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| 16:22 Uhr

Ludwig-Leichhardt-Oberschule
„Ich habe keinen Tag bereut“

Rica Otto ist die neue Schulleiterin an der Ludwig-Leichhardt-Oberschule Goyatz und steuert diese durch eine aktuelle Umbruchzeit. Erste Ergebnisse zeichnen sich ab. Ihr Stellvertreter Stefan Bischoff (37) ist seit 1. August in dieser Funktion. Er unterrichtet seit fünf Jahren an der Schule.
Rica Otto ist die neue Schulleiterin an der Ludwig-Leichhardt-Oberschule Goyatz und steuert diese durch eine aktuelle Umbruchzeit. Erste Ergebnisse zeichnen sich ab. Ihr Stellvertreter Stefan Bischoff (37) ist seit 1. August in dieser Funktion. Er unterrichtet seit fünf Jahren an der Schule. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben. Goyatz hat seit einigen Monaten eine neue Schulleiterin. Die Herausforderungen sind etwas größer als gedacht. Von Ingvil Schirling

Der langjährige Schulleiter der Goyatzer Ludwig-Leichhardt-Oberschule, Dieter Klaue, ist zu Jahresanfang in den Ruhestand gegangen. Ihm folgte Rica Otto, 55 Jahre, rundum fit für die Aufgabe und hochmotiviert. Ihr Fazit aus den ersten Monaten: „Ich habe keinen Tag bereut. Und ich bin nicht gewillt aufzugeben.“

Das sagt sie nicht zufällig. Begleitet wurde ihr Start von einer Verkettung unglücklicher Umstände. Genauer gesagt, sind es drei große Problemfelder, auf denen einerseits gekämpft wird, sich andererseits aber auch Lösungen abzeichnen.

Doch der Reihe nach. Problemfeld Nummer eins stand erst kürzlich im Mittelpunkt, als Staatssekretär Thomas Drescher (SPD) die Schule besuchte. „Ich will nicht sagen, dass er geschockt war“, sagt Rica Otto mit einem angedeutetem Lächeln, aber bewegt habe ihn schon, dass die Einrichtung über so gar keinen guten Internetanschluss verfügt. „Er hatte sich an die eigene Schulzeit erinnert gefühlt“, berichtet sie. „Wo andere längst interaktive Medien verwenden, arbeiten wir noch mit Fernseher und Video.“

Die Internetanbindung sei ein großes Problem, die mangelnde Hardware ein weiteres. Die Schule habe sich um ein entsprechendes Landesprogramm beworben, sei aber leider nicht angenommen worden. Schulen, die Mittel bewilligt bekommen hätten, seien teils weit besser ausgestattet, schätzt sie ein. Drescher habe zugesagt sich dafür einzusetzen, dass die Leichhardt-Schule nachrücken kann, sollte eine Schule abspringen. Und das deutet sich nun an, sodass in dieser Sache Optimismus herrscht, auch wenn Konkreteres noch nicht feststeht.

Die zweite große Baustelle dreht sich um das Thema Personal. Nicht nur fiel Rica Ottos Start in eine Umbruchzeit, in der neben Dieter Klaue noch andere in den Ruhestand gingen oder dieses beabsichtigten. Einige konnten überzeugt werden, noch etwas zu bleiben. Doch dazu kam, dass der Hausmeister als langjährige, feste Bank schwer erkrankte und verstarb, wie Rica Otto betroffen berichtet. „Damit fehlte eine wichtige Stütze“, sagt sie.

Unterm Strich war der Start für sie als Schulleiterin somit „ungewöhnlich und besonders schwierig“, schätzt sie selbst ein, auch weil vertraute Gesichter plötzlich fehlten und neue sich einfinden mussten.

Und nicht nur das. Es gelang nicht, zum Schuljahr die volle Anzahl an Lehrerstellen abzusichern. 40 Wochenstunden fehlen, hauptsächlich in den Fächern Englisch, Biologie, Chemie und Physik. „Mir ist klar, dass niemand Lehrer backen kann“, sagt Rica Otto. „Ich will mich über diesen beklagenswerten Zustand auch nicht beklagen.“ Denn „im Augenblick gelingt es uns gut, das auszugleichen, dank des großen Engagements der Kollegen. Die Identifikation mit der Schule ist sehr hoch.“

Doch die Flexibilität kommt an einer eher kleinen Schule an ihre Grenzen. Bei 222 Schülern und 23 Kollegen, von denen zwei an der Außenstelle, der Alt Zaucher Lernwerkstatt, unterrichten, müssen Abstriche gemacht werden, etwa im Ganztagsbereich.

Eng verbunden ist dieses zweite Problemfeld mit dem dritten: der aus Sicht von Rica Otto zunehmenden Benachteiligung von Kindern im ländlichen Raum. „Das möchte ich für meine Schüler nicht kampflos hinnehmen“, kündigt sie an.

Gefordert werde beispielsweise im Rahmenlehrplan das Lernen an außerschulischen Lernorten – doch wenn die Goyatzer öffentliche Verkehrsmittel nutzen wollen, kommen sie an ihre Grenzen. Allein schon deshalb, weil die Kinder pünktlich wieder zurück in Goyatz sein müssen, um ihre Busse nach Hause nicht zu verpassen. Auch die Kosten können nur begrenzt auf die Familien umgelegt werden. „Mein Traum wäre ein eigener Bus – und ich bin mir sicher, dass der fast täglich rollen würde“, sagt sie.

Die Problematik der Infrastruktur im ländlichen Raum erstreckt sich weiterhin auf jüngere Lehrkräfte. Referendare könnten aus Rica Ottos Sicht an der Leichhardt-Schule ideal weiter ausgebildet werden und im Beruf Erfahrung sammeln, doch sie finden in Goyatz kaum eine Wohnung, sind also auf das anstrengende Pendeln angewiesen.

Dennoch: Rica Otto ist weit entfernt von jedem Gedanken ans Aufgeben. „Ich bin eine Kämpferin“, sagt sie. Geboren in Bad Saarow, aufgewachsen in Cottbus, unterrichtete sie noch vor der Wende Mathe und Physik an einer POS, die später Realschule wurde. Auch das Gesamtschulkonzept fand sie „gut und interessant“. Durch Zufall kam sie nach der Babypause an ein Gymnasium, lernte also viele verschiedene weiterführende Schulformen kennen.

Dann ging sie mit ihrem Mann für sechs Jahre nach Afrika, an eine deutsche Schule in Windhoek. Ab der zehnten Klasse muss dort auf Englisch auch im Fachunterricht gelehrt werden, so lernte Rica Otto Fachenglisch. Sie begann ein Fernstudium im Schulmanagement.

2010 kehrte sie zurück und arbeitete zu 60 Prozent in der Visitation, um das anwenden zu können, was sie damit an Wissen dazugewonnen hatte. So lernte sie viele Ober- und Gesamtschulen kennen. „Ich hatte Gelegenheit, über den Tellerrand zu blicken und mir vieles abzuschauen. Das kommt mir jetzt zugute.“

Weil sich über die Jahre die Schülerklientel veränderte – und auch wegen der zunehmend inklusiven Ansätze –, qualifizierte sie sich in fünf Semestern zur Sonderpädagogin weiter, Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. „Das war nie mein Traum“, sagt sie, „aber ich hatte die Schüler vor mir sitzen. Da muss man wissen, was man tut.“ Es sei ein Riesenkraftakt gewesen, „aber es hat sich gelohnt“.

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