Von Ingvil Schirling

„Wie oft kann man das Fahrrad neu erfinden?“ Leugnen kann Peter Rogalla (Die Linke) seine Resignation eher nicht. Seit zwei Jahren sind die aktuellen Probleme mit den beiden Obdachlosenwohnungen in Lübben-Nord bekannt. Eine befriedigende, friedliche und tragbare Lösung für die Unterbringung von Menschen, die sonst nirgendwo mehr eine Bleibe haben, steht in der Spreewaldstadt seit vielen Jahren aus, obwohl sie schon oft diskutiert wurde. Lange war das ehemalige Anwesen der Schauspielerin Camilla Horn am Weinberg das Lübbener Obdachlosenheim. Drei Männer und eine Frau waren dort zuletzt untergebracht, doch WG-Charakter, unübersichtliche Besuche und auch hygienische Gründe führten zur Schließung.

Seit Sommer 2015 und Februar 2016 stehen nun eine Zwei- und eine Dreiraumwohnung an der Lübbener Goethestraße für diejenigen zur Verfügung, die nirgendwo mehr hinkönnen. Platz ist offiziell für fünf beziehungsweise drei bis vier Personen. Eingeschränkt auf die Nachtzeiten, wie anderswo praktiziert, ist die Nutzung nicht. Im Moment wohnen in den beiden Unterkünften acht junge Leute.

Den aktuellen Stand hat die Stadtverwaltung den Abgeordneten kürzlich detailliert vorgestellt. Daraus ging vor allem eines hervor: Die Problematik hat sich durch den Umzug von der Weinberg- in die Goethestraße, von außerhalb ins Neubauquartier, kein bisschen verändert. Eher im Gegenteil.

Hier wie dort heißt es, die Bewohner seien „kaum sozialisierbar“; wer ein- und ausgeht, sei schwer kontrollierbar. Dazu kommt, dass es nun eben Anwohner gibt. Es häufen sich laut Stadtverwaltung die Beschwerden über Ruhestörungen, körperliche Auseinandersetzungen und Sachbeschädigungen.

Positiv am Standort ist, sagt Victoria Handschick aus dem Fachbereich Bildung, Ordnung und Soziales, dass sich das Stadtteilbüro der Diakonie im selben Eingang befindet. Sich dort zu melden und mit den Beratern erste Schritte auf dem Weg zur Grundsicherung, in eine neue Zukunft zu vereinbaren, „beruht auf Freiwilligkeit“, räumt sie ein. Auch die Lübbener Wohnungsbaugesellschaft LWG als Vermieter sei „sehr bemüht“. Weil es aber rein auf freiwilliger Basis nicht funktioniere, sei versuchsweise im Februar ein Wachschutz beauftragt worden. Dessen Präsenz sowie eine jetzt zeitlich befristete Einweisungsverfügung, die den Betroffenen das Dach überm Kopf sichert, hätten die Lage verbessert.

Dennoch: Bei 20 Einsätzen der Polizei allein dort in drei Jahren leide das Quartier am Imageschwund, heißt es aus der Verwaltung. Deshalb hatte sie fünf Alternativ-Standorte zusammengetragen und grob geprüft, dies dann den Stadtverordneten mit Bitte um ein Meinungsbild präsentiert.

Zu konstatieren ist, dass die Auswahl nicht sehr groß ist. Einige „Alternativen“ kommen bei Licht betrachtet gar nicht in Frage, weil sie entweder erst grundhaft saniert werden müssen, zu teuer sind (das betrifft eine mögliche Reaktivierung der Camilla-Horn-Villa an der Weinbergstraße, die mit 4000 Euro pro Monat zu Buche schlagen würde), oder weil die angefragten Träger der Stadt eine Absage erteilt hatten.

Ernsthaft diskutiert wurde lediglich über die Variante, Wohncontainer auf einer Fläche an der Frankfurter Straße aufzustellen, etwas versteckt hinter einem Haus zwischen Wiesenauer Weg und B 87 gelegen. „Das wäre am schnellsten und kostengünstigsten zu realisieren“, schätzt die Stadtverwaltung ein. Bei einer Nutzungsdauer von fünf Jahren würde sich die Miete monatlich auf 1400 Euro belaufen. Jetzt kosten die beiden Wohnungen die Stadt zusammen 745 Euro.

Bei einer gemeinsamen Umsetzung mit der LWG und einer Ausschreibung der sozialen Betreuung, dazu die Einbindung in die Haushaltsplanung, „könnte das ab 2020 klappen“, schätzt die Verwaltung.

Die Ziele der neuerlichen Standortsuche allerdings hatte sie klar formuliert: Langfristig sei zu vermeiden, dass die Zahl der Obdachlosen in Lübben steigt. Sie stammen teils aus anderen, benachbarten oder entfernten Kommunen. Deswegen soll „WG-Charakter“ vermieden werden. Gemindert werden soll das Sicherheitsrisiko, vergrößert die Entspannung in Lübben-Nord. Auch, weil das Viertel mit dem neuen Stadtentwicklungskonzept attraktiv ausgebaut werden soll.

Jens Richter (CDU/Grüne) fand in einer ersten Beurteilung den Alternativ-Standort an der Frankfurter Straße „extrem weit draußen, um tagsüber auch Leute in Krisen betreuen zu können“. Peter Rogalla (Die Linke) ergänzte: „Für mich steht und fällt es mit der sozialen Betreuung. Dass nicht alles freiwillig läuft, liegt ebenfalls auf der Hand.“

Beides – Kontrolle und soziale Anlaufpunkte – zogen sich wie ein roter Faden durch die Präsentation. Klar wurde: Ohne dies wird es nicht leichter werden. Aber auch nicht günstiger.