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| 17:57 Uhr

Für die Zukunft rüsten
Lübben hat das Weltklima im Blick

Fritz A. Reusswig vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung ist überzeugt, „der Klimawandel ist schon da und wird noch schlimmer“. Die Bauern hatten in diesem Jahr extrem unter der Dürre zu leiden.
Fritz A. Reusswig vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung ist überzeugt, „der Klimawandel ist schon da und wird noch schlimmer“. Die Bauern hatten in diesem Jahr extrem unter der Dürre zu leiden. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Lübben. Die Stadt bekennt sich zum Klimaschutz und setzt auf Nachhaltigkeit. Sie ist schon jetzt "sortierter" als andere Kommunen. Von Andreas Staindl

Lübben allein kann das Weltklima nicht retten. Die Stadt kann aber Vorbild sein und nachhaltig wirtschaften. Wie das geht, und warum das überhaupt nötig ist, darüber haben sich Experten mit Bürgern der Kreisstadt verständigt.

Die Gesellschaft für Europa- und Kommunalpolitik (GEKO) e.V. hatte in das Rathaus eingeladen. Das Interesse hielt sich in Grenzen. Dafür war die Diskussion umso anregender. Fritz A. Reusswig vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) machte mit Zahlen und Fakten deutlich, warum Klimaschutz nötig ist, und welche Folgen Klimaveränderungen schon heute weltweit haben. Sein Fazit: „Der Klimawandel ist schon da und wird noch schlimmer.“

Klima-Kompetenz im Lübbener Rathaus.  Karl-Heinrich von Bothmer, Fritz A. Reusswig, Lars Kolan und Matthias Städter (v.l.n.r.)
Klima-Kompetenz im Lübbener Rathaus.  Karl-Heinrich von Bothmer, Fritz A. Reusswig, Lars Kolan und Matthias Städter (v.l.n.r.) FOTO: Andreas Staindl

Als visuelle Botschaft zeigte er ein Bild von der „deutschen Savanne“ im Sommer dieses Jahrs. 2018 sei es in Deutschland so heiß gewesen, wie es eigentlich erst 2070 erwartet werde. Wasserknappheit, Artensterben und Waldbrände etwa seien schon heute Folgen auch bei uns. Doch während wir – auch in Lübben – noch gegensteuern könnten, führe der Klimawandel in anderen Teilen der Welt zu Katastrophen. Wie Fritz A. Reusswig sagt, wird bis 2050 mit etwa 130 Millionen Klimaflüchtlingen weltweit gerechnet. „Das Bekämpfen der Fluchtursachen beginnt im Kleinen“, sagt Detlev Groß vom Ministerium für Justiz, Europa und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg. „Die Dialogreihe soll helfen, einzelne Akteure vor Ort zu vernetzen.“

Lübben hat sich längst zum Klimaschutz bekannt. Die Kreisstadt hat mit Matthias Städter seit 2016 einen Klimaschutzmanager – wie nur etwa 20 weitere Städte in Brandenburg – sagt der Experte. Bürgermeister Lars Kolan (SPD) sieht Lübben deshalb „sortierter“ in Sachen Klimaschutz „als andere Kommunen aufgestellt. Wir wollen kein ungebremstes Wachstum, sondern Nachhaltigkeit.“

Wie das erreicht werden soll, das erläuterte Matthias Städter. Zum Beispiel, den Nachwuchs mit gezielten Projekten einbeziehen und ihn so für den Klimaschutz sensibilisieren: Im nächsten Jahr beginnt das Energiesparmodell „fifty/fifty“ in 18 Kitas und Schulen in Lübben und Luckau (die RUNDSCHAU berichtete). „Wir werden Klimaschutz erlebbar machen“, kündigt Matthias Städter an. Und, dass die Elektromobilität weiter vorangetrieben werden soll. Erste Ladesäulen gibt es, weitere sollen demnächst folgen. Die Stadtverwaltung will ihren Fuhrpark auf Elektromobilität umstellen, ein Anfang ist schon gemacht. Die neue Kita „Waldhaus“ in Treppendorf ist dem Klimamanager zufolge das erste kommunale energieeffiziente Gebäude der Stadt. Der Energieverbrauch sinke um mehr als die Hälfte.

Der Ausbau erneuerbarer Energien (Solaranlagen/Windkraftanlagen) soll unterstützt, das Wegenetz in der Stadt optimiert, der öffentliche Personennahverkehr gestärkt werden. Den Klimaschutz hat die Kreisstadt auch während des Umbaus des Quartiers in Lübben-Nord im Blick. „Wir sind schon auf dem richtigen Weg“, sagt Lars Kolan. „Auch Drehen am kleinen Rad bringt etwas.“

Karl-Heinrich von Bothmer, Beauftragter für Nachhaltigkeit des Brandenburger Umweltministeriums, bestätigt ihn: „Jeder persönlich muss sein Konsumverhalten hinterfragen, etwa überlegen, ob es wirklich Erdbeeren zu Weihnachten sein müssen.“ Er wünscht sich, dass die Ziele des Klimaschutzes für die Menschen „noch griffiger, nachvollziehbarer gemacht werden. Es ist fantastisch, was Lübben schon auf die Beine gestellt hat – das ist gelebte Zukunft.“

Ganz so rosig sahen es anwesende Bürger dann nicht. Andreas Kurzhals, Leiter der Spreewaldschule, zweifelt, „ob E-Mobilität wirklich nachhaltig ist. Wir verwenden den Begriff inflationär für ein gutes Gefühl.“ Er wünscht sich zudem mehr Konsequenzen für Menschen, die dem Klima bewusst schaden: „Es gibt Kraftfahrer, etwa Busfahrer, die lassen den Motor ihres Fahrzeugs stundenlang laufen, nur damit der Bus im Sommer schön kühl bleibt.“ Für Frank Freyer, Geschäftsführer der Lübbener Wohnungsbaugesellschaft (LWG) mbH, sind die Auswirkungen von Solaranlagen auf den Wohnblöcken „noch nicht überzeugend geklärt. Was packen wir uns da aufs Dach? Ist das später Sondermüll? Und haben diese Anlagen überhaupt Auswirkung auf die CO2-Bilanz?“ Fritz A. Reusswig empfiehlt „eine balancierte Sicht, ein Abwägen von Risiken und Chancen“.

Insekten sind wichtige Indikatoren für Veränderungen des Klimas. „Schon kleine Maßnahmen können die Bedingungen etwa für Bienen deutlich verbessern“, sagt die Imkerin Britta Meyer aus Schönwalde (Unterspreewald). „Wir haben das Thema im Blick, geben den Bienen etwa mit Blütenwiesen im Stadtgebiet eine Chance“, sagt Lars Kolan. Der Naturschützer und Gästeführer Uwe Neumann kritisiert, dass es zahlreiche Veranstaltungen wie „GlobaLokal“ gebe, die „sich nur mit sich selbst beschäftigen. Oft kommt dabei nichts raus.“ Der Lübbener Hartmut Haase wünscht sich weniger Plasteverpackungen in den Supermärkten: „Papiertüten wären viel besser.“ Auch die Zehntklässlerin Vivien Oswald von der Spreewaldschule macht sich Gedanken über das Klima: „Wenn jeder Haushalt ein Elektrofahrzeug geschenkt bekommen würde, würden die Leute sehen, dass es etwas bringt.“ Hoffnung, dass das passiert, hat sie nicht, denn: „Geld regiert die Welt.“ Sie selbst will sich aber gern für den Klimaschutz begeistern lassen –„am besten von jungen Leuten“. Lübbens Bürgermeister traut der jungen Generation einiges zu: „Sie denkt einfach weiter als wir. Wir Älteren sollten uns von den Jüngeren auch mal in Sachen Klima erziehen lassen.“