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Man darf Träume haben und sie auch aussprechen

Voller Einsatz: Andreas Köfer als Kameramann für das TV-Drama "Liebe verlernt man nicht" mit Katrin Saß.
Voller Einsatz: Andreas Köfer als Kameramann für das TV-Drama "Liebe verlernt man nicht" mit Katrin Saß. FOTO: Jaqueline Krause-Bourberg
Mit 66 Jahren setzt sich mancher zur Ruhe, andere halten sich an Udo Jürgens, dass das Leben erst anfängt. Bei Andreas Köfer ist es keines von beidem. Er will auf einer anderen Ebene das fortführen, was er in seinem Berufsleben an Wissen und Erfahrung erreicht hat. Er ist gerade dabei, ein neues Projekt mit auf den Weg zu bringen, bei dem er aus seiner rund 40-jährigen Tätigkeit als Kameramann und als Dozent an Filmhochschulen gleichermaßen schöpfen kann. Der Spremberger Verein Lausitziale, Veranstalter des Heimat-Film-Festivals, hat im März als neues Projekt eine Filmschule gestartet. Dort leitet Andreas Köfer Workshops für Amateurfilmer – doch er hat auch den künstlerischen Nachwuchs im Blick.

Herr Köfer, Sie haben in zahlreichen Filmen hinter der Kamera gestanden, waren im Bereich Spielfilm erfolgreich, haben eigene Dokumentarfilme gedreht und an TV-Produktionen mitgewirkt, was interessiert Sie nun an einer Filmschule?
Das Unterrichten ist für mich eine Parallelstrecke. Ich habe bald nach meinem Studium begonnen, neben der Arbeit als Kameramann Gastprofessuren zu übernehmen. Ich war an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin tätig und an der Filmhochschule Babelsberg. Es ist ganz wichtig, dass an Hochschulen und Akademien nicht nur theoretisches Wissen vermittelt wird, sondern dass auch versierte Praktiker ihre Erfahrungen weiter geben. Das habe ich selbst erfahren. Mich prägte in meiner Studentenzeit der Kameramann Günter Ost. Als ich dann später gefragt wurde, ob ich unterrichten wolle, war mir klar, das muss ich machen.

Gibt es da nicht Bedenken, die eigene Konkurrenz heranzuziehen - besonders heute unter marktwirtschaftlichen Bedingungen? Kameraleute sind ja nicht mehr angestellt, wie es früher bei der Defa war.
Das eigene Wissen ist ein Kapital. Das ist wahr. Wer viele Filme macht, hat einen großen Erfahrungsschatz. Andere Kollegen hüten den und wollen ihn nicht weitergeben. Ich hatte nie ein Problem damit. Im Gegenteil. Es macht Freude, mit jungen Leuten zu arbeiten und man bekommt auch viel zurück. Seit Anfang der 90er Jahre habe ich regelmäßig unterrichtet. Das werden wohl jetzt fast 1000 Studenten gewesen sein, die in meinen Seminaren waren.

Sind das ausschließlich angehende Kameraleute gewesen?
An der DFFB sind in den ersten beiden Jahren alle Studenten in den Seminaren: Regisseure, Kameraleute, Produzenten. Erst danach kommt die Spezialisierung. Es geht zunächst um die Grundlagen, die Handhabung der Kamera, die ersten Schritte zur Bildgestaltung, die Lichtgestaltung. Die Lichtgestaltung ist vielleicht das Komplizierteste. All das lernen sie und haben dann die Grundlage, am Ende des ersten Studienjahrs einen ersten kleinen Film zu drehen. Dann geht es schrittweise weiter zum nächstgrößeren Film.

Was hat Sie nun bewogen, selbst über eine Filmschule nachzudenken?
Durch meine Lehrtätigkeit weiß ich, mit welchen Kenntnissen sich junge Leute für das Studium bewerben und wie schwer es ist, an einer der Filmhochschulen angenommen zu werden. Da möchte ich im Vorfeld für bessere Voraussetzungen sorgen. In Berlin-Kreuzberg gibt es zum Beispiel die Filmarche, eine selbst organisierte Filmschule, die für viele eine Vorstufe zu einem Studium ist - so etwas müsste es auch in der Lausitz geben. Es geht darum, den jungen Leuten hier bessere Chancen zu geben. Die Städte in der Lausitz werden immer leerer, weil die nachfolgenden Generationen keine beruflichen Perspektiven sehen. Dagegen kann man vielleicht etwas tun. Es geht um Träume, Wünsche, Perspektiven. Warum sollte es nicht auch aus der Lausitz einen Weg nach Hollywood geben? Ich will zeigen, welche Möglichkeiten es gibt. Man darf Träume haben und man darf darüber sprechen.

Wie ist es nun zur Zusammenarbeit mit dem Verein der Lausitziale in Spremberg gekommen?
Das ist eine interessante Geschichte. Im vergangenen Jahr ist beim Filmfestival in Cottbus in der Retrospektive zum 60. Geburtstag der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg der Dokumentarfilm "Befragung Martha T." gelaufen. Ich war damals der Kameramann und zur Aufführung im Obenkino als Gesprächspartner eingeladen. Anschließend hat mich Holger Fahrland vom Verein Lausitziale angesprochen. Er hatte den Artikel in der Lausitzer Rundschau damals zum letzten Stubbe-Krimi und meiner Kameraarbeit gelesen. Ich hatte erzählt, dass es mein Traum wäre, eine Filmschule zu gründen, in der interessierte Jugendliche praktische Erfahrungen sammeln können, ehe sie sich vielleicht für ein Studium bewerben. Und die Lausitziale - das Filmfestival in Spremberg - plante ein Workshop-Projekt. Holger Fahrland fragte mich, ob ich es unterstützen würde. Nach den ersten Gesprächen im Dezember vergangenen Jahres war der Plan von der Gründung einer kleinen Filmschule schnell geboren.

Dieses Projekt ist nun Ende März gestartet. Wie ist der Start gelungen? Was erwartet die Teilnehmer dort?
Die ersten Unterrichtseinheiten brachten für mich nur positive Überraschungen. Es macht riesigen Spaß mit so interessierten und engagierten "Schülern" zusammenzuarbeiten. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und wir haben einen sehr vollen Lehrplan.

Es sind zehn Unterrichtseinheiten bis Ende September fest verplant. Alle Teilnehmer drehen dann am Ende einen kleinen Film von anderthalb bis zwei Minuten. Es werden die Arbeitsabläufe auf dem Weg dorthin vermittelt vom Drehbuch bis zum fertigen Film. Dazu gehört die Beleuchtung mit den ersten Schritten zur Lichtgestaltung, der Umgang mit den unterschiedlichen Farben des Tageslichtes und des künstlichen Lichts. Auch die Bildkomposition, das Auflösen von Szenen werden besprochen. Es wird notwendig sein, den Spagat zu schaffen zwischen den Bedürfnissen erfahrener Amateurfilmer und junger Menschen, die noch keine eigenen filmischen Erfahrungen haben. Das ist auch für mich Neuland, alle mitzunehmen, die verschiedene Voraussetzungen haben - auch gibt es keine Altersbegrenzung für die Teilnahme.

Welche technischen Voraussetzungen gibt es in Spremberg für die Workshops? Müssen die Teilnehmer ihre Technik mitbringen?
Im Spremberger Mehrgenerationenhaus Bergschlösschen können wir die Räume des Verein Back-Pictures nutzen, der im Medienbereich arbeitet. Dort steht die technische Basis wie Kameras und Schneideplätze zur Verfügung. Fotoapparate können mitgebracht werden. Das Studienprogramm haben wir gemeinsam mit dem Verein Lausitziale diskutiert und abgesprochen.

Können Interessierte auch jetzt noch in den Workshop einsteigen oder ist ein weiterer schon geplant?
Für ganz schnell Entschlossene gibt es noch die Möglichkeit, sich über die Tourist-Information bei Regina Stein, Am Markt 2, in Spremberg für den laufenden Jahrgang anzumelden. Und wenn alles so gut weitergeht, wie es sich jetzt abzeichnet, dann planen wir auch weitere Jahrgänge.

Welche Kosten entstehen für die Teilnehmer?
Es wird eine Schutzgebühr von fünf Euro je Veranstaltung vom Verein Lausitziale erhoben. Also insgesamt 50 Euro, die am Anfang auf das Konto des Vereins zu überweisen sind.

Und Sie sind überzeugt, dass in den Zeiten von Handy-Filmchen, die jedermann jederzeit ins Netz stellen kann, eine Filmschule gebraucht wird?
Das denke ich schon. Vielleicht sogar gerade deshalb. Ich möchte helfen, dass das Handwerk nicht verloren geht, eine Geschichte in Bildern zu erzählen, den Bildern einen Sinn zu geben. Deshalb habe ich den Beruf ergriffen. Es geht darum, die Diskrepanz zwischen den technischen Möglichkeiten und den Fähigkeiten, einen Film zu drehen, zu überwinden. Heute kann jeder mit der verfügbaren Technik einen Kinofilm drehen. Das Handy herauszunehmen und zu filmen, heißt noch nicht, eine Geschichte zu erzählen. Mir geht es immer um Inhalte. Außerdem glaube ich, dass eine so kleine Organisationseinheit wie unsere Filmschule Lausitziale den großen Institutionen gegenüber den Vorteil der besseren Beweglichkeit hat. Sie kann viel schneller reagieren, besser auf die Bedürfnisse eingehen, und sie ist vor Ort.

Was können Sie mit der Filmschule erreichen?
Ich möchte helfen, jungen Menschen Räume zu schaffen, in denen sie sich ausprobieren können, ihren Weg finden können, ihren Blick öffnen, dann stehen ihnen alle Türen offen. Ich habe großes Vertrauen in die nachfolgenden Generationen. Es hat mir immer viel gegeben, mit ihnen an den Filmhochschulen zu arbeiten. Meine Erwartungen sind oft von ihren Persönlichkeiten übertroffen worden. Besonders auch die Begegnungen mit vielen ausländischen Studenten, mit beeindruckenden, unterschiedlichen Temperamenten und künstlerischen Sichten. Das hat mir viel gegeben.

Mit Andreas Köfer

sprach Ingrid Hoberg

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Die Lausitziale ist ein Verein, der im September 2015 zum dritten Mal in Spremberg das Heimat-Film-Festival veranstaltet. Wer sich für die Filmschule interessiert, kann sich an die Tourist-Information in 03130 Spremberg, Am Markt 2, (Tel. 03563 4530) wenden. Es finden weitere Workshops in Spremberg statt.

Zum Thema:
Andreas Köfer wurde 1949 in Berlin geboren. Sein Kamerastudium absolvierte er an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg.Von 1979 bis 1990 war er Kameramann im Defa-Studio für Spielfilme, seit 1991 ist er freier Kameramann und arbeitet auch fürs Fernsehen (beispielsweise "Stubbe"). Er war Gastprofessor an der HFF Babelsberg und Gastdozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.Die Liste der Filme, in denen Andreas Köfer für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnete, ist lang - darunter: sechs Folgen für den TV-Krimi Stubbe "Von Fall zu Fall" (2009, 2011 bis 2014), "Die Architekten" (1990: Regie Peter Kahane), "Heute sterben immer nur die Anderen" (1990/91: Regie Siegfried Kühn), "Ete und Ali" (1984/85: Peter Kahane) und "Rabenvater" (1985/86: Regie Karl-Heinz Heymann - der einzige Film, in dem sein Vater Herbert Köfer vor seiner Kamera stand).Mit "Nach uns die Sintflut" (1993) und "Die Meerestiefe mit dem Finger messen" (1993/94) realisierte Andreas Köfer eigene Dokumentarfilmprojekte. Seit 1995 lebt Andreas Köfer mit seiner Frau in der Calauer Schweiz (OSL).

Im Spremberger Bergschlösschen finden die Seminare der Lausitziale-Filmschule statt. Kameramann Andreas Köfer (Mitte) im Gespräch mit Joern Hirsch von Back-Pictures, dem multimedialen Jugendprojekt, das die Räume und die Technik zur Verfügung stellt, und dem Vorsitzenden des Vereins Lausitziale Holger Fahrland (r.).
Im Spremberger Bergschlösschen finden die Seminare der Lausitziale-Filmschule statt. Kameramann Andreas Köfer (Mitte) im Gespräch mit Joern Hirsch von Back-Pictures, dem multimedialen Jugendprojekt, das die Räume und die Technik zur Verfügung stellt, und dem Vorsitzenden des Vereins Lausitziale Holger Fahrland (r.). FOTO: Martina Arlt
Andreas Köfer arbeitet gern mit Studenten. Er gibt seinen Erfahrungsschatz an junge Filmemacher weiter und begleitet sie auf ihrem Weg in einen kreativen Beruf. Nicht nur Kameraleute, auch angehende Regisseure und Produzenten hat er über die Jahrzehnte an Filmhochschulen ausgebildet.
Andreas Köfer arbeitet gern mit Studenten. Er gibt seinen Erfahrungsschatz an junge Filmemacher weiter und begleitet sie auf ihrem Weg in einen kreativen Beruf. Nicht nur Kameraleute, auch angehende Regisseure und Produzenten hat er über die Jahrzehnte an Filmhochschulen ausgebildet. FOTO: Katja Fedula