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Kunstwerke wie Stachel in der Natur

Die großformatige Collage von Wiebke Juschuäleja Wilms ist Teil der Aquamediale. Weil die ursprüngliche Konstruktion Wind und Wetter nicht standhielt, hängt die Arbeit nun an einer Brücke.
Die großformatige Collage von Wiebke Juschuäleja Wilms ist Teil der Aquamediale. Weil die ursprüngliche Konstruktion Wind und Wetter nicht standhielt, hängt die Arbeit nun an einer Brücke. FOTO: Schirling
Lübben. Die Sommertour der Lausitzer Rundschau führte am Dienstag zur Aquamediale. Kurator Harald Larisch ging auf der Kahnfahrt in die Tiefe. Ingvil Schirling

Nein, es ging keiner baden. Das ist mit "in die Tiefe gehen" nicht gemeint. Vielmehr nutzte der künstlerische Leiter des Festivals an den Ufern der Lübbener Spree die kleine Runde von vier Gästen und einer Handvoll Mitgliedern des Aquamediale-Fördervereins, um inhaltlich weit mehr zu den einzelnen Arbeiten zu sagen als im Katalog vermerkt. Klar wurde: Die Aquamediale dieses Sommers, die unter dem Titel "Glaube Liebe Hoffnung" ans Reformations-Jubiläumsjahr angelehnt ist, kann auf vielerlei Arten gelesen werden. Harald Larisch setzte einen deutlichen Schwerpunkt auf die politische und machte damit deutlich, dass ein Großteil der Arbeiten hochbrisante Fragen stellt.

Das kam an. "Es war richtig schön", bilanzierte Dr. Wolfram Kinze. Sonnenstrahlen nach dem Gewitterregen des Morgens machten das Glück der Sommertour-Gäste perfekt. "Wenn man dann noch so eine Erklärung dazu hat…"

Harald Larisch sieht die Kunstwerke so: "Sie stehen wie Stachel in der Natur." Er spitzte das Thema auf das Spannungsverhältnis von Geld und Kapital einerseits, Lebenssinn und Nachhaltigkeit andererseits zu. Mehrere der 15 Kunstwerke machen dies im Aquamediale-Rahmen besonders deutlich: Das "Gefüge" von Albrecht Fersch, der überdimensionierte, silberfarbene Löffel von Gregor Krampitz, das Glashaus von Andrea Grote, die Kapelle von Mark Swysen, aber auch "Spreegold" von Leif Karpe oder das undefinierbare Fabeltier von Michael Hoedjes.

"Wir sind alle ökonomische Treiber", sagte Harald Larisch, "egal, ob wir Schnaps kaufen oder Kaffee zum Mitnehmen in Pappbechern". Nehmen wir uns eine Plastiktüte oder schaffen wir Alternativen? Solcherart sind die Fragen, die die Künstler an die Betrachter stellen. "Je mehr wir produzieren, desto abhängiger werden wir von Produkten", sagt Larisch - nicht zuletzt von solchen, die dabei helfen, Erzeugtes, das zu Müll geworden ist, zu entsorgen.

Hoch aktuell ist vor allem das "Gefüge" von Albrecht Fersch. Zunächst sehr tief im Wasser hängend, hatte es als mögliches Verkehrshindernis für Diskussionen gesorgt und wurde schließlich höher in den Bäumen befestigt. Zwar wird die eigentlich erwünschte direkte Berührung mit dem Betrachter dadurch vermieden. Doch was unter der Wasseroberfläche mit Plastik passiert und warum das global und langfristig so unberechenbare Folgen hat, ist nun umso besser zu sehen: Ein Teil des weißen, netzartigen Plastik-Kunstwerkes ist schwarz. Weltweit ist unterdessen nachgewiesen, dass kleinste Plastikteilchen, die in den Ozeanen driften, nicht nur in die menschliche Nahrungskette gelangen, sondern auch Mikroben, Bakterien und Viren an Orte transportieren, an die sie sonst nie hingekommen wären. Ein scheinbar harmloser Plastiktütenkauf könnte somit - im Zusammenhang mit Millionen weiterer weltweit - Folgen haben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Ein ganz anderes Charakteristikum der Aquamediale zeigte sich bei der RUNDSCHAU-Sommertour ebenso deutlich: Die Kunst und die Natur erzielen zusammen Effekte, an die weder Künstler noch Kurator dachte. Michael Hoedjres hatte gefundene Holzteile im Dickicht so zusammengestellt - ohne einen einzigen Nagel oder eine Schnur, nur aufgestapelt und in sich verkeilt -, dass ein laufendes Wesen unbekannter Art entstand. Die Aussage: Viele Tiere sterben durch menschlichen Eingriff in die Natur aus, ehe wir sie je zu Gesicht bekommen. Genau diese Natur hat dabei im Spreewald ordentlich nachgeholfen: Von dem Tier ist nur ein ungeordneter Haufen übrig, durchzogen von weißblühenden Wicken - als hätte die Vegetation einem nie erforschten Fabelwesen ein eigenes Mahnmal gesetzt.

Zum Thema:
Das Kunstfestival Aquamediale, das Teil des Kunstraums Spreewald ist, wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Die letzte Veranstaltung dieses Sommers findet am 11. und 12. August auf dem Gelände des Wasserschlosses Groß Leuthen statt. Der Baudelaire-Lesung mit Christian Redl am Freitag folgt ein "Romantisches Sommernachtskonzert" mit der Philharmonie Leipzig und Solistinnen am Samstag. Beginn ist 17, Einlass 16 Uhr. Karten gibt es unter www.lautix.de oder Tel.: 0355 481555.