520 Jahre ist der Turm alt. Das Ereignis wurde schon vor einigen Monaten gefeiert. Vera Städter hatte damals ein attraktives Festprogramm vor allem mit Kindereinrichtungen in der Kreisstadt auf die Beine gestellt. Jetzt nahm Lübbens Türmerin die Haube unter die Lupe. Sie hatte sich Zeitzeugen eingeladen, die vor 26 Jahren dafür gesorgt hatten, dass der Turm an der Kirche nach 43 Jahren wieder eine Haube bekam. Damit war das "vorläufige Ende einer wechselvollen Geschichte" markiert, wie Rolf Friedrich sagt.

Lübbens früherer stellvertretender Bürgermeister hatte den Hut auf für das ehrgeizige Projekt. Ehrgeizig deshalb, weil technisches Bauen gefragt und Material in der DDR Mangelware war. Und weil die beteiligten Firmen niemals zuvor ein solches Projekt gestemmt hatten. "Wir mussten uns erst reindenken in die Turmkonstruktion", sagt der Holzbauspezialist Richard Erben. "Es war aber eine sehr interessante Aufgabe und eine gute Erfahrung für unsere Lehrlinge. Und es war eine Herausforderung, die man kein zweites Mal gestellt bekommt."

Auch Günter Hörning, Holzbauspezialist wie Erben, erinnert sich: "Für unseren Berufszweig war das Projekt eine große Herausforderung. Wir mussten viel improvisieren." Und sich auf andere Spezialisten verlassen. Etwa auf Otto Rasch. Er hatte den Turm damals vermessen. Nach seinen Zahlen wurde die Haube gebaut: "Das war schon spannend zu sehen, ob die Haube nun passt oder nicht."

Horst Karras hat das Projekt technisch begleitet: "Die Arbeiten am Turm waren mein schönstes Erlebnis." Er erinnert sich an die notwendige "Filigranarbeit", an spezielle Dübel und Schrauben, die in der DDR nicht zu bekommen waren und über die Partnerstadt Neunkirchen im Westen besorgt wurden. Und daran, wie die vorgefertigte Haube durch Lübben transportiert wurde. "Das sah aus wie eine Rakete", sagt Horst Karras.

Tausende Bürger hatten das Aufsetzen der 18,5 Tonnen schweren Haube mithilfe eines Spezialkrans damals auf dem Marktplatz verfolgt. Rolf Quasdorf hatte seine Herausforderung da schon gemeistert. Der Tiefbauspezialist musste den Turm mit Stahlbetonringen stabilisieren, bevor die Haube aufgesetzt werden konnte. "Bis in acht Meter Höhe war das kein Problem", erinnert er sich. "Doch wie kommt der Beton in die oberen Bereiche des Turms?" Auch dieses Problem wurde gelöst.

Vera Städter spricht von einer "Meisterleistung", die alle Beteiligten damals abgeliefert haben. Günter Hörning bestätigt sie: "Wir Zimmerleute kommen nicht oft in Verlegenheit, ein solches Bauwerk anzufertigen. Allerdings war das Projekt für uns nicht sehr lukrativ, weil sehr zeitaufwendig. Wir waren aber sehr stolz und begeistert, als die Haube dann auf dem Turm war." Dass die Mangelwirtschaft in der DDR seltsame Allianzen schmiedete, nimmt er heute mit einem Lächeln.

Spreewälder Spargel und Gurken etwa seien schon mal als Motivationshilfe eingesetzt worden. Und auch für die benötigten, aber nicht vorhandenen 60 Festmeter Holz für die Turmhaube fand sich eine Lösung. Die Freiwillige Feuerwehr um Manfred Mooser hatte die Bahntrasse zwischen Schönwalde und Ragow für den Ausbau freigeschlagen. Die Forstwirtschaft honorierte das im Gegenzug mit Holz, wie Rolf Friedrich erzählt. Wetterfahne und Knauf sind ein Geschenk der Partnerstadt Neunkirchen.

Vera Städter ist froh, dass Lübben ein so attraktives Bauwerk wie den Turm an der Paul-Gerhardt-Kirche hat. "Über die Jahrhunderte haben sich viele Menschen für den Erhalt eingesetzt", sagt die Türmerin. "Durch die Haube wurde dem Turm wieder neues Leben eingehaucht. Das imposante Bauwerk ist nicht nur ein Wahrzeichen unserer Stadt, sondern wird auch touristisch genutzt." Sie selbst führt die Gäste auf den Turm.

Termine: Noch bis Oktober immer montags und freitags um 16.30 Uhr und mittwochs um 10.30 Uhr. Individuelle Terminabsprachen sind möglich.