| 02:47 Uhr

Massiver Eiswurf an Windrädern

Knapp 20 Zentimeter misst diese dünne Eistafel, die der ehemalige Förster Rainer Neugebauer an der B320 bei Siegadel fand.
Knapp 20 Zentimeter misst diese dünne Eistafel, die der ehemalige Förster Rainer Neugebauer an der B320 bei Siegadel fand. FOTO: Privat
Lübben/Goyatz. Ein kalter Vormittag im Winter. Die Temperaturen klettern aus der eisigen Zone über den Gefrierpunkt. Der Guhlener Rainer Neugebauer ist auf der B210 unterwegs, passiert gerade die Windräder auf der Höhe von Siegadel, als er die seltsame Erscheinung entdeckt. Es ist elf Uhr am Vormittag. Der ehemalige Förster hält an, steigt aus und staunt. Ingvil Schirling

"Es war massiver Eisabwurf an der B320", berichtet er. "Im Straßengraben liegt alles voll, als ob eine Lkw-Ladung ausgekippt worden wäre." Weitere der dünnen, handgroßen Eistafeln finden sich auf dem angrenzenden Feld, ziemlich großräumig verteilt. Rainer Neugebauer sieht auch einen gut gemeinten Hinweis in der Nähe. "Vorsicht Eiswurf" steht auf einem Schild. Doch er fragt sich: "Was soll der Autofahrer denn machen? Umdrehen und einen riesigen Umweg fahren?"

Offenbar ja. "Bei diesen Witterungsbedingungen empfehlen wir, den näheren Umkreis zu meiden", sagt auf RUNDSCHAU-Nachfrage eine Unternehmenssprecherin der UKA-Gruppe (umweltgerechte Kraftanlagen), die die Windräder betreibt. Zuvor forderte sie die Bilder an, mit deren Hilfe Rainer Neugebauer die Situation dokumentiert hatte.

Wann und wo tatsächlich Eiswurf von Windrädern vorkommt, ist nicht leicht vorherzusagen. Ganz grundsätzlich sind offenbar deutschlandweit keine Personenschäden durch Eiswurf an Windrädern bekannt. Auch nicht bei der UKA. "Bisher sind in unserem gesamten Anlagenpark in Deutschland keine Schäden durch Eisabwurf aufgetreten", versichert die Sprecherin. Die Gefahr von herabfallenden Eisstücken oder Schnee bei entsprechender Witterung gehe grundsätzlich von Bäumen (Astbruch, Abwurf von Eisstücken), hohen Gebäuden, Bauwerken und Windenergieanlagen aus, ergänzt sie. "Aus diesem Grund sind Hinweisschilder aufgestellt, um zu einem achtsamen und aufmerksamen Verhalten aufzurufen."

Schäden können aber beispielsweise auch entstehen, wenn ein Autofahrer versucht, einem gerade herabfallenden Eisstück auszuweichen, wenn es zufälligerweise genau auf ihn zufliegt. Auch Fahrzeuge können beschädigt werden. Allerdings sind Fachartikeln zufolge solche Fälle bisher deutschlandweit so gut wie nicht dokumentiert.

Ganz von der Hand zu weisen ist die Gefahr dennoch keineswegs. Im Rahmen der Genehmigungsverfahren müssen Risiken wie der Eisabwurf dokumentiert werden. Für den laufenden Betrieb gibt es zwei Systeme, die Eisabwurf verhindern sollen. Sie messen entweder die Witterung oder die Vereisung an den Rotorblättern und schalten theoretisch im Fall des Falles die Anlage aus.

"In Siegadel/Märkische Heide werden drei Anlagen von unserem Betriebsführer betreut. Diese Anlagen sind mit Schwingungssensoren ausgestattet ("Blade Control"), die im Falle einer beginnenden Vereisung den Betrieb unterbrechen, um zu vermeiden, dass ein Eisabwurf unkontrolliert in der weiteren Umgebung erfolgt", informiert das Unternehmen UKA weiter.

Warum der Eiswurf dennoch nachweislich erfolgte, ist unklar. Fachartikel weisen darauf hin, dass die Gefahr nur bei ganz bestimmten Wetterlagen und nur für kurze Zeit besteht. Rainer Neugebauer schreibt die Eisentwicklung dem eisigen Südwind zu, der blies, als er dort unterwegs war. Nun kommt Kälte in den hiesigen Breitengraden häufiger von Osten als von Süden - ein weiteres Indiz, wie schwer vorhersagbar der Eiswurf ist, auch im Rahmen der Genehmigungsverfahren.

Die Windräder bei Siegadel zu meiden, wenn Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschen, würde allerdings weite Umwege bedeuten. Autofahrer können entweder über Ressen/B87 ausweichen, was für Lkw ungünstig ist, oder über Straupitz/Lübben.

Wie ernst der Eiswurf grundsätzlich aber zu nehmen ist, zeigt das Beispiel der Stadt Pegnitz in Nordbayern. Dort wurden im Winter 2014 die Windräder zeitweise abgeschaltet. Auch dort waren einem Zeitungsbericht zufolge Eisbrocken gefunden worden, obwohl die Anlagen mit entsprechenden Abstellmechanismen ausgestattet waren.