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| 16:54 Uhr

„Deponie Langer Rücken“
Die Mumie in der Badewanne

 Die Idylle trügt: Die Bäume und Blumen wurzeln auf einer Müllschicht, die zu Grundwasserbelastungen geführt hat. Für die Sanierung der „Deponie Langer Rücken“ muss der kleine Wald gerodet werden.
Die Idylle trügt: Die Bäume und Blumen wurzeln auf einer Müllschicht, die zu Grundwasserbelastungen geführt hat. Für die Sanierung der „Deponie Langer Rücken“ muss der kleine Wald gerodet werden. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Lübben. Nachdem die Lübbener „Deponie Langer Rücken“ zu einer Belastung des Grundwassers geführt hat, wurde 2016 die Sanierung der Anlage beschlossen. Nach ersten, vorbereitenden Maßnahmen sollen nun die Baumaßnahmen beginnen.

Hunderte violett blühende Taubnesseln bedecken den Boden in einem kleinen Wäldchen in der Nähe des Lübbener Ortsausganges in Richtung Neuendorf. Doch der Eindruck einer Waldidylle täuscht. Die Bäume, Sträucher und Blumen wurzeln nicht auf Waldboden, sondern auf einer gewaltigen Müllschicht. Die Abfälle lagern auf der „Deponie Langer Rücken“, einer Altlastenablage, die seit einiger Zeit Probleme bereitet.

Bereits 2016 hatte die untere Abfallwirtschaft- und Bodenschutzbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald die Lübbener Stadtverordnetenversammlung über eine Grundwasserbelastung durch die ehemalige Deponie informiert. Die Stadtverordneten entschlossen sich daraufhin zur Sanierung der Anlage. Auf dem Erdhügel, der bei der Sanierung entsteht, soll eine Solaranlage installiert werden, im nördlichen Teil der Altablagerung soll eine Blühwiese entstehen.

Der Wald muss weg

Seit 2018 werden bauvorbereitende Maßnahmen durchgeführt: Zuerst wurden die auf dem Gelände heimischen Zauneidechsen, eine streng geschützte Art,  umgesiedelt. „62 Weibchen und ein  Männchen wurden 2018 eingefangen und umgesiedelt. Die Männchen befanden sich damals bereits im Winterquartier, deshalb erfolgt jetzt eine weitere Sammlung“, sagt Thomas Röver, Sachgebietsleiter der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald am Rande einer Begehung, die kürzlich auf der ehemaligen Deponie stattfand. Bei dem Rundgang über die Altlastenablage informierte sich der Landtagsabgeordnete Benjamin Raschke (Bündnis 90/Die Grünen) bei Mitarbeitern der beiden Behörden über den Stand der Sanierung. „Mehr geht natürlich immer. Die Zuständigen für die Sanierung wirken aber sehr gut organisiert und abgestimmt. Das hat mich beeindruckt“, lautet sein Fazit.

 So sieht es unter dem Blumenteppich aus: Müll der ehemaligen Hausmülldeponie gelangt durch umstürzende Bäume an die Oberfläche.
So sieht es unter dem Blumenteppich aus: Müll der ehemaligen Hausmülldeponie gelangt durch umstürzende Bäume an die Oberfläche. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Im Zuge der bauvorbereitenden Maßnahmen wurde ein Großteil des Waldes auf der Deponie im Februar dieses Jahres gerodet, im nördlichen Teil der Altlablage muss dies noch erfolgen. Der Müll verbleibt auf der Anlage, lediglich Materialien, von denen ein hohes Gefährdungspotenzial ausgeht, etwa Asbestrohre, die auch auf der Deponie lagern, werden entfernt. Das bedeutet in den Worten des zuständigen Sachbearbeiters der unteren Abfallwirtschafts- und unteren Bodenschutzbehörde, Toralf Stück: „Der Altlastenkörper liegt auch in 100 Jahren noch hier.“ Die Errichtung des Erdhügels will die Stadt Lübben bis Mitte 2022 abschließen, gab Klimaschutzmanager Matthias Städter an.

Grundwasserbelastung durch die „Deponie Langer Rücken“

Als die Deponie 1978 schloss, wurde der Müll nur lose zusammengeschoben und mit einer einen halben Meter dünnen Lehmschicht bedeckt. Mittlerweile ist von dieser Schicht nicht mehr viel übrig, die Wurzeln der Bäume haben sich in den Müll gegraben. Dort finden sie kaum Halt, weshalb immer wieder Bäume umstürzen. Im Wurzelwerk der umgestürzten Bäume findet sich wieder, was auf der Mülldeponie einst abgeladen wurde: Plastiktüten, Plastikspielzeug, Asche, Textilien, Konservendosen.

Mensch und Tier können sich an dem aufgedeckten Müll verletzen, gefährliche Stoffe können in die Luft gelangen. Denn auf der ehemaligen Deponie lagern auch asbesthaltige Materialien. Da keine funktionierende Abdeckschicht mehr vorhanden ist, dringt zudem Wasser in den Müllkörper ein. Dies führte zu den nachgewiesenen Grundwasserbelastungen. Für die anliegenden Grundstück sei dies jedoch ungefährlich, Gemüse aus dem eigenen Garten könne problemlos gegessen werden, sagte Toralf Stück.

Das Ziel der Sanierung ist deshalb die Trockenlegung des Müllkörpers. Derzeit, erklärt Toralf Stück, sickere, wenn es regnet, Wasser in die Müllschicht. Durch die Feuchtigkeit kommt es im Müllkörper zu biologischen Prozessen, Gase werden gebildet, Schadstoffe werden frei, die mit dem Wasser wiederum ausgespült werden. „Man kann sich die Altablagerung zurzeit wie eine überlaufende Badewanne vorstellen“, sagt Toralf Stück. „Wichtig ist zuerst, dass die Badewanne nicht mehr überläuft. Dann nimmt auch die Schadstoffkonzentration im Grundwasser wieder ab.“

Der Müllkörper wird mumifiziert

Die Sanierung der Altablage erfolgt in mehreren Schritten. Sobald die Rodung abgeschlossen ist, soll das Grabensystem, das die ehemalige Deponie bereits zum Teil umgibt, saniert und in Teilen neu angelegt werden. Hinzu kommt eine Rohrleitung, die Regen- und Schmelzwasser aus dem Grabensystem in die nahegelegene Berste leitet.

 Auf der "Deponie Langer Rücken" lagern Abfälle aus sechs Jahrzehnten. Zum Stand der Sanierung informierte sich der Landtagsabgeordnete Benjamin Raschke (Bündnis 90/Die Grünen) bei Mitarbeitern der Unteren Naturschutzbehörde, der unteren Abfallwirtschafts- und unteren Bodenschutzbehörde und der Stadt Lübben. Das Absperrband im Vordergrund kennzeichnet ein Ameisennest.
Auf der "Deponie Langer Rücken" lagern Abfälle aus sechs Jahrzehnten. Zum Stand der Sanierung informierte sich der Landtagsabgeordnete Benjamin Raschke (Bündnis 90/Die Grünen) bei Mitarbeitern der Unteren Naturschutzbehörde, der unteren Abfallwirtschafts- und unteren Bodenschutzbehörde und der Stadt Lübben. Das Absperrband im Vordergrund kennzeichnet ein Ameisennest. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Die eigentliche Baumaßnahme betrifft die Altablagerung. Der Müllkörper soll mit mehreren Schichten mineralischen Materials bedeckt und abgedichtet werden. Zuoberst werde eine Bodenschicht als Deckschicht aufgebracht, auf der im nördlichen Teil der ehemaligen Deponie eine Blumenwiese geplant sei, erklärt Toralf Stück. „Die Blühwiese wurzelt also auf sauberem Boden.“

Wenn die Sanierung abgeschlossen ist, sollen Regen- und Schmelzwasser von der Oberfläche des Bauwerks ab- und in den Graben fließen, von wo aus es in die Berste geleitet wird, ohne den Müllkörper erreicht zu haben. Dadurch komme es zur „Mumifizierung des Altablagerungskörpers“, sagt Toralf Stück. Wenn der Müllkörper ausgetrocknet ist, unterbleiben auch die biologischen Aktivitäten. „Das ist aber ein langwieriger Prozess“, gibt Stück zu Bedenken.

Der Sachbearbeiter der unteren Abfallwirtschafts- und Bodenschutzbehörde ist aber zuversichtlich, dass sich die Baumaßnahme positiv auf den Grundwasserzustand auswirken wird: „In den Jahren von 2014 bis 2018 haben wir im Landkreis 17 Altablagerungen rekultiviert. Das hat sich bewährt.“ Insgesamt gebe es fast 500 Altablagerungen im Landkreis Dahme-Spreewald, von denen etwa 45 Prozent noch nicht saniert seien. Nicht alle hätten jedoch die Größe der „Deponie Langer Rücken“ und bei vielen gebe es „kein unmittelbares Sanierungspotenzial“, gibt Toralf Stück an.