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| 17:40 Uhr

Öffentlicher Nahverkehr
Wie viel Bus braucht der Spreewald?

FOTO: LR / Christian Mueller
Lübben. Über-Land-Strecken zu bedienen, ist für Busunternehmen unwirtschaftlich. Andererseits besteht Bedarf. Neue Rezepte sind gefordert.

Angenommen, Sie wohnen in Pretschen und möchten die Sitzung der Gemeindevertretung im gut neun Kilometer entfernten Groß Leuthen besuchen. Kein Problem, denken Sie, mit dem Auto bin ich in zehn Minuten da. Was aber, wenn Sie nicht selbst fahren können oder wollen? Zum Beispiel, weil Sie zu alt oder zu jung sind oder aus ökologischen Gründen nicht mit dem Auto fahren wollen. Ihnen bleibt das Fahrrad oder der Bus.

Die Gemeindevertretersitzung beginnt in der Regel um 18 Uhr. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln können Sie entweder etwa eine Stunde zu zeitig oder eineinhalb Stunden zu spät eintreffen. Entscheiden Sie sich für die Verbindung, die um 17.09 Uhr in Groß Leuthen eintrifft, sind Sie über eine Stunde unterwegs. Davon warten Sie gut 40 Minuten in Birkenhainchen an der B 87 auf ihren Anschluss.

Eine Stunde Fahrtzeit für neun Kilometer? „Der öffentliche Nahverkehr orientiert sich an den Hauptstrecken“, sagt Lutz Strohschein, Marketingleiter der Regionalen Verkehrsgesellschaft Dahme-Spreewald. Das bedeutet, dass der Verkehr etwa aus Märkische Heide auf Lübben zuläuft, während Verbindungen zwischen kleineren Orten seltener und meist mit Umstieg sind. „Wenn wir eine Strecke befahren, muss sich das in der Anzahl der Fahrgäste widerspiegeln“, sagt Strohschein. „Wir müssen auch wirtschaftlich sein.“

Ein Selbstversuch zeigt das Dilemma des öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Raum: Wie kommt man vormittags ohne Auto von Krugau, einem Ortsteil von Märkische Heide, nach Lübben? Für die Zeit zwischen 9 und 12.30 Uhr schlägt die VBB-App als schnellste Verbindung vor: Abfahrt in Krugau um 10.21 Uhr, Umstieg in Gröditsch, Ankunft in Lübben um 11.02 Uhr, insgesamt 41 Minuten Fahrzeit. Man kann auch im ersten Bus sitzen bleiben und ohne Umstieg nach Lübben fahren. Fahrtzeit: 51 Minuten. Für eine direkte Strecke von zwöf Kilometern braucht man  mit dem Auto elf Minuten.

Wer statt mit dem Auto nur mit Bus und Bahn von A nach B kommen will, braucht also vor allem Zeit. Die Verbindungen sind hauptsächlich auf den Schüler-Transport ausgerichtet. Morgens und in den späteren Nachmittagsstunden kommt man besser von den Dörfern nach Lübben und wieder zurück. Zwar fahren auch dazwischen Busse, allerdings weitaus seltener und oftmals in großen Runden, bei denen zahlreiche Haltestellen angesteuert werden. Bei diesen Verbindungen – das wurde bei weiteren Probefahrten deutlich – fährt fast niemand mit. In den Abendstunden ab 19 Uhr hält vielerorts kein Bus mehr. Von der Gemeindevertretersitzung in Groß Leuthen würde man mit dem Bus nicht mehr zurück nach Pretschen kommen.

Der öffentliche Nahverkehr jenseits von Schienen ist – mit Ausnahme des Schülerverkehrs – eine freiwillige Aufgabe der Landkreise und kreisfreien Städte. Er soll bedarfsgerecht sein und eine Alternative gegenüber dem Privatauto darstellen. So steht es im Brandenburger ÖPNV-Gesetz. Busverbindungen, in denen zu manchen Tageszeiten niemand mitfährt, rechtfertigen schwerlich einen Ausbau des Angebots. Andererseits ist der Nahverkehr insbesondere auf Strecken im ländlichen Raum nicht attraktiver als das Auto. Es erinnert an die Sinnfrage, ob zuerst das Huhn oder das Ei existierte: Fahren besonders zwischen ländlichen Orten nur selten Busse, weil es kaum Fahrgäste gibt? Oder nutzen nur wenige Menschen den Bus, weil er so selten und oft mit großen Umwegen fährt?

Zielführender als die Suche nach der Antwort ist die Frage, welche Lösungsideen es gibt. Im Amt Lieberose haben Engagierte 2009 den Verein Bürgerbus Lieberose/Oberspreewald gegründet, „wegen der problematischen Busverbindung zwischen einigen Orten“, wie der Vereinsvorsitzende Hans-Joachim Liersch sagt. Dienstag, Donnerstag und Freitag fährt ein Kleinbus zweimal am Tag Ortschaften zwischen Zaue, Goyatz und Lieberose an. Die Fahrerinnen und Fahrer sind ehrenamtlich unterwegs. Finanziell unterstützt wird die Linie mit dem Namen „Lieberoser Heidelinie“ vom Landkreis Dahme-Spreewald und der RVS. Im Monat fahren etwa 50 bis 60 Menschen mit der Linie, schätzt Hans-Joachim Liersch. „Das ist zwar nicht viel, aber der Bus ist vor allem für die älteren Menschen wichtig.“ Siegfried Richter, Geschäftsführer der RVS, sieht den Bürgerbus als „wertvolle Ergänzung“, der aber nicht das Angebot der RVS ersetze.

In Zukunft werde es im ländlichen Raum wichtiger, „Beförderungswunschorientiert“ zu fahren, sagt Richter. Gemeint ist, dass Orte, die derzeit beispielsweise zweimal am Tag zu festen Zeiten angefahren werden, dann angesteuert werden, wenn dort tatsächlich jemand ein- oder aussteigen möchte. Damit soll vermieden werden, dass Busse leer durch den Kreis fahren, wie es derzeit durchaus passiert. Die Anmeldung für eine Fahrt könnte über eine App funktionieren. Das Modell erinnert an einen Rufbus, bei dem man sich vorher telefonisch anmeldet. Das bedarfsgerechte Fahren ist für Richter aber noch „Zukunftsmusik“.

Damit der Bus per App angefordert werden kann, müssten die Busse überhaupt erst in der Lage sein, ein solches Signal zu empfangen und zu verarbeiten. Die Computer an Bord der älteren RVS-Busse müssen ausgetauscht werden. Und es gibt ein weiteres Problem auf dem Weg zur Bus-App: Nicht nur würden vor allem ältere Menschen die Handy-Anwendung nicht benutzen. Um per App den Bus zu rufen, braucht es eine Internetverbindung. Und die ist mancherorts noch nicht verlässlich vorhanden.