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| 16:51 Uhr

Serie: Lübben zwischen Migration, Integration und Emotion
„Es gibt immer mehr, die zweifeln“

Auch Lars Kolan (l.) und Ines Mularczyk schauten am vergangenen Freitag als Vertreter der Stadt beim Lübbener Integrations-Picknick vorbei.
Auch Lars Kolan (l.) und Ines Mularczyk schauten am vergangenen Freitag als Vertreter der Stadt beim Lübbener Integrations-Picknick vorbei. FOTO: LR / Steven Wiesner
Teil 1 des RUNDSCHAU-Interviews: Lars Kolan, Lübbens Bürgermeister, und Ines Mularczyk, stellvertretende Fachbereichsleiterin Kultur, sprechen über Chemnitz, „Zukunft Heimat“ und die Offenherzigkeit der Region.

Herr Kolan, wie froh sind Sie, gerade Bürgermeister in Lübben zu sein – und nicht in Chemnitz oder Köthen, wo es zuletzt Vorfälle mit Migranten gab, die eine rechtsradikale Protestwelle zur Folge hatten?

Kolan Sehr froh. Mit dieser Thematik überregional Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, das will kein Bürgermeister, kein Stadtverordneter und kein Bürger. Das tut mir auch vor allem für die Bürger dieser Städte leid, die sich ständig im Bekannten-, Freundes- oder Arbeitskreis verantworten müssen. Das haben sie nicht verdient. Ich denke, der Sachse ist nicht grundsätzlich so. Und wenn man es auf unsere Region runterbricht und an den Verein „Zukunft Heimat“ denkt: Ich glaube, so ist auch der Zützener nicht.

Haben Sie Angst, dass sowas auch in Ihrer Stadt passieren könnte?

Kolan Das wünscht man keiner Stadt. Wir hatten ja kürzlich den Vorfall, als zwei Asylbewerber an der Spreelagune drei Frauen belästigt haben. Empörung darüber gab es glücklicherweise kaum. Mir wurde danach unterstellt, ich hätte den Fall runtergespielt, weil ich von einem Einzelfall für Lübben gesprochen habe. Manche wollten mir danach in den Mund legen, ich hätte es als Einzelfall für Deutschland deklariert. Manche Leute wollen Aussagen aus dem demokratischen politischen Raum auch einfach falsch verstehen. Es ist insgesamt schwieriger geworden mit Einordnungen und Differenzierungen. Aber trotzdem muss man es versuchen.

Sie kommen aus der Region, waren sieben Jahre Bürgermeister in Golßen und sind es nun seit 2015 in Lübben. Als wie offenherzig empfinden Sie den Menschen aus Lübben, Golßen und Dahme-Spreewald?

Kolan Ich denke, er ist wie jeder Brandenburger. Er guckt erstmal, findet aber schnell Kontakt. Ich würde ihn nicht als schwierig oder einigelnd bezeichnen. Der Lübbener ist schon speziell, ich glaube, das kann man sagen. Der passt schon auf sich auf und überlegt dreimal, mit wem er den Kontakt schließt. Aber wenn er erstmal beschlossen hat, dass der andere gut für einen ist, dann gehört der dazu.

Wie schätzen Sie den Lübbener ein, Frau Mularczyk?

Mularzcyk Ich sehe das ähnlich, auch wenn es verbale Attacken gegenüber Flüchtlingen auch in unserer Stadt gibt. Ich möchte niemanden in Schutz nehmen, aber für private oder berufliche Probleme wird oft der Nächstbeste als Schuldiger genommen. Und das trifft oft die Flüchtlinge. Genauso gibt es aber auch Probleme, wenn Flüchtlinge untereinander mit ihren verschiedenen Religionen aufeinander losgehen. Das wird oft deutlich. Wir müssen diese Mentalitäten in den Griff bekommen. Das braucht Zeit, und die müssen wir uns geben.

Als wie gelungen schätzen Sie die Integrationsarbeit seit 2015 ein?

Mularczyk Wir konnten das Netzwerk „Miteinander für Lübben“ aufbauen, das eigentlich den Großteil der Arbeit auffängt und sich super bewährt hat. Institutionen wie die Diakonie oder die Kirchengemeinde spielen dabei eine ganz große Rolle und fangen die Leute auf.

Kolan Das Problem ist, dass man oft gar nicht verfolgen kann, was mit den Menschen passiert und wie sie hier durchs Leben kommen. Manche bleiben im Asylbewerberheim, andere sind irgendwann wieder weg. Es gibt Beispiele, wo man die Integration sieht und spürt. Das sind aber zu wenige Geschichten, um ein Bild zu bekommen, mit dem man verlässlich urteilen kann: Das ist gelungen oder nicht. Es gibt aber leider immer mehr, die die Integration arg bezweifeln und sich fragen, ob das alles noch so gesund ist, wie es läuft.

Solange es beim gesunden Zweifeln bleibt, ist es ja auch angebracht.

Kolan Richtig. Nur weil es Leute bezweifeln, heißt es nicht, dass sie mit Ausländern nichts zu tun haben wollen. Aber dieses Zweifeln und Infragestellen dürfen müssen wir Demokraten bedienen, und das tun die großen Parteien nicht.

Sicher auch ein Grund, warum Vereine wie „Zukunft Heimat“ in Golßen entstehen konnten.

Kolan Es ist auch nicht alles richtig gelaufen, gerade durch den Druck, den man 2015 hatte, all die Leute unterzubringen. Manche Orte wurden, mit dem Blick von heute, überfrachtet. In Neuendorf sollte ein komplettes Flüchtlingsdorf mit 400 Plätzen gebaut werden. Gegenüber hätte man aber ein Dorf mit nur 100 Einwohnern gehabt. Da weiß ich, dass da Frust produziert worden wäre. Ich bin froh, dass wir das verhindern konnten. Auch in Zützen entstand Protest, als klar wurde, dass 200 Flüchtlinge kommen sollen. Vielleicht hätte man sagen sollen: Ok, wir verstehen eure Sorgen und gehen auf 100 runter. Dann hätte man zumindest das Signal gesendet: Wir haben verstanden und nehmen euch ernst. Dann schätze ich den Zützener so ein, dass er sogar Patenschaften für Familien übernommen hätte. Aber was Verwaltung manchmal produziert, wirkt hin und wieder arrogant auf den Bürger. Dann entsteht Frust, und den benutzen manche für Dinge wie „Zukunft Heimat“. Dieser Verein wird aber nicht von den 450 Bewohnern in Zützen abgebildet, sondern von wenigen.

Mit Lars Kolan und Ines Mularczyk sprach Steven Wiesner

MORGEN Der Abschluss der Serie mit dem zweiten Teil des RUNDSCHAU-Interviews mit Lars Kolan und Ines Mularczyk.