"Ihr seid die Zukunft dieser Region" ruft "Brainless Wankers"-Sänger Oliver Reinert ins teenagerdominierte Publikum. Für den Nachsatz, sie sollen sich die Zukunft nicht von irgendwelchen Nazis kaputtmachen lassen, erntet er reichlich Jubel. Zuvor betätigten sich "And the winner is" und "Down shifter" als erfolgreiche Anheizer.
Reinert und seine Berliner Kollegen setzen die Masse vor der Bühne völlig unter Strom. Die Fans widmen sich ausgiebig dem Pogo-Tanz, schütteln die lange Haarpracht und springen vom Bühnenrand in die Menge. Mit bläserunterstütztem, melodischem Punkrock und Parolen gegen den so genannten Neoliberalismus hatten die sieben Musiker schon beim "Berli nova-Spektakel" in Luckau für Furore gesorgt.
So macht Protest gegen rechts Spaß. Das denkt auch Reiner Wichterei. "Mir gefällt das gitarrenlastige Musikangebot, ich sehe die Veranstaltung nicht nur unter dem politischen Aspekt", erklärt der 47-Jährige. Dennoch stünde er voll hinter dem Motto dieses Open-Airs. "Gegen rechte Tendenzen in dieser Region müssen wir Position beziehen."
Mit deftigen Klängen und klaren Worten setzen die als "Teil der Familie" angekündigten Männer von "Kiloherz" das Programm fort. Die nach Leipzig ausgewanderten Cottbuser beschallten schon im vergangenen Jahr die Anti-Rassismus-Party. Es dauert nicht lange, bis die Anhänger mitsingen und zu den tonnenschweren Gitarrenriffs tanzen, die von dem besonders heftigen Schlagzeugspiel nach vorne gepeitscht werden. "Ich will, dass du das hörst, ich will, dass du das weißt, du sollst verstehen, dass wir dich nicht verstehen": Diesen Zeilen markieren den Siedepunkt der "Kiloherz"-Show.
"Mariannenplatz" setzen musikalisch einen gemächlichen, aber wirkungsvollen Schlusspunkt. Mit ihrem britpoplastigen Deutschrock erzeugen sie eine sanfte Melancholie, die über der immer kleiner werdenden Meute der Tanzfreudigen liegt, der sich nun auch einige Zeitgenossen jenseits der 30 zugesellen. Bei "Nicht wichtig" geht vor den Boxen noch einmal richtig die Post ab, während den Umstehenden langsam die Kälte in die Knochen fährt.
"Mir gefällt dieses Festival, schade, dass nicht mehr Leute gekommen sind", bemerkt Helen Rau (21). Sie bedauert, dass keine Campingmöglichkeiten zur Verfügung stünden. Der Spreewald benötige dieses öffentlichkeitswirksame Zeichen gegen rechtsradikale Einflüsse, die vor allem an den Schulen immer stärker würden. "Es ist wichtig, auch nach dieser Veranstaltung den Rechten die Stirn zu bieten, und sei es nur ein entsprechender Aufnäher am Rucksack", fordert die 21-Jährige. An diesem Samstagabend gehe es ihr aber auch um ihr Vergnügen, dass sie vor allem mit den „Brainless Wankers“ gehabt habe. Sie sei froh, dass die Veranstaltung im großen und ganzen friedlich ablaufe.
"Von rechten Störaktionen ist uns nichts bekannt", sagt Grenzenlos-Sprecherin Paula Stuckatz auf RUNDSCHAU-Anfrage. "Das Sicherheitskonzept, das wir mit Polizei und Stadtverwaltung erarbeitet hatten, ist aufgegangen." Dies bestand vor allem in der Allgegenwart von Sicherheitskräften auf dem Festivalgelände an der Berliner Chaussee und einem Großaufgebot von Polizeibeamten im gesamten Stadtgebiet.
Aus der Polizeiwache heißt es, dass drei Jugendliche mit verbotenen Thor-Steinar-Symbolen auf dem Sportplatz aufgegriffen worden seien. In der nahe gelegenen Spielbergstraße und in der Berliner Chaussee ist es nach Angaben der Polizei am Wochenende zu zwei Fällen von Körperverletzung gekommen. Einen politischen Hintergrund schließen die Beamten aber aus. "Grenzenlos"-Besucher hatten zuvor von einem gewalttätigen Übergriff Rechtsgesinnter auf Festivalgäste gesprochen, die weder Veranstalter noch Polizei bestätigen.