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| 15:55 Uhr

Den Ernstfall bedenken
„Der richtige Zeitpunkt ist jetzt!“

Andrea Kunert, Leiterin der K&S Seniorenresidenz Lübben, erklärt, warum sich jeder rechtzeitig der Frage stellen sollte, wie er sein Leben gestalten will, wenn er alt ist. Jeder muss sich einmal mit dieser Frage auseinandersetzen. Von Stephan Meyer

„Leider wird das Thema zu oft weggeschoben“, sagt Andrea Kunert. Viel zu wenige würden sich Gedanken um den Ernstfall machen, so der Eindruck der Leiterin der K&S Seniorenresidenz in Lübben. Nach einem Unfall, einer schweren Krankheit oder altersbedingt kann es passieren, dass man Entscheidungen des täglichen Lebens nicht mehr selbst treffen kann. Eine Vorsorge für eventuelle Notfälle sei daher unerlässlich.

„Dennoch sind wir weiter, als noch vor zehn oder 15 Jahren“, ist die Lübbenerin überzeugt. „Ich merke schon, dass darüber gesprochen wird, aber es wird sich nicht festgelegt.“ Es sei nicht selten, dass jemand eine grobe Vorstellung davon hat, wie er leben möchte, wenn er nicht mehr in der Lage ist, über sein Leben selbstbestimmt zu entscheiden. Der wesentliche Schritt werde jedoch gescheut.

Unter „wesentlicher Schritt“ versteht Andrea Kunert vor allem die Vorsorgevollmacht. Sie bevollmächtigt, nach deutschem Recht, eine Person eine andere Person, im Falle einer Notsituation, alle oder nur bestimmte Aufgaben für den Vollmachtgeber zu erledigen. Andrea Kunert geht mit gutem Beispiel voran. Als ihre Tochter 18 wurde, wurde sie auch die Vorsorgebevollmächtigte für die Seniorenresidenz-Leiterin. Der Ernstfall könne jederzeit eintreffen und nicht erst im hohen Alter. „Was ist, wenn ich heute Nachmittag mit dem Auto gegen einen Baum fahre?“, fragt die Lübbenerin, die sich fest vorgenommen hat, mindestens 104 Jahre alt zu werden. Sie habe als Mutter alles vorbereitet. Auch im Falle ihres Ablebens wisse ihre Tochter, was zu tun wäre: Welche Musik beim Begräbnis laufen und welche Blumen zur Beisetzung geliefert werden sollen.

„Ich fände es unfair ihr gegenüber, sie ohne entsprechende Vorbereitungen alleine zu lassen.“ Denn dann würden Entscheidungen aus der Trauer heraus getroffen und die Verwandten sind ratlos darüber, was derjenige eigentlich wollte. „Das sind Fragen, mit denen sich Angehörige zu dem Zeitpunkt nicht beschäftigen wollen. Die wollen Weinen und ihre Trauer bewältigen.“ Die Leiterin der Seniorenresidenz glaubt, dass sich die Menschen einfach davor fürchten. „Das ist die Vogel-Strauß-Politik — vielleicht trifft es mich ja nicht.“ Doch je besser die Vorbereitung, desto sanfter sei der Schlag, so ihre Erfahrung.

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen? Darauf hat die 54-Jährige eine kurze Antwort: „Jetzt!“ Eine Vorsorgevollmacht sollte, ihrer Ansicht nach, jeder Erwachsene haben, der Verantwortung für andere hat und über eigenen Besitz verfügt. Ohne ein solches Papier darf, vom Gesetzgeber her, kein Arzt Angehörige über den Gesundheitszustand eines Patienten informieren. Weder Eltern, Ehepartner oder Kinder. „Es tut nicht weh ein Vorsorgevollmacht zu haben, es tut nur weh, wenn man sie nicht hat“, so Andrea Kunert.

Zudem ist so eine Vollmacht ganz unkompliziert. Es reicht das geschriebene Wort, erläutert die Seniorenresidenz-Leiterin. Ein Notar ist nicht notwendig. Darüber hinaus kann das Dokument jederzeit geändert werden. „Wichtig ist es, mit den Angehörigen alles bis zum Ende zu besprechen“, sagt sie. Spätestens mit dem Eintritt ins Rentenalter. Dabei gilt es folgende Fragen zu klären: Wer wird sich um mich kümmern, wenn ich nicht mehr selber dazu in der Lage bin? Gehe ich in ein Altersheim oder erklärt sich eines meiner Kinder dazu bereit, mich aufzunehmen? Wie bin ich finanziell abgesichert? Wer weiß, was mit meinem Geld und meinem Besitz später passieren soll?

Die Andrea Kunert beispielsweise liest leidenschaftlich gerne Bücher. Sie möchte nicht, dass ihre Angehörigen nach ihrem Ableben ihre Sammlung in einem Container entsorgen. Sie soll an jemand gehen, der sie auch wertschätzt.

Gespräche über den Umgang mit Notfallsituationen sollten mit der Familie und den Freunden regelmäßig wiederholt werden, rät sie. „Alle sieben Jahre ändert sich die Geisteshaltung, der Geschmack eines Menschen“, weiß Andrea Kunert. Wer sich unsicher ist, dem empfiehlt sie die eigene Biografie im Blick zu haben. „Denn meine Biografie prägt mich. Daraus ergeben sich Wertvorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse.“ Auch hierfür hat sie ein Beispiel parat. Wer immer Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt hat, der möchte vielleicht auch im Altersheim weiterhin mit einer schicken Hosen gekleidet sein und nicht, wegen der Bequemlichkeit der Angehörigen, eine Jogginghose aufgedrängt bekommen. „Und wenn das mit einer richtigen Hose irgendwann nicht mehr klappt, dann muss es halt ein Jogginghose sein, die nicht wie eine aussieht. Eine die schick ist“, argumentiert sie.

Zu den Problemen, die sich durch Notfallsituationen ergeben, gäbe es weder richtige, noch falsche Antworten. „Richtig wäre es, wenn der Vater auch später noch alleine entscheiden könnte.“ Niemand könne glauben, für seinen Nächsten alles „richtig“ entscheiden zu können.

Laut Andrea Kunert sei die wichtigste Frage: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich irgendwann nicht mehr die Treppen im Haus laufen kann? Was wäre, wenn ich irgendwann nicht mehr die Radieschen im Garten ziehen kann? „Immer dort brauche ich eine Vorsorge“, erklärt sie. Für solche Fälle müsste jemand Macht, Wissen, Mut und die Befähigung gegeben werden, für einen zu entscheiden. „Ich muss demjenigen natürlich auch mein Vertrauen aussprechen.“ Als Beratungsstelle in solchen Dingen empfiehlt sie den Pflegestützpunkt Lübben.