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| 18:57 Uhr

Die besondere Geschichtsstunde
Der ganz große Krams

Szene aus dem Spielfilm Das schweigende Klassenzimmer.
Szene aus dem Spielfilm Das schweigende Klassenzimmer. FOTO: presse.studiocanal.de/filmverlei
Lübben. Lübbener Gymnasiasten sehen „Das schweigende Klassenzimmer“ mit dem Zeitzeugen Karsten Köhler.

So intensiv und aufmerksam sei der Film noch nie verfolgt worden – da waren sich Jürgen Bretschneider von „filmernst“ und Karsten Köhler aus Görlsdorf einig. Tatsächlich hatten zuvor gut 90 Siebt- bis Neuntklässler des Lübbener Paul-Gerhardt-Gymnasiums ohne ein einziges Flüstern   den Streifen „Das schweigende Klassenzimmer“ und die anschließende Diskussion verfolgt. „Es ist meine Geschichte“, sagte Karsten Köhler, „sie berührt mich immer wieder, und all das ist jetzt mehr als 60 Jahre her“. Und sie berührte nicht nur ihn.

Wir schreiben das Jahr 1956, Ungarnaufstand. 20 Schüler einer Abschlussklasse in Storkow hören Rias Berlin und bekommen so auch eine andere als die staatlich verordnete Sicht auf die Ereignisse, in denen sich die Ungarn gegen die kommunistische Partei und sowjetische Besatzungsmacht erhoben. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.

Zeitzeuge Karsten Köhler reicherte die Vorführung des Films „Das schweigende Klassenzimmer“ mit Einordnungen und seinen eigenen Erlebnissen als einer der Hauptakteure der wahren Geschichte an. Moderiert wurde die Veranstaltung von Jürgen Bretschneider von der Organisation Filmernst - die Schule im Kino.
Zeitzeuge Karsten Köhler reicherte die Vorführung des Films „Das schweigende Klassenzimmer“ mit Einordnungen und seinen eigenen Erlebnissen als einer der Hauptakteure der wahren Geschichte an. Moderiert wurde die Veranstaltung von Jürgen Bretschneider von der Organisation Filmernst - die Schule im Kino. FOTO: LR / Ingvil Schirling

Aus Solidarität führen die Schüler eine Schweigeminute durch. Was zuerst als kein großes Ding erscheint, eine kleine Geste junger Leute kurz vor dem Abitur an einem entfernten Ende der DDR, entwickelt sich zum Staatsakt. Irgendwie gelangt die Kunde ins Ministerium. Irgendwie versuchen die Schüler um Klassensprecher Theo, den gewieften, lebenslustigen Jungen mit Tendenz zum Durchmogeln, mit einer Notlüge noch aus der Sache herauszukommen. Doch das macht den Apparat erst recht wütend. Und dessen Gesicht in diesem Fall, der Volksbildungsminister, lässt an der Klasse ein Exempel statuieren. Er will den Rädelsführer der Aktion herausfinden. Doch eigentlich geht es um viel mehr: Eine effektvolle Machtdemonstration des Staates an einem guten Dutzend 18-Jähriger vor ihrer Reifeprüfung.

Zu erleben ist im Film die ganze Palette von Druckaufbau und -ausübung. Sie reicht von der abstoßenden Demütigung dritter und geliebter Personen, im konkreten Fall von Karls Mutter durch den Vater, einen linientreuen Abgeordneten im damaligen Stadtrat, über Lügen und Intrigen, um die Klassenkameraden gegeneinander aufzuwiegeln in der Hoffnung, sie würden sich gegenseitig verraten, bis hin zum gezielten Brechen ausgesuchter schwächerer Charaktere mit sorgsam recherchierten Familiengeheimnissen aus Kriegszeiten. Dazwischen die Nagelbretter emotionaler Kälte von kriegstraumatisierten Eltern, die zu sehr mit Überleben im System beschäftigt sind, um ihren Kindern die so notwendige wie heiß ersehnte Nähe, Unterstützung und Rückendeckung zu geben.

Theo (Leonard Scheicher) erhält von Rektor Schwarz (Florian Lukas) einen Tadel während des Fahnenappell – Szene aus dem Film.
Theo (Leonard Scheicher) erhält von Rektor Schwarz (Florian Lukas) einen Tadel während des Fahnenappell – Szene aus dem Film. FOTO: presse.studiocanal.de/filmverlei

Und doch gibt es Hoffnung. Nachdem auffliegt, wer die Idee zur Schweigeminute hatte, und Schreckliches geschieht, bekennt sich die Mehrheit der Klasse zur Urheberschaft. Jeder Einzelne holt sich damit seine Eigenmacht zurück aus den Krallen einer Fremdbestimmung durch den diktatorischen Apparat. Ein heilsamer Moment von großer Tragweite.

Es geht um Freundschaft und Zivilcourage. Um den Wiederstand. Um die Liebe. Um Erlösung. Um die Zerstörung tödlicher Verwicklungen.

Stark und emotional erzählt, ist eine Liebesgeschichte eingewoben. Theos Freundin verliebt sich in Karl, und er erwidert die Gefühle. Mitten in einem Gemengelage aus Verhör und Schweigen, mit der Drohung, kein Abitur machen zu dürfen, platzt auch noch das. Karl versucht, sich bei Theo zu entschuldigen oder wenigstens zu erklären, wird dabei ein wenig pathetisch. Der lächelt, grinst echt und unwiderstehlich, sagt: „Ach hör doch auf mit dem ganz großen Krams.“ Erfrischender geht es nicht an dieser Stelle. Denn genau genommen erleben Theo, Karl und der ganze Rest der Klasse in diesen Wochen genau das: den ganz großen Krams.

Diesen ganz großen Krams versuchte im Anschluss Karsten Köhler für die Lübbener Gymnasiasten wenigstens ein bisschen zu sortieren. Die Liebesgeschichte hat so nicht stattgefunden, erfuhren die Schüler auf Nachfrage. Überhaupt ist es eben ein Spiel- und kein Dokumentarfilm. Vieles ist Fiktion, die Schauspieler geben die beteiligten Charaktere auf mitreißende Weise wieder, ohne dass sie den historischen Vorbildern so genau entsprechen. Doch im Kern stimmt die Geschichte, wie „Zeitgeist“ Karsten Köhler bestätigte. Das gleichnamige Buch, das sein Freund Dietrich Garska schrieb, ist hingegen dokumentarisch und „darüber hinaus lesenswert“, wie er sagte.

„Er hat dafür alle Stasi-Unterlagen, an die er rankam, gelesen – vor allem unsere eigenen, da stand genügend drin“, sagte er. „Es will niemand die Vergangenheit schlecht machen“, unterstrich er, „sondern es geht darum, sie so darzustellen, wie sie war“. Dazu gehört eben auch die Geschichte vom schweigenden Klassenzimmer. Und vom ganzen großen Krams.