Er spricht nicht mehr viel, aber er ist ein zärtlicher Mann. Küsschen hier, Küsschen da, breites Grinsen, Umarmung – „das alles vermisse ich jetzt“, sagt Sigrid Michalek. Sie wird dieses Jahr 80 Jahre alt, ihr Mann Heinz-Jürgen 84, und um die große Hoffnung vorwegzunehmen: Ihre Geburtstage sind am 17. und 18. September, direkt nacheinander. Ab sofort dürfen hiermit die Daumen gedrückt werden, dass die beiden ihre Ehrentage dieses Jahr gemeinsam feiern werden.

Besuchsverbot trennt Paar am 61. Hochzeitstag

Ihren Hochzeitstag am 20. März, zum Frühlingsanfang 2020, mussten sie nämlich getrennt verbringen. Denn um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, herrscht in der K&S Seniorenresidenz am Lübbener Bahnhof wie in allen Pflegeeinrichtungen Besuchsverbot. Schon seit dem 16. März gilt es, und das nicht ohne Grund. Chefin Andrea Kunert ist die Anspannung und Sorge um ihre Bewohner anzumerken, denn gerade sie haben oft nicht mehr das beste Immunsystem. Und auch die Mitarbeiter gilt es zu schützen.

Sigrid Michalek sagt: „Ich sehe das auch alles ein. Wir wollen ja nicht, dass wir alle krank werden.“ Selbst nicht dazu beizutragen, das Virus möglicherweise unwissentlich ins Heim zu bringen, ist ihr sehr wichtig, und sie weiß ihren Mann gut aufgehoben. „Die Schwestern geben sich sehr viel Mühe und sind sehr nett. Ich muss damit fertig werden - aber das ist schwer.“

Denn bis dato fuhr die Hal­berin mit dem Zug binnen 30 Minuten an manchem Tag sogar zweimal zu ihrem Mann. „Er kann nicht stillsitzen, er muss laufen“, weiß sie. Kaum spricht sie die Zauberworte: „Wollen wir spazierengehen“, habe er schon die Jacke an.

Heinz-Jürgen Michalek ist ein sportlicher Typ, war Fußballtrainer zu DDR-Zeiten, international unterwegs bei Nationalteams in Mosambik, Nicaragua oder Nepal. Er ist zu Fuß nach wie vor flott. Nach den gemeinsamen Runden „bin ich geschafft“, erzählt seine Frau und fasst ein langes Eheleben so zusammen: „Wir haben einiges miteinander erlebt.“

Die Entscheidung für das Pflegeheim fiel schwer, doch die Demenzerkrankung von Heinz-Jürgen Michalek schritt voran. Nach einer Kurzzeitpflege in der K&S-Seniorenresidenz wurde entschieden, dass er sein Zimmer gleich behält. Anfangs ging es noch übers Wochenende nach Hause, inzwischen hat er sich gut eingelebt.

„Bring Corona nicht zur Oma“

Den 61. Hochzeitstag am 20. März hat Sigrid Michalek versucht zu verdrängen. Doch als per Post der Blumenstrauß einer ihrer Töchter eintraf, war es vorbei mit der mühsam bewahrten Fassung. Es wurden nicht nur ein paar Tränchen vergossen. „Es war ganz schlimm“, sagt Sigrid Michalek ehrlich – und das dürften in dieser angespannten Zeit wohl viele mitfühlen können. Besonders, wenn man sich als Paar nahe ist. „Wir haben uns immer gut verstanden“, sagt sie. „Jetzt wollen wir hoffen, dass es vorangeht.“

Marina Hütten aus Goßmar in Heideblick sieht die Besuchersperre derzeit als einzigen Weg. „Bring Corona nicht zur Oma“ – ein Spruch, aufgeschnappt von einer Litfaßsäule – könnte fast von ihr stammen. „Handdesinfektion, Einlasskontrollen – das reicht nicht aus. Jeder umarmt doch die Oma“, sagt sie. Ihre Mutter Waltraud Illmer ist nach mehreren kleineren Schlaganfällen in keinem sehr guten gesundheitlichen Zustand. Sie lebt seit sieben Jahren in der K&S-Seniorenresidenz, und die Goßmarerin ist dankbar für alles, was die Schwestern und das Pflegepersonal den Angehörigen ermöglichen. Blumen werden überbracht, Briefe vorgelesen – auf dieses altbewährte Kommunikationsmittel greift Marina Hütten zurück, um ihrer Mutter oft zu zeigen, dass sie nicht allein ist.  „Das funktioniert super. Es gibt sogar kurze Spaziergänge mit den Leuten im Garten. Ich ziehe vor den Pflegern und Schwestern den Hut“, sagt sie. „Es gibt Altenheime, wo das Coronavirus ausgebrochen ist, und dann schlägt es richtig ein.“

Pflegeheim-Leiterin will ihr Haus schützen

Deshalb ist Andrea Kunert wichtig, ihr Haus zu schützen. Und doch bereitet sie sich auf das Schlimmste vor: Ein Isolierzimmer entsteht gerade; eine Mitarbeiterin, die demnächst aus Neuseeland zurückgeholt wird, muss aus ihrer Sicht auf jeden Fall in Quarantäne, ehe sie die Arbeit im Haus wieder aufnimmt.

Auch die evangelischen Seniorenzentren in Luckau und Lübben haben präventive Maßnahmen ergriffen. Ein Tisch zum Ablegen der Wäsche steht bereit, um nicht notwendigen Körperkontakt zu vermeiden. Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung sind noch ausreichend vorhanden. „Wir hoffen, dass die Situation schnell vorüber geht. Den Senioren den Kontakt zu Angehörigen nicht zu ermöglichen, macht mich traurig“, sagt Einrichtungsleiterin Katrin Weinert. Sie führt sowohl das evangelische Seniorenzentrum „An der Berste“ in Luckau als auch die Einrichtung „Am Spreeufer“ in Lübben. Vielen Bewohnern fallen die Einschränkungen sehr schwer. Kontakt zu den Liebsten gibt es meist nur noch per Telefon. Die Pflegefachkräfte versuchen nun, noch einfühlsamer zu sein als zuvor, wollen ein Stücke Nähe zurückgeben. Denn auch die vielen ehrenamtlichen Helfer, die vorgelesen, gesungen oder mit den Senioren spazieren gegangen sind, dürfen die Einrichtungen bis auf Weiteres nicht mehr besuchen.

Und doch möchten beide Leiterinnen sich Einzelfalllösungen vorbehalten, um es gesunden Angehörigen zu ermöglichen, in Würde Abschied zu nehmen, wenn einer der Bewohner gehen muss. Derzeit stellt sich diese Frage nicht.

Vielmehr bleibt die Hoffnung. Auf Wiedersehens- und Geburtstagsküsse, auf Umarmungen und Zärtlichkeiten.

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Hintergründe zum Coronavirus in der Lausitz finden Sie in diesem Dossier.

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