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| 18:51 Uhr

Reallabor Lausitz
Lübbener Busse bald klimaneutral

 So soll das Lübbener Projekt des Reallabors Lausitz funktionieren: Mit dem von Windrädern erzeugten Strom wird Wasserstoff hergestellt und für Lagerung und Transport an eine Flüssigkeit gebunden. Busse mit Brennstoffzellenantrieb nutzen den Wasserstoff als Brennstoff und bringen die Menschen durch die Stadt, ohne dass zusätzlich Kohlendioxid entsteht.
So soll das Lübbener Projekt des Reallabors Lausitz funktionieren: Mit dem von Windrädern erzeugten Strom wird Wasserstoff hergestellt und für Lagerung und Transport an eine Flüssigkeit gebunden. Busse mit Brennstoffzellenantrieb nutzen den Wasserstoff als Brennstoff und bringen die Menschen durch die Stadt, ohne dass zusätzlich Kohlendioxid entsteht. FOTO: Reallabor SÜW
Lübben. Lübben ist Teil des Reallabors Lausitz. Busse der Stadtlinien sollen mit Brennstoffzellen ausgestattet werden. Der SÜW-Geschäftsführer erklärt, warum das ökologisch richtig ist. Von Katrin Kunipatz

Busse mit Dieselmotoren, die Kinder zur Schule oder Menschen vom Dorf in die Stadt bringen, gehören in Lübben zum Alltag. Aber schon in zehn Jahren soll dies anders sein. Ein Ziel im Klimaschutzkonzept der Stadt Lübben ist der kohlendioxidneutrale öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV). Dafür sind Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor und die entsprechende Infrastruktur nötig.

Die Chancen, dass dieses ambitionierte Vorhaben umgesetzt wird, stehen seit einigen Wochen recht gut. Denn mit den Stadt- und Überlandwerken (SÜW) ist Lübben Teil des Reallabors Lausitz. „Wir wollen zeigen, dass grüner ÖPNV möglich ist“, sagt SÜW-Geschäftsführer Maik Mattheis. Gegenüber der RUNDSCHAU erläutert er die Strategie: In Zukunft haben die beiden Busse, die als Stadtlinien durch Lübben rollen, einen Brennstoffzellenantrieb. Sie fahren also mit Wasserstoff, der in der Brennstoffzelle mit Sauerstoff reagiert und Energie freisetzt, die den Bus antreibt.

Strom soll aus Windrädern erzeugt werden

 Maik Mattheis ist Geschäftsführer der Stadt- und Überlandwerke GmbH Lübben.
Maik Mattheis ist Geschäftsführer der Stadt- und Überlandwerke GmbH Lübben. FOTO: SÜW Stadt- und Überlandwerke Gmb

Der Wasserstoff wird per Elektrolyse aus destilliertem Wasser gewonnen. Den dafür nötigen elektrischen Strom will Maik Mattheis mit Windrädern erzeugen. Idealerweise steht die Apparatur zur Erzeugung des Wasserstoffs direkt neben dem Windrad. Aber Wasserstoff ist ein hochreaktives Gas, das üblicherweise in Gasflaschen gelagert wird. Um den Transport und die Lagerung des Wasserstoffes unkomplizierter zu machen, will Mattheis ein an der Universität Erlangen-Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem Frauenhofer-Institut entwickeltes Verfahren mit dem Namen Liquid Organic Hydrogen Carrier (dt.: flüssiger organischer Wasserstoffträger) in der Lausitz etablieren. Dabei wird der Wasserstoff in einer ungiftigen, schwer entflammbaren Flüssigkeit gebunden. Diese Flüssigkeit steht nicht unter Druck und kann mit Tankfahrzeugen vom Windrad zur Wasserstofftankstelle transportiert werden. Dort wird der Wasserstoff wieder extrahiert und der Brennstoffzellenbus damit betankt. „Im Idealfall sollen die ersten Busse 2022, spätestens 2023 in Lübben fahren“, nennt der SÜW-Geschäftsführer das Ziel.

Reallabor Lausitz

Bis es so weit ist, gilt es verschiedene Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Mattheis hat im Reallabor, dessen Leitung in den Händen der Stadt Cottbus liegt, viele Partner. Einer davon ist die Brandenburgisch-Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU). Mit dem Thema grüne Mobilität beschäftigen sich neben dem Lübbener noch drei der insgesamt 13 Teilprojekte, die zum Reallabor Lausitz gehören. Auch mit der Stadt Lübben und der Regionalen Verkehrsgesellschaft Dahme-Spreewald (RVS) muss die SÜW ins Gespräch kommen und die nötige Infrastruktur für die Wasserstoffbusse aufbauen.

Das Reallabor steht noch ganz am Anfang. Im Moment geht es darum, die konkreten Projektanträge zu schreiben, so Mattheis, um einen Teil der vom Bundeswirtschaftsministerium bereitgestellten Fördermittel zu erhalten. Insgesamt 300 Millionen Euro stehen in den nächsten fünf Jahren für alle 20 Reallabore der Energiewende zur Verfügung – drei Millionen pro Jahr für jedes Reallabor.

Wasserstoff-Infrastruktur ist kostenintensiv

Was viel klingt, ist es letztlich nicht. Ein Brennstoffzellenbus koste im Moment 670 000 Euro und mehr, rechnet Mattheis vor. Das sind rund 400 000 Euro mehr als ein Bus mit Dieselmotor. Hinzu kommen die Kosten für die Anlage zur Wasserstofferzeugung und von Wasserstofftankstellen. Mit insgesamt rund 7,5 Millionen Investitionskosten rechnet Mattheis. Geplant ist weiterhin, den Wasserstoff, der nicht für den Betrieb der Busse benötigt wird, ins Gasnetz der SÜW einzuspeisen. Maik Mattheis schätzt, dass es nicht mehr als zwei Prozent sein werden. „Für unsere Gaskunden wird es nicht zu merken sein“, sagt er.

Der Geschäftsführer denkt jedoch schon jetzt über den begrenzten Rahmen des Reallabors hinaus. Der grüne ÖPNV in Lübben sei nur ein erster Schritt auf dem Weg zum kohlendioxidfreien ÖPNV, so Mattheis. Gelingt es, mit dem Strom der Windräder im Umkreis von 20 Kilometern Wasserstoff herzustellen und in dem flüssigen Transportmedium zu binden, könnten alle 120 Busse des RVS mit Wasserstoff fahren. Damit dies wirtschaftlich erfolgreich passiert, müsse der Anschaffungspreis eines Busses niedriger werden, so Mattheis. Ein weiteres Problem seien die durch Ökostromumlage und Netzentgelte hohen Stromkosten bei der Wasserstoffgewinnung. Auch darum wolle sich Mattheis im Rahmen des Reallabors kümmern. Denn wenn sich die im Reallabor gefundenen Lösungen wirtschaftlich tragen sollen, müsse der ohne fossile Energieträger erzeugte Strom für Verbraucher, die diese Energie für kohlendioxidneutrale Anwendungen nutzen wollen, günstiger werden. Dafür sind politische Lösungen nötig, bei denen Mattheis auch andere Reallabore in Schleswig-Hol­stein an seiner Seite weiß.