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| 02:42 Uhr

Mit Mappe und Vertrag ins Arbeitsleben

Swantje Rosenbohm von der Bürgerinitiative "Wind" aus Zeuthen stellt Beispiele gelungener Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt vor. Die ehrenamtliche Arbeit hat jetzt mit einer Kooperationsvereinbarung einen festen Rahmen bekommen.
Swantje Rosenbohm von der Bürgerinitiative "Wind" aus Zeuthen stellt Beispiele gelungener Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt vor. Die ehrenamtliche Arbeit hat jetzt mit einer Kooperationsvereinbarung einen festen Rahmen bekommen. FOTO: Ingvil Schirling
Lübben/Luckau. Was haben Ahmad, Mahmood, Alex, Vahid und Yemane gemeinsam? Die fünf Männer sind über ein ehrenamtliches Netzwerk in Dahme-Spreewald zu einem festen Arbeitsplatz gekommen. Dieses Netzwerk stellen Landkreis und drei weitere Partner nun auf sichere Füße. Ingvil Schirling

Am Montag haben Landrat Stephan Loge (SPD), Heinz-Wilhelm Müller (Agentur für Arbeit), Ina Rodenberg (Jobcenter) und Jens Lehmann (AWO) mit ihren Unterschriften die Zusammenarbeit besiegelt. Das neue Patenschaftsprojekt "LDS integriert - in Ausbildung und Arbeit" soll die Begleitung von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt auf feste Beine stellen. Dieser Ansatz hat sich bereits erfolgreich über das Netzwerk der ehrenamtlichen Initiative Wind aus Zeuthen etabliert. Er ist komplex und erfordert Wissen und Erfahrung. Das machte Swantje Rosenbohm an den oben genannten fünf Beispielen deutlich. Doch die Mühe lohnt. Natürlich für die Geflüchteten, die auf diese Weise Arbeit finden. Aber auch für den Landkreis, in dem zur Zeit rund 1500 Stellen offen sind.

Händeringend suchte beispielsweise die Thomas Kunicke GmbH aus Wildau Elektriker, sagte Swantje Rosenbohm. Möglichst sollten es Mitarbeiter sein, die auch bereit sind, Montagearbeiten in ganz Deutschland zu übernehmen. Doch das gestaltete sich schwierig. Dann hörte das Netzwerk Wind aus Zeuthen über Umwege von Ahmad Aljasem aus Syrien. Der 30-Jährige hat Abitur und absolvierte ein Jahr an der Technikerschule, wo er ein weiteres Jahr als Lehrer arbeitete. Insgesamt verfügt er über zehn Jahre Berufserfahrung, kam über die Türkei nach Deutschland, wo er ein Jahr lang auf dem Bau arbeitete. Daher spricht er gut Türkisch, lernt inzwischen auch sehr gut Deutsch. Drei Wochen lang machte er ein Praktikum als Elektriker bei dem Wildauer Unternehmen. Ab Februar wird er dort eine Festanstellung haben.

Swantje Rosenbohm machte in ihrem Vortrag klar, worauf es ankommt: Sehr gute persönliche Kontakte in die Wirtschaft bei den Ehrenamtlichen. Engagement bei den Flüchtlingen. Verständnis und Fachwissen bei den Behörden. Dieses passgenaue Zusammenwirken ist nun Kernstück des Kooperationsvertrags zwischen Landkreis, Jobcenter, Arbeitsagentur und Awo-Regionalverband Brandenburg Süd und damit des Projekts "LDS integriert - in Ausbildung und Arbeit". Nachdem 2015 unter teils hohem Druck die Unterbringung der Geflüchteten im Vordergrund stand, soll damit nun im zweiten, wichtigen Schritt die Integration in Arbeit und Gesellschaft gefördert werden.

Dreh- und Angelpunkt bleibt dabei die Arbeit der Ehrenamtlichen, die als Paten und Patinnen Geflüchtete begleiten. Sie bringen einzelne Personen mit ihren individuellen Fähigkeiten, Kenntnissen, Erfahrungen und, wenn vorhanden, Ausbildungen mit möglichen Arbeitgebern und deren Wünschen und Bedarfen zusammen. Die schon beteiligten Unternehmen werden gepflegt, neue hinzugewonnen. Das erfordert vor allem Wissen darüber, was für Mitarbeiter sie brauchen.

Über den Landkreis soll diese Vernetzung ausgebaut werden mit weiteren Initiativen und Organisationen, beispielsweise der IHK und HWK, Wohlfahrtsverbänden, Städten und Gemeinden oder Hochschulen. All dies hält ein Projektmanager zusammen, der bei der Awo angesiedelt ist, die Projektträger ist.

Die Geflüchteten wiederum lernen viel über die berühmte deutsche Gründlichkeit. Eine dicke Mappe enthält künftig ihre Zeugnisse, Lebenslauf, Fähigkeiten, Praktika, ihren Status im Asylverfahren und vieles mehr. "Sie soll quasi immer am Mann sein", erklärte Antje Pretky als Integrationsmanagerin des Landkreises. Somit erhalten interessierte Unternehmen auf einen Blick Kenntnis über die Person, die sie vielleicht einstellen wollen. Und die jungen Frauen und Männer aus anderen Ländern erfahren, wie wichtig die Belege sind, was eine Steuernummer ist und warum man einen Urlaubsschein ausfüllen muss, wenn man seinen Onkel in Dortmund besucht (und eine SMS an den Firmenchef nicht reicht). Diese und viele weitere lebensnahen Beispiele hatte Swantje Rosenbohm von "Wind" aus Zeuthen parat.

Was informell bereits funktioniert, wie die Beispiele von Ahmad und Mahmood aus Syrien, Yemane und Alex aus Eritrea oder Vahid aus dem Iran zeigen, hat seit Montag einen festen Rahmen. Ehrenamtliche und Geflüchtete können sich mit ihrem Engagement und Interesse damit mehr als bisher auf die Unterstützung von Hauptamtlichen bei Arbeitsagentur, Jobcenter und Landkreis verlassen. Damit sie das schaffen, alle gemeinsam.

Zum Thema:
Zahlen der Arbeitsagentur geben aktuellen Einblick in den gegenwärtigen Stand bei der Integration von geflüchteten Frauen und Männern in den Arbeitsmarkt. Demnach wurden 2016 genau 84 Flüchtlinge in Beschäftigung vermittelt. In Vorbereitung einer beruflichen Eingliederung - entweder über Praktika, Probearbeit, Weiterbildung oder in der Kompetenzfeststellung - waren 218 Menschen aus diesem Kreis. 499 Arbeitgeber hatten Arbeitsagentur und Jobcenter andererseits bereits kontaktiert. Insgesamt haben die beiden Institutionen 788 Geflüchtete in Betreuung. "Sprache und der Einsatz von aufeinander aufbauenden Maßnahmen sind die Schlüssel zur Integration", heißt es in einer Information über die aktuellen Zahlen. Viele Flüchtlinge seien unter 30 Jahre alt und somit "Potenzialträger für Ausbildung." Jobcenter und Arbeitsagentur ziehen die Schlussfolgerung: "Die meisten Menschen, die heute zu uns kommen, sind vielleicht nicht die Fachkräfte von morgen, sicherlich aber von übermorgen."