| 02:41 Uhr

"Ländlicher Raum darf nicht vergessen werden"

Das wachgeküsste Schloss - vergangenes Jahr hauchte die Aquamediale den ehemals Schulenburgschen Besitztümern in Lieberose neues Leben ein. Ein großer Kunstmarkt, begehrte Führungen, Theater, Lesung und Konzert holte das imposante Gebäude aus dem Dornröschenschlaf. Es war unbestritten einer der ganz großen Höhepunkte in Lieberose/Oberspreewald im vergangenen Jahr.
Das wachgeküsste Schloss - vergangenes Jahr hauchte die Aquamediale den ehemals Schulenburgschen Besitztümern in Lieberose neues Leben ein. Ein großer Kunstmarkt, begehrte Führungen, Theater, Lesung und Konzert holte das imposante Gebäude aus dem Dornröschenschlaf. Es war unbestritten einer der ganz großen Höhepunkte in Lieberose/Oberspreewald im vergangenen Jahr. FOTO: Ingrid Hoberg
Straupitz/Lieberose. Vom Biosphärenreservat Spreewald über sanfte Hügel, die Sandwüste bei Lieberose bis hin zu den Wassersportparadiesen Schwielochsee und Briesener See: Das Amt Lieberose/Oberspreewald gehört zu den landschaftlich reizvollsten Gegenden im Dahme-Spreewald-Kreis. Doch mit Kreisreform, Breitband, Hochwasserschutz und anderen Beispielen geht die Angst um, dass das Randgebiet in Vergessenheit gerät. Ingvil Schirling

So viel Schönes auf einmal erlebt Lieberose nicht aller Tage. Die Kunst-Großveranstaltung im Aquamediale-Rahmen vergangenen Sommer, veranstaltet vom Landkreis Dahme-Spreewald, vereinte ein Wochenende lang viele Angebote und gipfelte in der Verschmelzung von klassischer Musik mit modernen Klängen.

Silber für Straupitz

Kulturell und gesellschaftlich war die Sommernacht ebenso ein unbestrittener Höhepunkt des vergangenen Jahres wie die Silbermedaille von Straupitz im Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" auf Bundesebene. "Da ist schon ein gewisser Stolz dabei", sagt Amtsdirektor Bernd Boschan. "Die Arbeit vieler, vieler Jahre, Jahrzehnte wurde anerkannt und gewürdigt", ergänzt er mit Blick auf die zahlreichen mitwirkenden Vereine und das gesamte gesellschaftliche Engagement.

Doch dieses Schöne wird im Amt Lieberose/Oberspreewald begleitet von wachsender Sorge. In den Mittelpunkt seines Rückblicks auf 2016 stellt Amtsdirektor Bernd Boschan die Befürchtung, dass seine Einwohner bei Landesprojekten ungehört bleiben und sogar vergessen werden.

Bernd Boschan führt dafür eine Reihe von Beispielen an. Die Hochwasserrisikomanagementplanung laufe voll an den Betroffenen vorbei. "Auf unser Drängen befasste sich 2016 der Kreistag Dahme-Spreewald damit", sagt Boschan. Er sei dankbar, dass dieser half, Druck aufzubauen. Doch "wir sind immer noch unwissend, was da genau passieren soll." Eine Infoveranstaltung kam weder im Ober- noch im Unterspreewald zustande. Boschan hofft auf 2017. "Wenn es da allerdings um konkrete Maßnahmen geht, ist das Kind eventuell schon in den Brunnen gefallen. Und dabei sind die Spreewälder doch hochwassererfahren und könnten mit Sicherheit etwas beitragen", argumentiert er.

Ähnlich sieht es beim Bauen in Natur- und Landschaftsschutzgebieten aus, das vom Landesamt für Umwelt deutlich erschwert wurde und damit auch im Oberspreewald Bauleitpläne zum Stillstand gebracht hat. Die Landkreisverwaltung sieht das in ihrem Rückblick auf 2016 ebenfalls kritisch.

Ein Gespräch mit dem zuständigen Minister gab es, bestätigt Boschan seinen Unterspreewald-Kollegen Jens-Hermann Kleine. "Ein kurzfristiger Termin wurde uns zugesagt. Das war im November", sagt er. Ob die Stellungnahmen zum Landesentwicklungsplan, der auch im Oberspreewald auf heftige Kritik stößt, etwas verändern, bleibt offen.

Ein anderes Beispiel, der Ausbau von schnellem Internet im Spreewald, zeigt sehr langsam mahlende Mühlen. Glasfaser 2020, das Landesprogramm, über das eigentlich auch im Spreewald Kabel verlegt werden sollten, dann aber aus Kostengründen nicht wurden, sollte Boschan zufolge bis 2015/16 abgeschlossen sein. "Wir sind jetzt in 2017." Der Handyempfang werde immer schlechter, versprochene Radwege seien nicht gekommen - die Liste der traurigen Beispiele scheint endlos. Boschan befürchtet, nur als Bedenkenträger aus dem Spreewald abgetan zu werden, wenn er den Finger in diese Wunde legt. "Aber ich bekomme auf so vielen Sitzungen die Stimmung der Einwohner mit. Sie haben das Gefühl, abgehängt und benachteiligt zu werden", warnt er. Populisten hätten es leicht, mit scheinbar einfachen Lösungen Gehör zu finden. Ein Rechtsruck drohe. "Der ländliche Raum darf nicht vergessen werden", mahnt er.

Neue Struktur bei Kitaleitung

Doch zurück zum Amt Lieberose/Oberspreewald selbst. Mit diesem Jahr greift eine neue Struktur bei den Kitaleitungen. Künftig übernehmen zwei statt bisher sechs Chefs das Organisatorische rund um die Kinderbetreuung. Damit haben, so der Plan der Amtsverwaltung, die anderen mehr Zeit für die Kleinen.

Bei den Feuerwehren gab es einen deutlichen Schnitt. Zwar bleiben die Wehren auf den Dörfern wichtige Dreh- und Angelpunkte des gesellschaftlichen Lebens. Doch kleine Ortswehren, deren Mitglieder nicht ausreichend einsatzfähig und weitergebildet waren, wurden aus den Einsatzplänen herausgenommen.

Gebaut wurde am Landambulatorium in Lieberose, an Gehwegen in Ullerdorf und dem Eingangsbereich des Dorfgemeinschaftshauses in Jamlitz. An der Goyatzer Ludwig-Leichhardt-Oberschule wurden die Computerkabinette erneuert.

Ganz in diesem Sinne stehen die Pläne für 2017. Die Sportanlagen an der Ludwig-Leichhardt-Schule sollen gründlich saniert und erweitert werden. Die Betonpiste von Burglehn nach Wußwerk soll eine echte Straße werden. Die Turnhalle in Straupitz kann mit Leader-Fördermitteln energetisch saniert werden. Eine der Feuerwehren soll ein besseres Fahrzeug bekommen. Straßenbeleuchtung und Gehwege sollen weiter ausgebaut werden.

Bernd Boschan hofft, dass Lieberose/Oberspreewald auch bei einer Kreisfusion Dahme-Spreewalds mit Teltow-Fläming im Fokus bleibt. Dann wäre das Amt noch mehr in Randlage als jetzt.

Inneres Kräftemessen

Der Amtsdirektor weiß, was da auf die Kreisverwaltungen zukommt. Auch Lieberose/Oberspreewald wurde zwangsfusioniert. "Drei, vier Jahre lang ist der Apparat mit sich selbst beschäftigt", fasst Boschan seine Erfahrungen zusammen. "Es findet ein inneres Kräftemessen statt, man kommt nicht vorwärts. Auch das ist nicht förderlich für den ländlichen Bereich."