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| 18:00 Uhr

Ruhestand
Archäologie im Blut

Christina Orphal verabschiedet sich in den Ruhestand. Lübben hat ihr das Museum zu verdanken, das sie bisher leitete. Nun will sie sich eigenen Projekten widmen, bleibt dem Haus aber eng verbunden. Von Ingvil Schirling

Überwältigt, das war sie. Und voller Freude, sowohl über das Geschaffene in den vergangenen 21 Jahren als auch über die vielen Gäste und nicht zuletzt über das, was nun kommen mag. Christina Orphal, die Chefin des Stadt- und Regionalmuseums Lübben, hat sich am Mittwoch in den Ruhestand verabschiedet. Sie baute das Museum im Lübbener Schloss aus dem sprichwörtlichen Nichts auf und leitete es seit der Eröffnung 17 Jahre lang. Dieser Frau haben die Spreewald­stadt und ihre Gäste 72 spannende Sonderausstellungen zu verdanken, zahlreiche Publikationen und ein Museum, das vieles vor dem Vergessen bewahrt und überraschende Schätze der Regionalgeschichte bietet. Und eines, das in die Tiefen der Archäologie führt.

Dorthin wäre Christina Orphal auch gern gegangen. Mit Schippe, Pinsel und Abenteuerlust, auf Schliemanns Spuren, der einst Troja ausgrub. „Doch das war mir nicht vergönnt“, bedauert sie noch heute im Gespräch mit der RUNDSCHAU. Mit einem Abitur von 1,3 bewarb sie sich für Orient- und Altertumswissenschaften. „Doch es wurden nur Männer genommen“, erinnert sie sich. Ihr sei klipp und klar gesagt worden, dass sie als junge, blonde Frau wegen der enthaltenen Arabistik nicht geeignet sei. „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen.“

Statt dessen studierte sie Elektrotechnik in Dresden. „Nach dem ersten Halbjahr dachte ich: Wenn Du das schaffst, bist Du ein Genie.“ Sie schaffte es, „aber es war nicht das, was ich wollte“. Die junge Frau arbeitete beim Waggonbau in Görlitz, kehrte nach Lübben zurück, um in der Munitionsfabrik die Rechenstation zu leiten. „Da mein damaliger Mann zur Armee war, hatte ich Zeit und fragte mich, was ich für Lübben tun könnte.“ Beispielsweise, wie man der Stadt wieder zu einem Kirchturm verhelfen könnte. Die Gefühle waren zwar gemischt: „Eigentlich wollte ich doch raus und dort graben, wo Schliemann gegraben hatte - und nicht hier im Modder“, sagt sie rückblickend und schmunzelt. Doch beim damaligen Rat des Kreises wurde ein ehrenamtlicher Denkmalpfleger gesucht, ebenso ein Bodendenkmalpfleger, und das war immer noch wesentlich besser als gar nicht graben. Und außerdem, so scheint es rückblickend, war sie ihrer Heimatstadt schon damals enger verbunden als sie glaubte. So kam Christina Orphal in den 1980er-Jahren zu einer dreijährigen Ausbildung im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Potsdam und zu einer Grabungsgenehmigung. „Die habe ich heute noch. Ich könnte, wenn es nötig ist, eine Notgrabung machen.“

Zwischenzeitlich war Christina Orphal geschieden und alleinerziehende Mutter. Über die neue Aufgabe lernte sie Peter Schuster kennen, den bekannten und einflussreichen Cottbuser Denkmalpfleger und Architekten. In dieser engen Verbindung lernte sie „unheimlich viel über Denkmalpflege und Kulturgeschichte“.

Den ersten Anstoß zum Aufbau des Museums aber gab sie zur Wendezeit. Auf einer Versammlung wurde sie eingeladen, über die Mängel im Kulturbetrieb zu sprechen - auch darüber, dass es in Lübben nach der Zerstörung Ende des Zweiten Weltkrieges und zwei Wiederaufbauversuchen kein Museum mehr gab. Obwohl sie schüchtern sprach, entfachten Christina Orphals Worte den Funken neu. Doch noch Jahre lang hieß es: Warten.

Zunächst übernahm sie Aufgaben im Umwelt- und Naturschutz der Stadtverwaltung. Im Herbst 1996 wurde sie im Zuge des Vorhabens, das Schloss zu sanieren, gefragt, ob sie darin nicht ein Museum aufbauen wolle. Sie hätte dieses lieber in der heutigen Diakonie gesehen am Ende der Breiten Straße („und vielleicht nebenbei die Hospitalkirche wieder aufbauen können“, sagt sie nachdenklich), doch es wurde das Schloss.

Es wurde zunächst auch weniger Gehalt und sehr viel mehr Arbeit, und es begann in einer Bodenkammer  an der Lübbener Friedensstraße mit 20 mühsam zusammen gesuchten Objekten.

Sie war entschlossen, hatte den nötigen Jagdinstinkt bei der detektivischen Suche nach Ausstellungs- und Aufbewahrungsstücken, und Mut. Mit ihrer damaligen Mitarbeiterin stieg sie in die stillgelegte Kartonagenfabrik ein, um für Ausstellungszwecke Pappen zu bekommen und Historisches für die Sammlung zu retten. Willi Webers Werkstatt wurde zum Magazin.

Heute bräuchte das Museum weitere Räume, um die Fachbibliothek und das eigene Archiv gut unterzubringen.

Während Christina Orphal sammelte, entstand das Museum, damals modern konzipiert und mit dem pädagogischen Ansatz zum Mitmachen ausgestattet. „An dem Tag, an dem es eröffnet wurde - am 1. Juni 2001 - wurde ich in die TKS abgeschoben“, sagt sie nicht ohne Bitterkeit im RUNDSCHAU-Gespräch. Eigentlich war sie am Ziel ihrer Wünsche, doch gleichzeitig wirkte die Umstrukturierung. „Und ich durfte ja noch nicht mal was sagen“, erinnert sie sich. „Dass zum pädagogischen Konzept auch Inhalte gehören, wollte damals keiner wissen.“

Der chronische Geldmangel und die aus ihrer Sicht geringe Wertschätzung für die Kultur-, besonders aber die wissenschaftliche Arbeit rund um ein Museum, begleiteten sie fortan. Wer feststellt, dass das Lübbener Museum sein Potenzial bisher nicht ausgeschöpft hat, dem gibt sie recht. „Es gab ein museumspädagogisches Konzept, aber keinen Cent für Videobeamer, Leinwände, Computer“, kritisiert sie. Schon 1999 gründete sie den Förderverein, um Eigenmittel für zweckgebundene Zuschüsse beispielsweise vom Landkreis zu haben. Für Ausstellungen habe es keinen eigenen Haushalt gegeben, auch nicht für Investitionen oder Ersatzbeschaffungen. „Personell wurden wir total kurz gehalten“, sagt sie. „Sich frei zu entfalten, war unter diesen Umständen nicht möglich“, so ihre Sicht.

Eine neue Chefin oder einen neuen Chef wird es zunächst nicht geben. Ab 1. April übernimmt Corinna Junker, die bereits die Märchen-Ausstellung konzipiert hat, die kommissarische Leitung. Christina Orphal wird derweil zu ihren Wurzeln zurückkehren und sich beispielsweise mit dem Burglehn beschäftigen. In der Nähe wuchs sie auf, „und wir haben die Atmosphäre damals aufgesogen.“ Ein verschütteter Gang fasziniert sie noch heute. Die Archäologie hat sie im Blut.

Ein Projekt über alte und besondere Bäume steht im Raum, ein weiteres über Sagen und eines über Flurnamen.

Neben viel Würdigung und Wertschätzung stand die Zukunft ganz klar im Mittelpunkt der offiziellen Verabschiedung am Mittwoch. Klar wurde: Christina Orphal, ihr großes Wissen, ihre Begeisterungsfähigkeit und Visionen werden Lübben erhalten bleiben. Über diese wird noch Einiges zu reden sein.