Von Ingvil Schirling

Am Unterschied zwischen Theorie und Praxis sind bekanntlich schon ganze Gesellschaftssysteme gescheitert. Muss ein einfacher Fahrradschutzstreifen in Lübben dieses Schicksal am Ende teilen?

Grund war ein „erhöhtes Unfallrisiko“

Die Rede ist von einem Abschnitt an der B87 in Lübben zwischen der Bogenbrücke und der Aral-Tankstelle entlang der Frankfurter Straße. Bisher teilten sich dort Radfahrer und Fußgänger den Seitenstreifen, der unterschiedliche Qualitäten und Pflasterungen aufweist und von vielen Straßen und Einfahrten sowie einer Bushaltestelle unterbrochen ist. „Sowohl für den Radfahrer als auch für den Autofahrer stellte dies ein erhöhtes Unfallrisiko dar“, erklärt daher der Landkreis Dahme-Spreewald auf LR-Anfrage. „Die bauliche Situation auf dieser südlichen Seite der Frankfurter Straße verschlechtere sich in den vergangenen Jahren, weshalb vor allem für Kinder und ältere Menschen eine praktikable und vor allem kurzfristige Lösung gefunden werden sollte.“ Daher hatte das Straßenverkehrsamt den Fahrradschutzstreifen im Mai 2018 angeordnet, der vor einigen Wochen auch auf Anraten der Stadt Lübben aufgemalt wurde. Ziel war es ganz klar, die Verkehrssituation in diesem Straßenabschnitt zu verbessern, sagt LDS-Pressesprecher Bernhard Schulz – auch für den Radfahrer.

Für diese Lösung gibt es sowohl Lob als auch Kritik. Im Grunde sieht beispielsweise der Lübbener Kurt Pöthke von der Kreisverkehrswacht sie als gute Sache an. Doch schon früh meldete sich eine Anwohnerin bei der LR, weil sie bei den Verkehrsteilnehmern ein Durcheinander beobachtete. Relativ oft nutzen Radler wie gewohnt den – jetzt ausschließlichen – Gehweg, obwohl sie auf dem Streifen fahren müssen. Manchmal radeln sie gegen die Richtung, häufiger auf dem Gehweg, seltener auf dem Fahrradstreifen.

Als Knackpunkt erscheint, dass die Ansichten über die Sicherheit ziemlich weit auseinander gehen. „Radfahrer sind grundsätzlich im Sichtfeld des Kfz-Verkehrs sicherer, da sie dort weniger schnell übersehen werden können“, sagt der Landkreis. Doch in der Gemengelage von Lkw, Bus und Pkw, einen teilweise hohen Bordstein zwischen sich und dem notfalls rettenden Gehweg, fühlt sich so mancher Radler alles andere als sicher.

Doch dann gab es einen schweren Unfall

Das bestätigt nicht nur Kurt Pöthke aus zahlreichen Gesprächen. Auch Schüler und Schülerinnen einer 8. Klasse des Lübbener Paul-Gerhardt-Gymnasiums machten die LR-Redakteurinnen vor einiger Zeit auf das Problem erneut aufmerksam. Im Rahmen des Projekts ZiSch (Zeitung in der Schule) stellten diese ihre Arbeit in der Klasse vor, fragten aber auch, was die Achtklässler bewegt. Ihre Sorgen mit dem neuen Streifen schilderten sie ausführlich. Auf dem Gehweg dürfen nur Kinder bis zehn Jahren fahren, Eltern in ihrer Begleitung. Die Achtklässler sind älter.

Sogar einen schweren Unfall habe es gegeben, ein Radfahrer sei gestorben, hieß es aus der Klasse.

Das kann auf LR-Nachfrage bei der Polizei nicht bestätigt werden. Bei ihr muss gemeldet werden, wenn Unfallopfer sterben – auch wenn zwischen Tod und Unfall Zeit vergangen ist. Bis dato liegen der Polizei keine derartigen Angaben vor, informiert die Pressestelle. Der besagte Unfall ereignete sich am Freitag, 6. September, am frühen Morgen. Ein 61-jähriger Radfahrer wurde dabei schwer verletzt und kam ins Krankenhaus. Er war laut Polizeibericht vor einem 48-jährigen Autofahrer unterwegs, von dem er aus ungeklärter Ursache erfasst wurde.

Was genau passiert ist, ist derzeit nicht bekannt. Doch wer mit Kurt Pöthke an einem frühen Donnerstagnachmittag, außerhalb der Hauptverkehrszeit, an der Frankfurter Straße steht, darf den berühmten Unterschied zwischen Theorie und Praxis beobachten. Ein Lkw-Fahrer muss hinter einem Radfahrer auf dem Schutzstreifen warten, bis die Gegenfahrbahn frei zum Überholen ist. Um ihm Raum zu geben, nutzt der begegnende Autofahrer den Schutzstreifen – ein zweiter Radfahrer hätte darauf keinen Platz mehr. Wenn sich Lkw und Bus begegnen, müssen beide den Streifen nutzen, wenn die Spiegel heil bleiben sollen. Theoretisch wird dem Radler zwar „der Vorrang vor dem Autofahrer auf dem Schutzstreifen gewährt“, wie der Landkreis argumentiert, praktisch braucht der radelnde Verkehrsteilnehmer aber aufgrund der Enge viel Vertrauen, dass sie ihr Fahrschulwissen korrekt und rücksichtsvoll anwenden.

Der Fahrradstreifen ist ein Pilotprojekt, informiert der Landkreis weiter und sieht ihn als kostengünstige und umkomplizierte Lösung. Kurt Pöthke von der Kreisverkehrswacht wäre in die Absprachen gern mit einbezogen gewesen. Er hätte eine Sanierung des bisher gemeinsamen Geh- und Radwegs favorisiert, weil die dann glatte Oberfläche auch Rollator-Nutzern den Weg zur Eisdiele und zum Supermarkt erleichtert hätte. Im Zuge des weiteren Ausbaus der B 87 könnte das noch kommen – wobei es Initiativen für einen durch die Optik getrennten Geh- und Radweg gibt. Der Schutz der Radfahrer (und Fußgänger) ist das, was alle wollen – wenn er so überzeugend ausgeführt ist, dass er auch genutzt wird.