang die 118. Ausgabe erschienen ist, gehört eigentlich schon in die Kategorie "Wunder". Wo gibt es so viel Durchhaltevermögen?

"Seit Mai 1997 gestaltet Dieter Klaue jedes Titelblatt - diese Seite hat schon Kult-Charakter", stellte Heinz-Gerd Hesse fest. Der Vorsitzende des Fördervereins hielt die Laudatio für seinen Mitstreiter an der Doppelspitze des Vereins. "In jeder Zeichnung steckt die Arbeit von einem Wochenende", sagte Heinz-Gerd Hesse. Außerdem steuert Dieter Klaue "ausgezeichnet recherchierte historische Beiträge bei". Und erinnert sei an den Artikel zum Siedlungsgebiet der Sorben, der im Heft 5/15 erschien, in dem das Für und Wider abgewogen wurde. "Solch eine Diskussion hätte auch in der Stadtverordnetenversammlung stattfinden müssen", betonte Hesse.

Er würdigte auch die 136-seitige Festschrift, die zur 700-Jahr-Feier von Lieberose unter der Leitung von Dieter Klaue erschienen war. In Zusammenarbeit mit Stefanie Reinke kam 2015 die Broschüre "Schloss-Szenen" heraus, der bald eine zweite folgen soll. In "Lieberose, sagenhaft!" werden dann Geschichten erzählt wie die von Dr. Mottke und dem Rehbock - zu der Dieter Klaue im Internet tatsächlich Fotos gefunden habe. Stefanie Reinke trug am Sonnabend in der Darre zwei Geschichten aus dem Manuskript vor, darunter die, wie Lieberose zu seinem Namen kam - aufgeschrieben von Kerstin Michelchen.

"Sie ist ein Macher."

Die Laudatio auf sie, nun wieder Bürgermeisterin von Lieberose, hielt Christina Schmidt. "Sie ist ein Macher, wenn es um die Sache geht", sagte sie. "Und ein bisschen Diplomatie kann nicht schaden!" Was Kerstin Michelchen mit ihrer Hartnäckigkeit erreicht hat, ist vielleicht nicht jeden Tag Stadtgespräch, hat in Lieberose aber Spuren hinterlassen. Sie war 1993 der Motor des ersten Schulstreiks in Brandenburg, sie war insgesamt 15 Jahre Bürgermeisterin vor ihrer Wiederwahl in diesem Sommer. In diese Zeit fielen Stadt- und Straßensanierungen und solche verrückten Sachen wie die Versteigerung des Platzes an der Schule für 20 000 D-Mark. Das ist nun der Heinz-Berger-Platz.

Kerstin Michelchen gründete 1994 den Gedenkstättenverein mit. "Und sie brachte das Stadtjournal gemeinsam mit Dieter Klaue und Christina Dahlitz auf den Weg", zählte Christina Schmidt auf. "Seitdem ist die erste Seite ihre Seite." Noch bevor sie bei der Bürgermeisterwahl die Mehrheit der Stimmen in der Stadtverordnetenversammlung erhielt, schrieb sie dort: "Ein jeder, der in Lieberose seine Heimstadt hat, sollte nicht darauf warten, dass der Segen von oben kommt, der kommt nicht . … Nicht jammern, dass es zu wenig ist, nein mit dem Wenigen das Möglichste erreichen."

Der Dritte im Bunde der Geehrten, Peter Kotzan, konnte an der Veranstaltung nicht teilnehmen. Dessen ungeachtet verwies Astrid Burisch auf seine umfangreiche ehrenamtliche Arbeit in und für Lieberose. Auch er gehört zur Redaktion des Stadtjournals - er schreibt Artikel und ist derjenige, der es in den Druck bringt. Als Vorsitzender des Vereins zur Förderung der antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätte Lieberose sichert er die Öffnungszeiten ab, hält den Kontakt zu ehemaligen Häftlingen und erarbeitet Ausstellungen. "Er organisiert Zeitzeugengespräche und arbeitet mit Schulen zusammen", sagte Astrid Burisch. "Und er leitet den Zeichenzirkel, dessen tolle Bilder zurzeit in der Physiotherapie Ebert zu sehen sind."

"Ich bin hier aufgewachsen."

Kerstin Michelchen und Dieter Klaue trugen sich im Ehrenbuch der Stadt Lieberose ein. Als Erster hatte sich Roland Richter 2008 zum 6. Lieberose-Tag eingetragen - damals noch in der Schulaula. 2012 wurde Annemarie Gottschald geehrt. Sie hat mit Führungen durch das Schloss dieses bedeutsame Bauwerk in den Blick der Öffentlichkeit gebracht. Inzwischen liegt der Film als DVD vor, in dem sie Besucher beim Rundgang durch das Haus begleiten können.

Der Lieberose-Tag ist auch Gelegenheit, die Heimatstadt wieder einmal zu besuchen. Auch wenn Adolf Noack (83) aus Eisenhüttenstadt zu denen gehört, die immer noch regelmäßig nach Lieberose kommen, war es für seine Kinder eine gute Gelegenheit, einmal das Schloss zu besuchen. "Ich bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe einen Beruf gelernt", erzählte er. Doch der Lohn, den er als Friseurgeselle erhielt, war knapp. Und so wurde er Stahlkocher, Baggerfahrer und Hebezeug-Instandhalter.

Edith Schladitz (geb. Jaeger) war aus Lübbenau gekommen. "Ich habe engen Kontakt zur Tanzgruppe von Christina Schmidt, ich leite selbst eine Gruppe, den Seniorentanzkreis in Lübbenau", erzählte sie. Besonders gern kommt sie zum Weihnachtsmarkt nach Lieberose - diesmal findet er am 3. Dezember statt.

Auch das Restaurant in der Darre hatte wieder einmal die Türen geöffnet. Der Förderverein organisierte Kaffee und Kuchen sowie das Abendessen - ein neuer Pächter wird noch immer gesucht. Zum Abschluss des Tags gab es ein gelungenes, gut besuchtes Konzert im Darre-Saal mit Hans-Joachim Scheitzbach (Cello) und Ingo Reuter (Fagott).