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Landwirt will Wolfswachen am Lagerfeuer einrichten

Der Wolf auf Beobachtungsposten. In Leibsch hat Frank Michelchen aufgerüstet, um Angriffe des Räubers auf eine Mutterkuhherde abzuwehren. Doch nun erwischte eine Wildkamera einen Wolf direkt vor dem Zaun.
Der Wolf auf Beobachtungsposten. In Leibsch hat Frank Michelchen aufgerüstet, um Angriffe des Räubers auf eine Mutterkuhherde abzuwehren. Doch nun erwischte eine Wildkamera einen Wolf direkt vor dem Zaun. FOTO: dpa/Julian Stratenschulte
Lübben/Leibsch/Neuendorf am See. Ein Landwirt und Pensionsbetreiber aus Leibsch im Unterspreewald greift zu drastischen Mitteln. Über soziale Netzwerke ruft er Freunde und Bekannte zur Lagerfeuerwache gegen den Wolf auf. In der Nacht zu Montag erwischte eine Wildkamera einen Wolf direkt neben dem Zaunpfosten an seiner Mutterkuhherde. Ingvil Schirling

Frank Michelchens Nächte sind kurz. Vor dem Schlafengehen, also gegen Mitternacht oder kurz vor ein Uhr, sieht er das letzte Mal nach seinen 40 Mutterkühen und aktuell zwölf Kälbern. Am Morgen, wenn es hell wird, also kurz nach sieben, steht die erste Runde des Tages an. Bei Einbruch der Dunkelheit fährt er nochmal raus. Sein Ziel: Unruhe verbreiten, Präsenz zeigen, damit sich der Wolf vielleicht doch nicht direkt in seine Herde traut.

Zur Sicherheit trägt auch der Zaun bei. Fünf Drähte auf 20, 40, 60, 90 Zentimetern und 1,20 Metern Höhe stehen unter einer ordentlichen Spannung von 8000 Volt. Dafür hat er 700 Euro investiert und auf seinen drei Hektar Weidefläche 30 Arbeitsstunden geleistet.

Hilfe vom Land gibt es ihm zufolge für Rinderzüchter nicht. Der Leibscher hat sich ins Wolfsthema tief eingearbeitet und ist mittlerweile Wolfsbeauftragter vom Bauernbund. Er berät auch andere Betroffene und ist nicht erst seit dem jüngsten Wildkamerafoto alarmiert. Der Konflikt rund um den Wolf, der in der Region schon lange schwelt, spitzt sich zu. Das Leistbare an Sicherheit für die Weide- und Nutztiere hat Grenzen erreicht.

"Wir hoffen, dass wir so über den Winter kommen", sagt Frank Michelchen angesichts seiner Sicherheitsmaßnahmen in Form von Zaun und Präsenz. "Aber was wir im Frühjahr machen wollen, weiß ich noch gar nicht." Seine Mutterkühe, deren Kälberzahl stetig wächst, wird er dann auf 20 bis 30 Hektar Weide bringen. "Diese Art von Zaun, die wolfsabschreckend ist, ist dann gar nicht mehr leistbar, weder finanziell noch vom Arbeitsaufwand her", argumentiert er.

Gleichzeitig wächst die Zahl der Wölfe kontinuierlich, und die müssen sich ernähren. Offizielle Zahlen, denen zufolge es deutschlandweit rund 120 wildlebende Wölfe gibt, werden von den Beobachtungen der Neuendorfer komplett konterkariert. Frank Michelchen zählt die Beobachtungen auf: Ein Rudel in den Köthener Bergen mit nachgewiesen zwei Erwachsenen und vier Welpen. Gesichtet worden seien dort aber auch schon zwölf Tiere. Ein weiteres Rudel in Groß Eichholz, dessen Standort bis ans nördliche Ende von Neuendorf am See heranreicht. Zwölf bis 13 Tiere werden ihm zugeordnet. Zwischen Schlepzig und Börnichen, an den Petkampsberger Teichen, gibt es Hinweise auf ein Paar mit drei Jungen. Ein weiteres Paar ohne Nachwuchs soll bei Dürrenhofe leben. Fünf Jungwölfe sind demnach zusätzlich im Bereich Schlepzig, Dürrenhofe, Biebersdorf, Gröditsch und Kuschkow unterwegs.

Die meisten dieser Angaben sind in keiner Statistik vermerkt. Sie beruhen auf Beobachtungen, sagt Frank Michelchen. Stimmen sie jedoch, so lastet allein auf der Region zwischen Neuendorf am See, Lübben und dem westlichen Teil der Märkischen Heide ein Populationsdruck von mittlerweile 33 Wölfen. Und sie haben Hunger: Im Frühsommer wurden mehrere Schafe einer Herde mitten im Ort Neuendorf am See vom Wolf getötet.

Kälberrisse gab es Michelchen zufolge zwischen Kuschkow und Krugau, direkt vor einer Stallanlage in Schlepzig und zwei weitere in Neuendorf am See. Unmittelbar neben einer Rinderherde wurde ein skelettiertes Wildschwein gefunden.

Auch einige Jäger sagen inzwischen offen, dass bei den Tieren, die in der dritten Generation nicht bejagt werden, kaum noch Scheu besteht. "Woher auch?", fragt Frank Michelchen. Vergangenen Sommer hat er ein Wolfsforum in Schlepzig organisiert, um genau auf diese Problematik aufmerksam zu machen. Nun will er mit dem Aufruf zur Lagerfeuerwache erneut Aufmerksamkeit auf das Problem lenken. Er befürchtet, dass es in nicht allzu langer Zeit auch für Menschen zum Risiko werden könnte, von einem Wolf angegriffen zu werden.

Aus seiner Sicht hat sich im Bewusstsein vor allem der Behörden schon viel getan. Er leitet seine Beobachtungen nach wie vor ans Landesamt für Umwelt weiter, unterstützt Bauern in der Frage, wie sie mit einem Riss umgehen sollen. Michelchen fordert ganz klar: "Minister Vogelsänger muss eine Wolfsverordnung erlassen." Abschüsse sollen darin ermöglicht werden. Ein Ansatz sei es, "Problemwölfe" über die Entfernung zu definieren, die sie zum Dorf oder zu Weidetieren noch einhalten.

Unterschreitet ein Tier eine gewisse Grenze, "müsste es vom ortsansässigen Jäger sofort geschossen werden können, damit die Wölfe lernen wegzubleiben", sagt er. Denn alle anderen Ansätze - Windspiele und Störungen, die Wölfe irritieren sollen - würden nur für kurze Zeit helfen. Zäune in der Länge und Sicherheit zu bauen, dass sie Wölfe wirklich abhalten, stößt an finanzielle, organisatorische und behördliche Grenzen. Wenn sie beispielsweise an Bundesstraßen entlangführen würden, stellten sie auch ein Hindernis für Wildtiere dar, die umdrehen - und so wieder zur Gefahr für den Straßenverkehr werden.

Frank Michelchen wird nicht müde, immer wieder auf die Widersprüche solcher Lösungsvorschläge hinzuweisen. "Das sind ja oft Theorien, die nicht wirklich erprobt sind." Seine Furcht: "Uns hilft ja auch niemand."

Zum Thema:
Der Landesbauernverband schätzt, dass sich die Zahl der Wölfe in Brandenburg jährlich um ein Drittel erhöht. Die Zahl der angefallenen Weide- und Nutztiere betrug dem Verband zufolge 2015 exakt 97 und wuchs 2016 auf fast das Doppelte mit 174 gemeldeten Rissen.