ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:29 Uhr

Lübben
Mit purer Armkraft und viel Adrenalin

Der Lübbener René Parnack hat nach einem schweren Motorradunfall seine Leidenschaft fürs Liegerad entdeckt und ist wieder sportlich unterwegs.
Der Lübbener René Parnack hat nach einem schweren Motorradunfall seine Leidenschaft fürs Liegerad entdeckt und ist wieder sportlich unterwegs. FOTO: LR / René Parnack
Lübben. René Parnack aus Steinkirchen findet nach seinem Motorradunfall eine neue Leidenschaft: das Handbikefahren. Er trainiert in Cottbus im Bundesstützpunkt Paracycling. Auf den Straßen wünscht er sich mehr Rücksicht. Von Ingvil Schirling

Gelbe und orangefarbene Wimpel, dazu ein niedriges Gefährt und ein athletischer Mann, der mit purer Armkraft sein Liegerad (neudeutsch: Handbike) antreibt: So ist René Parnack aus Steinkirchen auf den Straßen durch den Spreewald unterwegs. Meist um die 30 km/h, manchmal mehr erreicht er, und das Ziel ist hoch gesteckt. René Parnack schaut auf die olympischen Spiele.

Genauer gesagt: die paralympischen Spiele. Am 3. September 2004 veränderte sich das Leben des damals 21-jährigen René Parnack dramatisch. Ein unverschuldeter Motorradunfall kostete ihn zwei Brustwirbel. Seit fast 14 Jahren sitzt er im Rollstuhl. Sein Lebensmut aber ist heil geblieben, seine humorvolle und doch tiefschürfende Art beeindruckend.

 „Sport war schon immer ein großer Teil meines Lebens“, sagt René Parnack. Was ein ordentlicher Adrenalin-Kick ist, hat er seit seiner Zeit als Motorradfahrer nicht vergessen. Und so kam – nach den Operationen, der Heilung, dem Umbau in Haus, der wiedergefundenen Kontrolle über Arme und Oberkörper – ein Liegerad in sein Leben. Über Umwege, und gebraucht war es auch. Doch der junge Steinkirchner merkte schnell: „Das macht ganz viel Spaß.“

 Die Athletik kam zurück, auch der Spaß am Fahren. Der liegt vielleicht im Blut: Vater Klaus Parnack, 62 Jahre alt, war zu DDR-Zeiten Bezirksmeister. Heute begleitet er seinen Sohn oft auf dem Rad, wenn dieser zum Training seine Touren fährt. Doch dazu später.

Ziemlich bald wurde der frisch gebackene Liegeradfahrer angesprochen, ob er sich nicht mal beim BPRSV melden wolle, dem Brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein mit Sitz in Cottbus, am Olympiastützpunkt. Gesagt, getan, und das Fahren mit dem Liegerad bekam eine neue Dimension. Leistungsdiagnostik im Haus der Athleten, monatliche Treffen einer Vierergruppe aus Chemnitz, dem Vogtland und anderen Orten, besser werden, Trainingsfahrten nach Lanzarote. 14 Tage lang ging es im Februar bergauf, bergab. „Fahren, fahren, fahren“, stand auf dem Trainingsplan, „Kilometer machen auf Zeit, Touren bis zu sieben Stunden“, fasst René Parnack zusammen.

 Und dann kommen die Rennen. „Wenn 40 Mann mit den Liegerädern lospreschen, dann gib ihm“, sagt er. Adrenalin pur, der Puls rast, die „Bedenken, nochmals zu fliegen, gehen über Bord“, sagt er. „Männlich, Motorradfahrer, Haudrauf“, skizziert er die lustvolle Kampfstimmung, da kenne man keine Verwandtschaft. Manche Starts würden fast schon einer Materialschlacht gleichen. Das Kräftemessen in der ganzen Atmosphäre „macht sehr viel Spaß, aber das Beste ist, eine Steigerung der eigenen Leistung zu sehen.“

 Deshalb stehen Zuhause Trainingsrunden an, und da kommt Vater Klaus Parnack wieder ins Spiel. Wenn möglich, begleitet er seinen Sohn – aus gutem Grund: Obwohl dieser mit einem weithin sichtbaren gelben und orangefarbenen Wimpel fährt, leuchtfarbene Kleidung trägt und bei allem Trainingsfleiß vorsichtig unterwegs ist, kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen. Auch Beleidigungen sind nicht selten. Eindeutige Handbewegungen „sollen wohl klar machen, dass ich nicht ganz dicht wäre“, sagt der Steinkirchner kopfschüttelnd. Im Straßenverkehr wünscht er sich mehr Rücksicht, auch anderen Radfahrern und Verkehrsteilnehmern gegenüber. Knappe Überholmanöver, Autos, die unerwartet aus Lücken schießen: „Die Angst fährt immer ein bisschen mit“, sagt René Parnack. „Aber wenn ich mir darüber die ganze Zeit Gedanken machen würde, könnte ich nicht fahren.“

Und das will er. Trainer René Schmidt, der ihn seit der aktiven, jetzt dreijährigen Zeit kennt, bescheinigt dem Lübbener eine deutliche Entwicklung – vor dem Hintergrund, dass dieser Quereinsteiger ist. „Durch den Motorradunfall war er in einer Situation, in der er sich selber neue Herausforderungen gesucht hat“, sagt René Schmidt. Inzwischen sei klar, dass Leistungssport mit dem Liegerad einen hohen Zeit- und Trainingsaufwand erfordert. In der Entwicklung stehe René Parnack zwar vergleichsweise am Anfang, „aber die guten, die sehr guten Fahrer sind über 50 Jahre alt“, schätzt er ein und verweist auf Zukunftspotenzial. Dass er auf die Paralympics schaut, findet er grundsätzlich sehr gut.

Dieser sieht sich selbst momentan im Mittelfeld. Bei der deutschen Meisterschaft wurde er vierter von acht Startern, beim Berlinmarathon 39. von 180 fast ausschließlich Liegeradfahrern. „Es hat geregnet, war kalt, ich hatte eine dicke Erkältung und startete aus der letzten Reihe. Dafür lief es ganz gut“, sagt er.

René Parnack ist glücklich mit seiner Entscheidung, in den Leistungssport einzusteigen. Er wirbt dafür, dass Menschen mit Behinderungen Sport machen. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sport einen so fesseln kann.“

Beim Rennen in Lanzarote packt die Fahrer der volle Ehrgeiz.
Beim Rennen in Lanzarote packt die Fahrer der volle Ehrgeiz. FOTO: René Parnack