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Ausstellung
Menschenschicksale im Landratsamt Lübben

Lothar Schulz (r.), jahrzehntelang zuständig für Wiedereinbürgerungen, sorgte im Gespräch mit Sozialdezernent Carsten Saß (2.v.l.) zur Eröffnung der neuen Ausstellung "Menschenschicksale" für spannende Einsichten. Die Ausstellung zeigt, was für Folgen der Entzug der Staatsangehörigkeit im Nationalsozialismus für bekannte und unbekannte Persönlichkeiten hatte.
Lothar Schulz (r.), jahrzehntelang zuständig für Wiedereinbürgerungen, sorgte im Gespräch mit Sozialdezernent Carsten Saß (2.v.l.) zur Eröffnung der neuen Ausstellung "Menschenschicksale" für spannende Einsichten. Die Ausstellung zeigt, was für Folgen der Entzug der Staatsangehörigkeit im Nationalsozialismus für bekannte und unbekannte Persönlichkeiten hatte. FOTO: Ingvil Schirling
Lübben. Am 14. Juli 1933, sechseinhalb Monate nach der so genannten "Machtergreifung" Hitlers, wurde das "Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit" erlassen. Ingvil Schirling

Genau 39 006 Menschen wurden auf dessen Grundlage bis April 1945 ausgebürgert. Ihr Vermögen fiel - soweit nicht aufgrund von Ahnungen oder Warnungen zuvor verkauft - an das nationalsozialistische Regime. Und das ist längst nicht alles: "Darüber hinaus verloren alle über die Reichsgrenze deportierten und geflüchteten Juden ihre deutsche Staatsbürgerschaft", geht aus einer neuen Ausstellung im Lübbener Landratsamt hervor, die kürzlich eröffnet wurde.

Vor knapp 70 Jahren erblickte Lothar Schulz das Licht der Welt. Zwei Jahre später, 1949, konnten die ersten Anträge auf Wiedereinbürgerung gestellt werden. Davon wusste der Junge noch lange nichts. Doch sein Vater kam ins Gefängnis, "als politischer", wie er im Einführungsgespräch zur Ausstellungseröffnung bewegt erzählte, und der zehnjährige Lothar bekam die ganze Ablehnung von Gleichaltrigen in der neuen Gesellschaft zu spüren. "Ich wurde jeden Tag auf dem Weg nach Hause verprügelt. Jeden Tag. Und meine Schwester auch", sagte er. Eines Tages hielt er es nicht mehr aus. In der Bahn blieb er einfach sitzen, stieg erst in der letzten Station aus - in Marienfelde, der damaligen Auffangstation für Flüchtlinge, und meldete sich eigenhändig an. Erst 1960 wurde sein Vater begnadigt. Eine Familienzusammenführung wurde möglich.

Aus dem kleinen Jungen, der von Gleichaltrigen aus dem Land geprügelt worden war, wurde ein Erwachsener, der Anträge auf Wiedereinbürgerung aus der NS-Zeit bearbeitete, ab 1986 eigenverantwortlich. Ein Zufall? Wer weiß. Klar ist: Lothar Schulz ist einer, der nachvollziehen kann, wie man sich fühlt, wenn man aus seinem Land geworfen wird. Er hat die schrecklichen, bewegenden und bekannten Geschichten zusammengetragfen, die auf Basis von Originalakten im Lübbener Landratsamt an der Reutergasse zu sehen sind.

Es ist eine hoch spannende Ausstellung. Die Schicksale bekannter Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Lilian Harvey, Bertold Brecht, Hannah Arendt, Elke Lasker-Schüler oder Willy Brandt sind in Bezug auf ihre Ausbürgerung dargestellt, dazu viele Originaldokumente wie etwa die erste Liste derjenigen, die aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder wegen ihrer anhaltenden Kritik an der Diktatur die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt bekamen. Ein Jurist und ein Journalist führen die Liste an, es folgten über die Jahre die fast 40 000 ausgebürgerten Persönlichkeiten. Bis Ende 1941 verloren weitere 250 000 bis 280 000 geflohene oder deportierte Juden ihre Staatsbürgerschaft.

Nach einem ganzen Arbeitsleben und fast fünf Jahren Rente treibt Lothar Schulz die Perfidität dieses Akts noch immer um. Was er entdeckte, als er die Anträge auf Wiedereinbürgerung prüfte, war in seinem Schrecken teilweise so faszinierend, dass er so manches fotografierte und an den Flurwänden aufhängte. Das wiederum bewegte andere. So wuchs die Ausstellung.

Mit dem Gesetz hatten es die Nazis damals allerdings offenbar nicht nur auf die unliebsamen Personen abgesehen, sondern vor allem auch auf deren Vermögen. "Viele Leute sind davon überzeugt, dass sie einen Teil des Krieges davon bezahlt haben, was sie ihnen auf diese Weise gestohlen haben", sagte er. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von Fürst Radziwill, die ebenfalls Teil der Ausstellung ist.

Ebenso spannend ist der Bezug zur Gegenwart und die Stellung der Staatsbürgerschaft im Vergleich. Heutzutage ist sie in Deutschland "direkt ans Menschsein geknüpft", ordnete Dezernent Carsten Saß (CDU) ein, der die Ausstellung eröffnete und das Gespräch mit Lothar Schulz führte. Der Staat kann nicht darüber entscheiden, nur der Mensch. Er kann seine Staatsbürgerschaft, wenn er beispielsweise einen Brasilianer heiratet, entweder abgeben oder auf Antrag behalten. Botschaften beraten dazu.

Dieser heutige Umgang mit der deutschen Staatsbürgerschaft kann auch anders gesehen werden, verwies Carsten Saß auf das Wahlprogramm der AfD. Sie fordert demnach, dass die Zugehörigkeit zu einer ausländischen Terrororganisation zum Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit führen soll. Das beträfe auch Deutsche, die in Deutschland leben, führte Saß aus, und unterschiede sich damit von der Regelung der DDR, die Ausbürgerung bei "grober Verletzung der Pflichten als Staatsangehöriger" und nur dann zu ermöglichen, wenn der Betroffene außer Landes ist. Zu den bekanntesten zählt Wolf Biermann, bei dessen Konzert in Köln Lothar Schulz zu den Besuchern zählte. "Niemand, der da war, wird das je vergessen", sagte er. "Es war so ungewöhnlich, dass er als Musiker mit dem Verlust der Staatsangehörigkeit Furore machte und weniger mit seiner Musik."

Speziell den Nationalsozialisten war die Ausbürgerung ein "bewusstes Mittel, um sich eines missliebigen Menschen zu entledigen, sich dessen, was er zurückließ, zu bemächtigen", brachte es Carsten Saß auf den Punkt. "Im Prinzip wurde man für vogelfrei erklärt. Man wurde staatenlos und es war auch egal, wie die anderen Staaten damit umgingen, in denen man sich eben grade befand, und ob man auch dort keine Rechte hatte."

Diese Ächtung, die die Künstlerin Karen Ascher während der Eröffnung ansprach, dürfte in vielen Fällen wenigstens eine teilweise Wiedergutmachung erfahren haben. Geschätzte 30 000 Urkunden der Wiedereinbürgerung hat allein Lothar Schulz in seiner Arbeitszeit ausgestellt. 4000 bis 5000 Anträge gehen pro Jahr beim Bundesverwaltungsamt ein, stellen können sie die Nachkommen gleichermaßen. Das wird genutzt: Die Mitarbeiterzahl im Amt ist von rund 400 in den 1970er-Jahren auf zwischenzeitlich 6000 explodiert.

Teilweise wird tage-, sogar wochenlang geprüft, ob die Angaben aus den Anträgen richtig sind. Es ist detektivische Puzzlearbeit, stellte Lothar Schulz heraus.

Am Ende wird - oft in feierlicher, manchmal sehr bewegender Atmosphäre - die neue Urkunde persönlich überreicht, zumindest aber per Einschreiben zugestellt. Ein Moment, in dem vergangenes Unrecht wenigstens teilweise wieder gut gemacht wird, und in dem im besten Fall vielleicht sogar Heilung geschehen kann.

Zum Thema:
Neben furchtbaren und bewegenden erzählt die Ausstellung auch kuriose Geschichten. Der spätere Bundeskanzler Willy Brandt beispielsweise stellte schon früh einen Antrag auf Wiedereinbürgerung. Die Urkunde muss allerdings persönlich zugestellt beziehungsweise übergeben werden, um gültig zu sein. Brandt wollte seine aber nicht, weil - aus Mangel an Papier - ein altes NS-Formular verwendet und das Hakenkreuz mit Tinte einfach übermalt worden war. Letztlich mussten ihm die Beamten bis in den Zug hinterherlaufen, um das Schriftstück zu überreichen. Teil der Ausstellung ist auch das Schicksal eines weiteren SPD-Politikers: Otto Wels. Der Sohn eines Berliner Gastwirts zog 1912 für den Wahlkreis Calau-Luckau in den Reichstag ein und wurde später Parteivorsitzender. Seine klare Absage an den Nationalsozialismus erfolgte 1933 Auge in Auge mit Hitler und der SA. Wels wird bereits in der ersten Liste der Staatsangehörigkeits-Aberkennungen geführt, baute später eine Exilorganisation der SPD auf und starb, 66-jährig, 1939 in Paris.Die Ausstellung ist sehr empfehlenswert für Schulklassen, die sich im Unterricht mit politischer Bildung beschäftigen. Da auf den Tafeln vieles textlich erklärt wird und Original-Akten zu lesen sind, sollte etwas Zeit eingeplant werden. Es gibt Begleitmaterial und eine Online-Dokumentation auf der Seite www.bva.bund.de/Themen/Staatsangeh örigkeit/Ausstellung Menschenschicksale. Die Tafeln sind im LDS-Verwaltungsgebäude an der Reutergasse zu sehen.